Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr Leben. Aus den Armen Leonores, der sie auf manche Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich hinüber. Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte sie dem Entzückten, der mit „geliebtes, himmlisches Weib“ respondierte und segnende Gebärden auf sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein erlöstes: ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete, zuraunte, wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da aber richteten sich Trotz und Person des Mädchens noch einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke versengt, schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.
Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den Winkel und ließ sich von ihm umschließen. Die Lippen schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die sie geschlossenen Augs besog. Fedors Atem blies sie aus ihnen an, sein Wunsch und Wille mit ihr lag wie Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus, ward bald ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf, trieb sie, die Hände wie Hämmer über sie gehoben, flugs in die Kammer hinauf. Dort preßte er den Rücken gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung: ihr Kleid solle sie abwerfen, Wäsche zeigen. Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in die Hände, und während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das noch gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der ihn verjagte.
Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch der Dunkelheit sprang seine Tatze aus der Wand und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl, der Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß und legte die Hände schützend unter das Gesäß. Das war ihres jungen Lebens Zustand, bis Franz erschien.
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Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als er’s gab, sah er in die Luft. Da er auf Antwort wartete, blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen Blick aus dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang ihr’s, sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun zog sie des Jungen Haupt gegen ihr Antlitz, ließ es Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus hielt und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das Mädchen mit Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube. Sofort war er mit Licht innen tapeziert. In Magen und Eingeweide, an des Leibes Wänden, — überall verzehrten ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als sie ihn anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die Depeschen im Städtchen hinfort nicht schnell bestellt, denn er verweilte auf Brücken, in öffentlichen Gärten. Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen, und ihm war’s süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen der Trottoirplatten und alle Schatten; ließ den Finger an Gittern spielen. Sonntags sackte er in eine Bank im Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.
Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm zu spähen. Erschien er, hing sie den Rumpf, die halbe Brust ins Freie und flatterte, Tuch in Händen, wie eine Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle, das offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz unten vorbei. Einmal doch wurde er flach hingenagelt, als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und Auge wie ein Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war er verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine einfache, dumme Liebe in dem Jungen, der träumte, was das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel war für die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr Krone, Kelch und Dorn und alle Vollkommenheit im Voraus. Sie empfand’s auch, als sie das erstemal mit ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem einstigen Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten. Wort aus ihrem Mund war ihm Allegorie, Silbe schon Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und Glaube. Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel, wie Basalt fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz. Die blasseste Geste von ihr blieb ihm denkmalhaft in der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie großflügelig daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes. Auch Natur, die sie einmal bezeichnet, verharrte für ihn endgiltig. Als sie bei einer Promenade den sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und Nacht seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette der Berge, an einem regnichten Morgen von ihr mit dem Finger an den Himmel gerändert, blieb dort, fest in die Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und diese Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres Lebens erhellte. Was galt Arbeit und Abhängigkeit, stand am Haustor abends der Trabant mit dem Tronhimmel seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt? Maskerade war ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der Seite des Verliebten.
Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und dringend an und nahm aus Haltung und Gebärde viel für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch erfuhr sie nicht, daß der Eindruck ausblieb, weil die männliche Seele sie ewig strahlender sah, als sie es darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber Meta dazu. Und die war ihm ursprünglich herrlicher.
Flitzte auf gelbem Rad er vorüber — stand sie im Fenster —, riß er die Mütze in die Wagerechte und schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue. Lob für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat, sie’s auch zu lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam und sie in den Sattel hob, saß sie schlecht und bewegte sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei, schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine beherrschend, sie mit Schwung aus sich selbst in Gang setzen und lächelnd entschweben, stieg sie gleich zur Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus nicht.
Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen Anbetung eine Formel der Vollkommenheit erfüllen wollte, bemühte sie sich jetzt, die Schöpfung abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen den Gipfel des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen und starrten, Atem ausbrausend, den Rausch der Freiheit oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl wissend, anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern aber versage sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon die Tropfen fielen: daß es doch regnen möchte! Und stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf die Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig, als hätte der auf ihren Ruf erst sich illuminiert.
Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben mit Franz zu machen. Keine Nebenbuhlerin könne gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft, englischen Freuden, mit sich selbst immer das Paradies auf die Szene.