Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren. Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr, unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen, leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach kein Gegner.

Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt, verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas einst lodernden Haß.

Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt — sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer Gegenstand — und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als leere Attrappe.

Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen, freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer, bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: „wen liebst du am meisten auf der Welt?“, und kreischt der bunte Bursche: „Meta! Meta!“, scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen.

Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr, läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung.

Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch, macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost gestehen.

Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit hinüber.

Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme, sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt. Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte, von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh’ ihr noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt.

So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen zum Kehricht.

Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.