Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu hoffen übrig.
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Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die Männer verließen die Familie, das Vaterland zu verteidigen, wie sie, in Schritt und Tritt marschierend, durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste Jahr nicht erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch auf den Bleibenden der Druck, und es schien unmöglich, ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu trennen. Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als im Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen hinauszogen, war es den beiden offenbar, auch ihre Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf alles Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren, die Brücken zum Himmel zerstört zu haben. Jede Frage wurde praktisch, Antwort lautete aus irdischen Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft, Beschaffung von Essen und Trinken zu denken. Die ersten zusammengeschossenen Krüppel traten auf, und es galt, ihre künftige Versorgung vorzubereiten. Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche für das menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen von geschlagener Schlacht, Gefahr und Verwundung der Freunde und Verwandten. Sie lernten Artillerie und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage. Die Zeitungen bestätigten die märchenhafte Niedertracht der Gegner, bravuröse Tapferkeit der eigenen Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief nun einer dem andern schon von weitem zu: „Hast du gehört“ und „weißt du auch“. Vom eigenen Schicksal war täglich weniger die Rede.
Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens Vorstellung schob, aus den Kampfberichten eine herrliche Erscheinung um die andere vor ihn trat, ward Meta aus dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm fortan ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein. Das Übermenschliche hatte für ihn den Sinn geändert. Die passive Entrücktheit des Weibes nicht mehr war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff.
So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter Riten und gruppierte nach veränderten Trieben innere Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild der tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient, erschien in einem Himmel geschwungener Fahnen und Lanzen.
Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte, war als Ideal in gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar. Handgreifliches Verlangen konnte sich an sie nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor Prall und Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und Verlustlisten konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach neuen Begriffen und Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar, vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme dünne Resonanz ein, und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips, das plötzlich aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete, richtig als ein anderes gegenüber, das ruhend ergriffen sein wollte.
Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug er in der Tasche — da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck zu des Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand.
Meta aber, als sie Franz’ geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf, die gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege. Aus allen Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten eindrucksvolle Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment hingerissen, möchte sie, fallend, ihm seine ewige Neigung trüben, und sich selbst ihm gründlich zerstören.
Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und gerade als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre Brust, stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes Überschwang an den Ventilen siedet — zwingen sie Rufe der Not und mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung der Seele zu entfliehen.
Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen in taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen gibt es kaum einen Abschied.