Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für Gefühle, die sie irgendwie schon heimsuchten. Einen Frühling hindurch liefen sie in Freistunden durch umhuschte Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos, das Bild der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta die gestellte Sonne blieb.

Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war ihr Wille seiner Demut unterworfen. Seine herrische Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen Spielraum, zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich liebte sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe, und mählich, mehr und mehr, begann sie, ihm diese zu neiden.

Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall, sie aber mußte irgendwie mit seelischer Verzierung stehen, hätte sie neben ihn hinsinken und auch anschmachten, anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke trieb ihr schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz der Gesten begann zu reißen, ihrer Stimme Metall zerbrach. Brüchig ward das eherne Standbild, und Fleisch begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand er jung, stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr, senkte das Haupt an ihre Brust, auf das sie dem Ritus zufolge die gekreuzten Handflächen legen mußte, konnte sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte sie an seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne schlugen und Gebein klappte. Er aber, knabenhaft frei, sang das Marschlied in die Luft.

Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund auf zu ändern; seiner Kraft und Gewalt möchte er sich bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster geschmetterte Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm Schlafengehen brach sie ins Knie und senkte der Seele unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in selbstvergessenes Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger Schonung Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem ankünden, schob er unwiderstehlich doppelte Riegel vor. Er wollte seine Andacht bis an die Sterne spreizen, doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte ekstatisch, und die Arme ruderten wie mystische Mühlen. So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm fraß in ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur immer mit allen Sinnen, durch welche Mittel sie ihn zerschlagen, wie sie Franz vergotten und in der Rolle der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück bis an den Rand füllen könnte.

Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale Wasser stand und das Gesicht über die Schulter in den Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so: von mittlerer Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt. War auch das Postament der Beine höher, saß der Rumpf mit gutem Verhältnis darauf. Leuchtendes Weiß des Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in zwei Flüssen mit spitzer Mündung zu jenem Taillenschwung liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als sie die geschnürte Betonung der Hüfte in Linien, die das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das Knie von der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller gewordenes Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu fest: die Schulterlinie, die durch den hochgenommenen Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung Hilfe geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken der Kopf, die Beine zum Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem wir leben.

Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib zwischen Schenkel und Hüfte eingelassen ist, hat ihr kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht. Dort, während Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt sie plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.

Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten Beisammensein deutlich. Kopf und Oberteil hatten die Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie gewichtig, als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung und Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden, die Hüftknochen emsig drehen und das Rückgrat unten pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr Rock des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf seltsame Art sich verglaste. Aber schnell merkte sie von seinen Gliedern Widerstand, der ihr die Knochen bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit dem sie bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch duldete er die Einführung solcher Vokabeln nicht, die irgendwie ein Fallenlassen der strengen zwischen ihnen geltenden Regeln andeuten wollten.

So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens Himmel zur Erde zu ermöglichen. Den Hut ließ sie fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen. Sie ging leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und Sonne sie durchsichtig mache und zeigte an Hals und Armen Streifen rosiger, gepelzter Haut. Auch hob sie sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die aber schienen in solchen Augenblicken mit milchigem Horn gepanzert und schossen hinterher Drohungen auf, die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal gewagt, den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart aufzunehmen, durch ihre lodernde Gewalt vollends erschütterten.

So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit zusammengebissenen Zähnen, ein für allemal auf ein anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin entschieden die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht aber wollte sie ihn auch wirklich an den Grenzen der Hingabe sehen, damit, könne schon sie selbst sie nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild demütiger Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem Dienst seine gesamte Leiblichkeit ändern, verlangte sie, die Lebenswärme für sie beleben, Geschmeidigkeit und Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in sich binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher solle er jubilieren, und die Gabe der Träne müsse ihm immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn verfeinert, Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn eingegossen, kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte. Sie sei nicht eine vollkommene Heilige, ohne daß ein im stärkeren Maß ergriffener Gläubiger zu sein, er sich inständig bemühe.

Durch solche Worte über den statischen Zustand seiner Jugend in eine seiner Natur genehme Entwicklung geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten Gebieten wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist und war alsbald zu jeder von ihr gewollten Vision bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie vor ihm erschien, in höhere Erscheinung transformiert. Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände, Haare, Atem leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer Luft strahlend und figürlich.