Ihm schien jetzt, die fröhliche Überlegenheit, die mit dem fortschreitenden Alter Valentines immer friedlicher und harmloser geworden war, hätte ihn schon in der letzten Zeit ihres Lebens gereizt. Hatte sie nicht schließlich, nachdem man sich gehörig ausgelacht, immer eine Entschuldigung, irgendeine Güte für den Verspotteten gehabt? Er war durchdrungen, sie würde es heute nicht anders machen, ja sie möchte zur Nachsicht noch viel geneigter sein, und zürnte ihr darum. Je mehr seine Abneigung gegen das Publikum wuchs, je hassenswerter ihm die Erscheinungen wurden, um so mehr schob er Valentine den unbeugsamen Willen zu, alles zu begreifen und zu vergeben. Es begann ein täglicher Kampf, unaufhörliche Auseinandersetzung mit der Welt einerseits und dem lebendigen Bild der geliebten Frau auf der anderen Seite, der ihn zermürbte und elend machte. Doch blieb allen Einwendungen gegenüber sein dumpfer Haß schließlich siegreich. Jahre hindurch hatte er nun nichts mehr von Freundlichkeiten und Lieblichkeiten des geselligen Lebens bei sich gesehen. Es war der Sinn für Blumen und brillante Überraschungen, Tollheiten und geistreich Unvorhergesehenes geschwunden, nicht mehr gab es die über das Mannesbewußtsein als Spenderin alles Glücks erhöhte und angebetete Frau. Kein Lachen herrschte mehr und kein Verschwenden, nicht Laune und Überlegenheit. Wohin er hörte: Geschäfte. Ziffern, wohin er sah. Das Dach des Hauses schien auf ihn zu stürzen, als eines Tages ein Gast, kühl und korrekt, an dem er mit witziger Bemerkung sich gerieben, ihm ein Goldstück als Trinkgeld anbot.
Da lief das bis zum Rand gefüllte Gefäß über. Von jenem Abend bis zum andern Morgen grub sich eine Falte zwischen seine Brauen, die Lippen preßten sich aufeinander. Er hatte fortan nicht nur keine Teilnahme für die gute Bedienung der Gäste, sondern genoß mit Schadenfreude ein Glück, sah er in irgendeinem Antlitz Enttäuschung über die angerichtete Speise. Schnell ward sein geänderter Sinn den Kellnern, Köchen offenbar. Sorgfalt und Gewissen floh. Immer häufiger gab es unzufriedene Gesichter der Essenden. Unbewegter Miene schlürfte der Wirt jedes Quentchen Wut, dessen Ausdruck er erhaschte, und berauschte sich daran. Ganz nach vorn wuchs sein Gesicht. Stechenden Blicks, geblähter Nase schnüffelte er sich in das Empfinden der neuen Welt; trank, wie bitter es schmeckte, sie völlig aus und spürte zum anderen Male deutlicher und als Entscheidung: in dreißig Millionen Narren besaß die Nation nur noch einen Sinn: das Geld, und jeder, dem der Erwerb wie immer geglückt war, war im eigenen und im allgemeinen Urteil Person. In Napoleons Auffassung aber war er ein Räuber, ein Scheusal, das die Anarchie der Vernunft während des Krieges benutzt hatte, den durch Überlegenheiten und Mühsale in Generationen erworbenen Familienbesitz des Landes an irdischen und himmlischen Gütern zu zerstören. Es kamen die Häuptlinge der neuen Geldaristokratie zu ihm. Fett, frech und verlegen stümperten sie mit ihren Weibern Geselligkeit.
In Napoleons Hirn stieg wie ein Bläschen zuerst der Gedanke an Gift, das ihnen zwischen die Speisen zu mischen sei. Bald machte er sich im Denken breiter, und endlich beherrschte er sein Trachten ganz. Von irgendwoher hatte er sich das ansehnliche Quantum Arsenik verschafft, das ihm nun seit Tagen in der Tasche brannte: es wie ein harmloses Gewürz in die Teller zu streuen, abzuwarten, bis die Wirkung, die in den Eingeweiden wühlte, ins Auge brach. Glut stieg ihm ein über das andere Mal in die Haare, bis er fühlte, im nächsten Augenblick widerstände er dem ungeheueren Verlangen nicht mehr.
Da riß er die Tür zur Gasse auf, und barhäuptig im Galopp, als wälzten sich Lavaströme auf seinen Fersen, entlief er der Straße, dem Stadtviertel, der Bannmeile von Paris; sank draußen ins Feldgras, schluchzte, daß die Knochen bebten, schluchzte sich und die Erde naß.
Er zog die Landstraßen entlang, durch Märkte und Städte. Blieb aus Zufall irgendwo Monate, Jahre als Aufwärter, Hausknecht, Gelegenheitsarbeiter. Sein Weltbild wurde auf gleicher Basis runder und mannigfaltiger. Überall sah er die vom Kampf ums Dasein betäubten Massen, von rücksichtslosen Unternehmern an Kessel und Maschinen geschmiedet, Waren verfertigen, für die aus schließlichem Mangel an Absatz, so rechnete Napoleon, über kurz oder lang durch neue Kriege mit neuen Hekatomben zerfleischter Menschen neue Abnehmer in zu erobernden Provinzen gewonnen werden mußten.
Hellen Bewußtseins trat er aus diesem Lauf der Geschicke aus. Den Gedanken an Erwerb riß er mit allen Wurzeln aus seiner Seele, erlaubte sich keinen Besitz über die Notdurft. Das von aller Welt gesonderte Dasein gab ihm Person und Überlegenheit; der Mangel an Eigentum, Unabhängigkeit und freie Bewegung. Von einem Tag zum andern hatte er durch einen einzigen Entschluß Verfügung über sich und die Welt nach allen Seiten gewonnen, und ein erlöstes Lachen trat in sein Gesicht. Jetzt, wo er auch stand und ging, war er bloßer Zuschauer der menschlichen Komödie, an der er, weil durch eigene Qual nicht mehr verbunden, gutmütige Kritik übte. Da war es, daß er sich dem vergessenen Andenken Valentines wieder offiziell und innig vermählte, der er, wie er sich nun gestand, während seine Vernunft ihre Einflüsse bekämpfte, ahnend nachgefolgt war.
Eines Tages stand er vor jenem Eckhaus, an dem sich die Steinwege nach Nivelles und Genappes treffen; in dem er geboren war. Niemand kannte ihn dort. Alles Verwandte war tot. Als zwölfjähriger Knabe war er hier fortgegangen, der Wiedergekehrte zählte fünfundsechzig Jahre.
Aber im Wirtshaus wußte man seine Geschichte. Erzählte Grandioses, Historie von ihm. Mehr war den Erfolgen dieses heimischen Napoleon die allgemeine Teilnahme und Bewunderung zugetan, als dem Korsen. Man wies ihm, der sich nicht zu erkennen gab, gerahmte Zeitungsnachrichten, in denen es hieß, wie ganz Außerordentliches von ihm in verschiedenen Zeitläuften ausgerichtet war — »und angerichtet,« wie ein Witziger hinzufügte. Länder samt ihren Fürsten, die zivilisierte Welt von West nach Ost habe schließlich ihm, dem vlämischen Bauernsohn, einmütig zu Füßen gelegen. Mit nachdenklichem, gerührtem Erstaunen hörte Napoleon die mannigfachen Erzählungen und entsann sich der Kreuze und Sterne an rot und grünen, an gestreiften Bändern, die irgendwo in einer Schublade lagen.
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Am Rand des unvergleichlichen Wälderkranzes, der Brüssel einsäumt, liegt in einer Talsenkung an der Straße von Quatre-bras nach Waterloo das Schlößchen Groenendael; ein weißes, einstöckiges Haus aus dem Empire. In vergangenen Zeiten eine Abtei, wurde es im neunzehnten Jahrhundert Wirtshaus, in das die besseren Bürger Brüssels auf Ausflügen einkehren. Dort ganz nah der Stätte seiner Geburt, nahm Napoleon einen Platz als Kellner. Seine Jahre, die schwachen Füße erlaubten ihm angestrengten Dienst nicht mehr. Hier war im Winter nichts, im Sommer an Wochentagen wenig zu tun. Nur Sonntags mußte er sich ein wenig tummeln. Doch nahmen die Gäste seiner viel Rücksicht und blickten mit neugieriger Erwartung ihm entgegen, trug er das hochbeladene Brett auf sie zu. Jeder hatte ein Wort für ihn, dem er freundliche Empfindung unterlegte, alle Anrede begann mit Umschreibung und Entschuldigung fast. Nicht, was er brachte, er selbst, wie er’s ausführte, blieb Gegenstand teilnehmender Aufmerksamkeit, gutmütigen Staunens, und stand das Gewünschte auf dem Tisch, strahlte ihm alles Verwunderung und Anerkennung zu. Aber auch Napoleon selbst lachte in heller Befriedigung über das ganze Gesicht. Der Wirt mit seiner Familie merkte das Gefallen der Gäste an dem alten Mann, behandelte ihn mit Rücksicht und ließ ihn ungestört und ungescholten seine Tage hinbringen.