Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn geschwungener Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die Herrschaft ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem Haar und blanken Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen Verehrer, der vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt hatte, ohne weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen Atems vor der Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in Auge. Dazu atmen beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der Aufrechten sich nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das monumentale Paar zum Aufbruch.

Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will sie die Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener Wert über dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die Strümpfe schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze vollendet sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß sie es bald wieder einzurichten, daß der lau Temperierte das junge Weib allein im Aufruhr der Gefühle findet.

Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.

Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der Mann geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie gründlichen Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt Meta, überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben Himmeln.

Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres Schweigen und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist, Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen lockende Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den himmlischen Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.

Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen, ihr jedes Mittel gilt.

Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei. Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.

Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem täppischen Alten.

Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau. Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen, dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch, Widerstand zu wiederholen.

Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater hockte auf ihrem Schoß.