Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und verzagt, aber hoch über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen, keuschen Gebärden muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge Begierden, blühend erwachte Natur Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen, wollüstig und aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu gewaltigen Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos entgegen, gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein, und daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich zerbrechen müssen.
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Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine, gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung der Ämter und Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen Herzen so stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in letzter Spanne ihres Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt, Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun unbedenklich nach. Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten in das Bett einer einzigen Leidenschaft: schrankenloser Hingabe des Leibes und der Seele an den Vergötterten. Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen, Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der männliche Geist fährt wie Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in alle Abgründe des Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche. Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht sie bäumen, stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal mit Wucht in die Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues Gespräch geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie rührt, bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem Willen.
Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt sie sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen Glücks mit ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung, meistens Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen nicht. Jahre hindurch steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von ihm kommt. In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen; aber immer noch findet Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung.
Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib, aus einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen. Nicht weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie meckert sich Beifall, schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst neuen Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe leidet sie alsbald Schmerzen und täglich andere. Erst ist es Freßgier, die sie befällt und unzähmbar quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel vor sich selbst sie packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf den Lippen und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine Hand den Hals zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib durchweht. Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als aber Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte, nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen. Nur hier und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie sich mit einem Schatten begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen dreht, die mageren Hände sehnend reckt, — bei sich fühlt sie nur mehr etwas unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in Schlaf, und die Sehnsucht der Halbentseelten flieht vom Gift des Sichzerfleischens häufiger zu Bildern guter Ruh.
Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen.
Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein. Sie nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett, dessen Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere Aussicht ins Grüne und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt Kupfer mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt. Blond, greller Rede, drängt er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt sich quer vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch manchmal her und bringt seine Züge nicht bündig zusammen, ist quick der Stellvertreter vollkommen da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn plötzlich unmittelbar, Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein vorbereitendes Gebahren, schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen auf der Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der Kaumuskeln belustigt sie sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht sie der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu albern wirkte sein strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.
Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und Eitelkeit in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten Begriffen zu weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
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Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche kommen, reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden eindringlich an. Sie merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und Blinzeln von ihren Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt aus der Überlegenheit selbstgewollten und überwundenen großen Schicksals, Hochmut in sich wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit hinter Metas Sehnsucht zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln seiner geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die seit kurzem zu Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta kennt die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch wahrzunehmen, wie der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer, die man bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der Verachtung zu behandeln das Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt, sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen und sie zu treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach unabänderlich trägen Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es erregen soll. Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet auf den Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta gehässig bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und schläft.