»Das hab' ich auch;« bekräftigte James mit aufgeheiterten Zügen: »den größten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu New York, mitunter auch weiter im Lande.«

»Wie?« fragte Justine, plötzlich zutraulicher und milder: »ach, erzählt mir doch von dieser meiner zweiten Heimath. Man hat mir schon so viel Schönes davon vorgesagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zusammen rücken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, daß die Mutter nicht so früh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.«

Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Gesicht, daß er seine Blicke auf die Manschetten seiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Gesprächs festhalten zu können.

»Mein Vater,« hob er auf wiederholte Aufforderung an, »hatte zur Zeit ein Commando in der Citadelle zu New-York; mein Onkel einen entlegenen Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstämme zu. Gelegenheit gab es für mich, den achtjährigen Knaben, genug, somit das Leben in der amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der erstern fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militärischer Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst übertreibende Mühe, denn reich zu werden ist das Ziel, wonach Alle streben. Dazwischen tönt die Trommel und das Commandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbath strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hüllt sich in Sack und Asche, und einförmige Glockenschläge langweilen den Städter, bis er, von der Last des Feiertags ermüdet, das Bette sucht.«

»O weh!« seufzte Justine, »das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja in unserer dunkeln Stadt noch besser und schöner. Doch macht das Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen.«

»Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden soll,« erwiderte James, »so bemeistert sich meiner eine heilige Wehmuth, denn mir gefiel es sehr, obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen theilen möchte. Um New-York, in billiger Nähe, finden Sie kein städtisch Landhaus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach, denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Citadelle nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch über's Wasser, und dringt in's Innere vor, so geht für ein muthig Herz und ein kühnes Auge die Wonne an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflügenden Colonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauspiel, auf solcher Waldstraße hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! so geeignet, das Gemüth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend unter den tausendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man endlich gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Gethier in seinen Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu dem einsamen Blockhause, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel fesselt den entzückten Blick. Einer der Riesenströme, die Amerika durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt kaum bis an das jenseitige Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin. Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschäume der Wellen.

Die Reisenden verdoppeln den Ruf »Hü-o!« denn der schwarze Fleck ist die Fähre, die wild und gebieterisch durch die Strömung dringt, und uns über das rothe Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrücken legt, zum ersehnten Gestade schafft. Nun geht's über Haide und feuchten Grund hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne sieht. Rechts starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und Wasserfälle der Wildniß meilenweit zu uns herüber. Links dehnt sich die Fläche, schlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf sie gepflanzt, an mastigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut. Schaaren von kreischenden Vögeln schwirren über die Ebene, den Felsen zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig daherkömmt, eiliger, als jener nackte, rothhäutige Indianer, der, von seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Gestirnen, wie von den Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildniß durch den weiten Raum, einem Nebelbilde gleich das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine Brücke, keine Fähre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt, und frische Sinne stellt er als Wacht und Läufer aus. Gerade aus geht er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum, über ihn hinweg eilt sein Fuß. Er ruft nicht den Kahn oder den Floß; schnell wie ein Fisch schießt er durch Strom und Gewässer. Wir haben ihn aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und lacht der unbehülflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um uns vor dem Regen zu schützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem Orkan, der mächtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr schweigend; nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen, dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Aeste und Kronen macht den Menschen stumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die schönen Schrecknisse voll, die uns erschüttern und erheben, aber diese Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gastlich aufnimmt, und auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter verschlummern.«

James endete hier, Athem schöpfend, die pittoreske Schilderung eines Ganges durch Haide und Forst der neuen Welt, zu welcher ihn die zauberische Macht wohlthuender Erinnerung wider Willen hingerissen hatte, und erhob beinahe schüchtern den Blick zu Justinen, in deren Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig überrascht war er jedoch, in Justinen's glänzenden Augen die aufmerksamste Theilnahme leuchten zu sehen. — Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre Hand auf die seinige, und sagte:

»Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe just gesehen, was Ihr beschrieben habt. Doch hab' ich auch an dem Gemälde genug. Die Herrlichkeiten, deren Schönheit ich wohl ahne, sind im Grunde doch nicht für ein schwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder auf dem hübsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder lesen mag, wie es in der Wildniß aussieht, ohne darum die Lust zu verspüren, selbst sie zu beschauen. Diese Wälder.... diese Haiden und Ströme.... und vollends diese einsamen Blockhäuser, Tagereisen weit von jeder Nachbarschaft entfernt....! mich schaudert!«

»Gerade in diesen Hütten ist patriarchalische Glückseligkeit zu Hause,« erinnerte James mit Wärme, »noch entsinne ich mich der Einwohner von einigen solchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigenthums. Das innigste Band verknüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe; und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem die glücklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut!« —