Als er bei jener Epoche angekommen war, in der sie ihr irdisches Leben beendet hatte, brachte er sie leicht über die Klippe des leiblichen Todes handelnd und redend in die jetzige Zeit hinüber und sah sie Stellung nehmen zu seinem augenblicklichen Dasein. Er müsse, da die Verhältnisse sich allmählich wieder zur Ordnung fügten, den sinnenden Zustand aufgeben, an äußeres Fortkommen und eine neue bedeutende Einstellung zu neuen Umständen denken.
Hatte ihm der Krieg nicht tiefere Einblicke in Fragen der Ernährung, Möglichkeiten der Rohstoffverarbeitung gegeben, als jede Situation vorher? Welche außerordentlichen Aufschlüsse hatte die zweckmäßige oder unzweckmäßige Ernährung eines Heereskörpers, der Bevölkerung einer belagerten Stadt, welche Klarheit vor allem das Befinden des eigenen Körpers nach dieser oder jener leiblichen Zumutung ihm verschafft! Das eine mindestens war zur Evidenz klargeworden: Weit über die Notdurft hatte der Mensch vor dem Krieg gegessen und getrunken. Es schien Napoleon fernerhin ein Unding, das bisher übliche Mittagsmahl von sechs oder sieben Platten, ein Abendessen von fast gleichem Umfang zu servieren. Millionen hatten größere Arbeitsleistung, höheren Schwung bei einem Stück Brot und wenigen Kartoffeln bewiesen als Generationen vorher bei einer täglichen Unzahl von Gerichten. Es schien ihm hohe Pflicht, die gewonnenen Erkenntnisse dem Publikum sofort praktisch zu demonstrieren.
Er gab Valentine vollkommen recht. Sie habe nicht nur dem eigenen Leib nie mehr als das Notwendige zugemutet, sondern sei auch Anlaß gewesen, daß er den Gästen das Leichteste und Verdaulichste geboten. Doch in viel zu viel Platten auf einmal. Von jetzt ab müsse er in zwei, drei Gerichte zusammendrängen, was der Magen zur Speisung des Organismus brauche, und ihm zugleich die volle Wollust eines reichlichen Mahles vermitteln.
Während er also die am Leben gebliebenen Gönner aufsuchte und zu seiner Unterstützung vermochte, während die so lange leer gebliebenen Räume seines alten Heimes allmählich in strahlenden Stand gesetzt wurden, unterrichtete er sich methodisch über die wissenschaftliche Zusammensetzung der verschiedenen Nahrungsmittel, über ihren Gehalt an Eiweiß, Kohlehydraten und Fett. Er machte Tabellen und Exempel über Exempel und errechnete an glückseligen Tagen eine neue ideale Speisenkarte, auf der er jeden, auch den verführerischsten Namen einer Platte, sofort durch arithmetische Zahlen ersetzen konnte; aus der man mittels zweier Speisen einen ausreichenden Nenner sämtlicher für die Ernährung wichtigen Stoffe erzielen konnte. Hatte aber anfangs Notwendigkeit, die gewollten Einheiten in ein Gericht unterzubringen, vielleicht auf dessen gastronomische Vollkommenheit gedrückt, ging jetzt auf Spaziergängen Napoleons Phantasie der erklügelten Platte von allen Seiten zu Leibe, wie ihre Schmackhaftigkeit und Anrichtung auf die höchste Höhe zu bringen sei. Und da ihm ein über das andere Mal die Hitze des Entdeckerglücks ins Gesicht stieg, fixierte er endgültig die Gerichte, mit denen er künftige Menschen aus der Schwächung durch den Krieg zu frischem Leben führen wollte.
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Der Erfolg an der wiedereröffneten Stelle war nicht so überraschend und bedeutend wie das erstemal. Schon nach wenigen Tagen stellte der Wirt fest, er hatte es mit lauter Unbekannten zu tun, die nicht Empfehlung, sondern Zufall und Laune zu ihm geführt. Der riesige Kreis seiner alten Gäste war vom Erdboden verschwunden. Doch stählte diese Erkenntnis seine Kräfte, da ihm einleuchtete, es brachten die Neulinge auf Grund liebgewordener Gewohnheiten keine Voreingenommenheit mit. So verließ er Monate die Küche nicht, wo er mit Anspannung aller Kräfte die gewonnenen Grundsätze in die Tat umsetzte. Vor allem mußte er die Köche von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugen, daß die nötige Herzenslust zur Arbeit ihnen nicht fehlte. Erst als unten die Wirtschaft geregelten Gang ging, betrat er die Räume des Restaurants wieder und suchte Fühlung mit den Gästen.
Vom Ton zwischen ihnen und den Kellnern ward er zuerst betroffen. Es gab keine Unterhaltung über die zu wählenden Speisen, nicht einen Scherz, kein interessiertes Hin und Wider. Kurze Kommandos flogen. Der Bedienende, geneigten Hauptes stumm, machte kehrt. Man aß schnell, ließ sich nicht mit Behaglichkeit nieder. Kaum, daß man die Kissen drückte. Zur Verdauung gab sich niemand Zeit. War der letzte Bissen genossen, fuhr der Gast in die Höhe und verschwand. Rote Köpfe, fettgeränderte Lippen, müde Scheitel, die sich in die Sofarücken lehnten, Hände, mit geschwollenen Adern aufs Gedeck gebreitet, sah Napoleon nicht mehr. Es wehte nicht der Atem einer allgemeinen glückseligen Sattheit nach Tisch und des Dankes gegen Gott und den Wirt durch den Raum. Steif und gereizt fast saß der Kauende und vermied, auch nur von sich fortzusehen. Das war nicht ein geänderter Kundenkreis, das war das Gesicht einer anderen Welt, erkannte Napoleon.
Es war klar: andere Ideale herrschten in neuen Menschen. Der Krieg hatte die Machthaber von ehemals vernichtet. Es saßen nicht mehr die Glieder alter Familien an seinen Tischen, die in oft jahrhundertelangem Ringen Ansehen und Vermögen an sich gebracht und es zu brauchen wußten; er bediente nicht mehr die dreifache Aristokratie des Adels, ererbten Reichtums und des Geistes. Hier trat eine Rasse auf, die durch den Umsturz aller Verhältnisse an die Oberfläche gespült, behend zugegriffen und in der allgemeinen Verwirrung, bei einer sentimentalen Erschlaffung der Besitzenden, sich übermäßig und skrupellos bereichert hatte. Den Sack voll Gold, saßen sie unkundig seines Verbrauchs, gierig, die Allüren der Wissenden sich anzueignen, elend und leer mit der einzigen Geste schweigender Abwehr. Stumm und in der Bewegung beherrscht, konnten sie für unterrichtet gelten. Sprachen sie, wurde ein Wirken der Glieder notwendig, klappten sie zu völliger Ohnmacht zusammen.
Nachdem er aber eingesehen, die Zurückhaltung der Gäste sei in einem Zuwenig begründet, ließ er seine beherrschte Unterwürfigkeit und ging langsam, doch eindringlich zum Angriff gegen die maskierte Gesellschaft vor. Wie ein Dieb brach er in gepanzerte Unnahbarkeit, legte ein harmloses Sätzchen als Köder vor und amüsierte sich göttlich, ließ der geschmeichelte Heraufkömmling sich aufs Eis überkommener Begriffe locken und legte eine geradezu erbarmungswürdige Blöße an den Tag. Hatte er hinter undurchdringlicher Maske jemandes Vertrauen gewonnen, ließ er den Getäuschten das eigene Selbstbewußtsein ausbreiten, das sich fast immer stützte auf alberne, mit Emphase vorgetragene Gemeinplätze über den Krieg, Heldentaten, die der Betreffende irgendwie während des Feldzugs vollbracht haben wollte; dann kamen Napoleons Einwürfe aus dem Schatz des Herkommens, Namen ausgezeichneter Menschen der Vergangenheit, bedeutender Erfindungen, irgendeiner Geistesgroßtat. Am höchsten hüpfte sein Herz vor Freude, konnte er durch einen einzigen Kulturbegriff, den er wie einen spitzen Pfeil dem Gegner in die Parade flitzte, diesen bis auf die Haut entlarven.
Nun fing des Abends im Bett ein Gekicher an, das grausamer und schonungsloser war, als jenes einstige Lachen mit Valentine über Narrheiten einzelner Zeitgenossen vor dem Krieg. Hier fand Napoleon eine ganze Welt närrisch; ihren einzigen Ehrgeiz, Geldgewinn und Beurteilung des Menschen nach seiner Eignung dazu, über das Maß abgeschmackt und kahl. Während seine Geschäfte noch gut gingen, sah er schon die Kluft sich auftun zwischen einer modernen, rein merkantilen Weltauffassung und dem eignen Universalismus. Mit Ergriffenheit spürte er, wie zum erstenmal er hier von Valentine sanft sich schied. Er wußte, auch für die schrecklich veränderte Welt hätte sie nur gutmütigen Spott gehabt, in ihm aber kam von Tag zu Tag stärkere Empörung herauf, die ihn schließlich völlig beherrschte.