Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des Geschriebenen blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen Worten die Ahndung eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach und fromm in sich das Wesen seines Weibes vor.
Nun herrscht der Allmächtige und „Urlaub“ in ihr. Mit häufigem Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der glückselig Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das Bündel Windeln, aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und das in Milch verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht Geborene schon die zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach schnell, komm bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht das Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage bewohnen will, fix und fertig: zwei Räume und die Küche in einem Garten mit tüchtig Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am ersehnten Tag kommt statt seiner die Nachricht, der Urlaub sei verweigert; er selbst, näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes geholt. Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie sich nicht, ihr sei auf dem neuen Posten das Leben des Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck unter den Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher als in der trüben Masse an der Front. Was bedeute die Trennung, könne sie seiner endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe ihm den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden benachteiligt, lacht sie bei sich und sitzt den Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie das Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in der Kammer die Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem Kätzchen um die Wette, setzt sie Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in ihrer Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch schließlich sich bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges Frauenschicksal bevor, das beglückteste Mädchen.
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Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft — er ist dort das Mädchen für alles, putzt, wäscht und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe kommt — fällt nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges Leiden, das ihm die Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben entweicht. Mit rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein Kadaver schnell in fremde Erde.
Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und geraume Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett; nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein Schweißtropfen an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.
Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach liege Leben vor ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des Vaterlandes stünde dank siegreicher Schlachten gut, und im Grund sei mehr gewonnen als verloren.
Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß es sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder, lachend und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus dem Dunkel; doch bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge ihr gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein Fehler, das geringste Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott der Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb entkleidet steht sie zur Nacht im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und sucht dem Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu machen, daß er es ganz einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das Unfaßbare wahr, wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der allmächtig himmlischen Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der geheulten Anklage. Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.
Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt — sie ist gewiß, auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz in sie — prüft sie innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den strengen Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über berechtigte Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt auch günstige Zeichen. Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in geschraubten Reden so Unterschiedliches, daß höhere Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus hundert Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in die Arme der Liebenden zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen Willens hingerissen, sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten schließlich als ein Held und lebend wiederfinden.
Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand.
Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von ihm erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus tausend Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses Geschick und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit gleicher Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu gewandeltem Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen hat sie verurteilt und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt sie vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn sich lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen Zweck sich regen, den toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und riecht und schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im innigen Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum Firmament, und Trotz spottet hell auf.