Aus den Gedichten Hoelderlins wählend, was durch Verwandtschaft des Gedankens etwa vereint war, drängte er in heftigem Schaffenssturm an die zwei Dutzend Gesänge zyklisch zusammen und erschien mit dem Manuskript von neuem in der Hauptstadt. Er versammelte den Kreis ehemaliger Freunde und spielte ihnen das Werk mit so innigem Ausdruck, daß die Zuhörer gepackt waren, er selbst von seiner einzigen Bedeutung überzeugt wurde. Mit Wucht etablierte er jetzt vor sich und andere die Geste des Genius, der außerordentliche Rechte hat, und nahm ohne Bedenken, von bemittelten Anhängern den monatlichen Zuschuß, der ihn ernähren mußte. Saß nach dem Vortrag einer gelungenen Komposition die Gesellschaft in Ergriffenheit um seinen Platz am Flügel, brachte er ihr, von Schöpferglück geschwellt, leicht die Überzeugung bei, es sei ihres irdischen Daseins besserer Zweck, ihm auf alle erdenkliche Weise über die Härten des Lebens zu helfen. Ihr Lohn sei ihnen in seiner Lebensbeschreibung gewiß. So ließ die geschmeichelte Wohlhabenheit sich zu größerem Aufwand herbei, verschönte sein Leben mit praktischen Gaben nicht nur, sondern mit verschwenderischem Lob. Er aber, Anerkennung von überall her unersättlich schlürfend, schwoll zu einem Koloß des Selbstbewußtseins, der alsbald nicht duldete, daß in dem von ihm beglückten Haus von anderem die Rede war als von ihm selbst, wobei es ihm gleich blieb, ob man seine menschlichen oder künstlerischen Eigenschaften mehr verherrlichte. Dazu schied er den Freund vom Freunde, indem er den verächtlich machte, Gatten voneinander, weil jede Gemeinschaft zweier Wesen seinen Zwecken gefährlich schien. Nie versäumte er, war ihm aus der Überlegenheit seiner Person ein Eindruck gelungen, auf die Niedrigkeit jemandes, der bedürftig war, hinzuweisen. Wie zum Teufel verdiente der Betreffende Teilnahme, während Auserwählte mühselig ihr Leben fristeten? Müsse er nicht immer noch, nachdem Gott ihm schon den genialen Einfall seines großen Klavierkonzerts geschenkt, auf die notwendige Erholungsreise in den Süden verzichten? Wer von den Anwesenden ahne überhaupt etwas von den zerfleischenden Ausgleichungen, die in der Seele dämonischer Menschen stattfinden? Und von Ergriffenheit über sich selbst gepackt, vermochte er ein Tonstück so rührend zu spielen, daß die im Gewissen gemahnten Freunde sich ernstlich bedachten, ob ihnen vor Schuhlin Besitz erlaubt sei. Es lief der Hausherr schnell zum Bücherschrank, und ein kostbares Werk aus den Reihen nehmend und dem Meister zum Andenken an den feierlichen Abend reichend, zwang er Tränen aus den Augen der übrigen, die sich insgeheim jeder ein weiteres Opfer gelobten.

Als aber Schuhlin sah, welch unwiderstehliche Macht er auf törichte und eitle Menschen hatte, ergriff ihn die Vorstellung phantastischer Möglichkeiten. Wirkung auf sie, Absicht mit ihnen wurde ihm des Lebens Hauptzweck, und er ließ seine Arbeit ruhen. Mächtig reizte es ihn, fühlte er eines Opfers Bereitwilligkeit, dies weit über ursprünglich gesetzte Grenzen zu stoßen. Widerstände mit Worten, rührenden Gebärden sanft fortbiegend, schritt er über den Willen des Schwächeren auf Ziele zu, die ihn anfangs nur mit der Wonne, Sieger zu sein, beglückten. Später aber sog er aus der Überwindung fremder Person um so größeren Genuß, je mehr der Besiegte und wenn möglich ein dritter durch sie verächtlich wurde. Denn aus der Niederwerfung sittlich Entseelter trank er müheloser und gründlicher den Rausch zügellosen Selbstbewußtseins. Aber die auf die Knochen Geprügelten fingen an, ihn zu scheuen und mieden ihn schließlich. Fama begann, Neugierige zu warnen. Wie er auch seine Anstrengungen verdoppelte, Ruten geschickter legte, die Opfer wurden selten und magerer, und auch die letzten Versuche, die er mit Aufwendung gleißnerischer Tränenströme und hysterischer Erschütterungen anstellte, einstiger Macht entscheidenden Erfolg zu spüren, schlugen fehl. Die Wirkung des allzusehr bekannten, oft gehörten, wenig umfangreichen musikalischen Werkes einerseits, seiner menschlichen Spiegelfechtereien anderseits war erschöpft. Es drückten ihn die unwiderstehlichen Energien der großen Städte in den Schatten. Innere und äußere Existenzmittel begannen, immer mehr zu fehlen.

*

Ehe noch das Elend ihn völlig erreichte, war er zum zweiten Mal in die ländliche Vergessenheit enteilt, angefüllt mit Haß gegen die Welt, die seinem eisernen Griff entschlüpft war. Er begriff nicht, wie der schlichte Mensch, der bei Verstand war, sich der Wollust, von ihm Gottbegnadeten beherrscht zu werden, entziehen mochte. Dieses Gottesgnadentums recht deutlich selbst wieder inne zu werden, setzte er sich gleich zu ernsthafter Arbeit nieder und entzündete sich an der unbesiegten, ja erweiterten Schöpferkraft, die aus ihm brach. Begier, Machtwillen, Dämonie, den Verein ihn aufwärtsstoßender Triebe türmte er zu Tongebilden, aus denen nach Ausbrennung der Schlacken heroisches Menschentum klang. So finden wir ihn am strahlenden Sommertag bei offenen Fenstern vor dem Instrument. Die Beine wuchtig ins Pedal gestemmt, zwei gespreizte Hände voll zuckender Tasten, schlägt die gesammelte Person ihren unbeugsamen Willen prachtvoll aus dem Klavier.

Es gab keine Seele im Dorf die von der Schalldynamik aus Schuhlins Haus nicht irgendwie berührt wurde. Mit Widerstand oder andächtigem Hinhören nahmen sämtliche Bewohner zu ihr Stellung. Klara Kroeger, eine junge Blondine, die in dem waldreichen Ort Erholung suchte, wurde von ihr, wie einst der halberwachsene Ludwig vom Spiel eines anderen, augenblicklich im eigenen Wandel aufgehalten und zum Ausdruck fremden Ichs gezogen. Auch sie umkreist mit angehaltenem Atem das Haus, in dem Gefühlsstürme jauchzen, auch sie wird, die Hände gegen die hochwogende Brust gedrückt, vom Spieler zuerst durch das Fenster gesehen und läßt sich, halb fähig, halb unfähig, sich noch zu entfernen, von ihm dort finden. Ihn umhing noch die ganze Pracht und Wärme der aus ihm entbundenen Kraft, als er kam, sie stak noch in der Hingabe Mitten, da zum Willkomm er sie bei der Hand nahm. So führte er sie ins Haus zu ihrem Platz dicht bei ihm im Zimmer und vollendete am gleichen Tag das Werk der Verschmelzung ihres Schicksals in das seine.

Doch wie vieler Menschen Los auch vorher von ihm abgehangen, um jede Seele hatte er gegen Widerstände kämpfen müssen, bis sie erlag. Und auch dann noch hatte es Augenblicke gegeben, in denen der Unterworfene sich zu eigenem Willen zurückfand. Hier aber lag seinem gierigen Blick die junge Person vor jeglicher Empfängnis bloß. Haut und Haar, jeder Eingang Leibes und der Seele war unbefleckt. Es atmete ihn Erstaunen, gerührte Überraschung zu jeder Geste an, als bewege er mit Schöpfers Fingern von allen Dingen dieser Welt zum erstenmal die Schleier fort. Er sah, sein plattes Wort entwirrte für sie noch irgendein Geheimnis, und so willige Andacht bereitete ihm unaussprechliches Vergnügen. Denn unumschränkter als je über einen Menschen herrschend, spürte er, welcher Aufwand der Kräfte bei ihr erspart war. Hier blieb vom Aufstehen bis zum Niederlegen er König, ohne mehr als der seiner läßlichen Bequemlichkeit hingegebene Mensch zu sein. Sie war, wo immer sie sich um ihn bewegte, seines leisesten Rufes nach Anerkennung stets bereites Echo. Tauchte in seines Auges Grund Herrschwille nur erst wie ein Flämmchen auf, breitete sie vor ihn wie einen Teppich ihre weibliche und menschliche Bereitwilligkeit. Wohin er treten wollte, da kniete sie schon, ihn huldigend zu empfangen. Sein stets möglicher Marsch durch sie hindurch räumte ihm die Vorstellung etwaiger Widerstände von außen gegen ihn und sein Werk aus dem Bewußtsein und vollendete in diesem Mann ein Maß von Selbstbewußtsein, das man sonst nicht in der Welt gesehen.

Es erhielten zu dieser Zeit seine Bewegungen eine Wucht und Schwere, als wirkten innen mächtige Gewichte. Er sprach mit so ungeheurem Pathos, als müsse dem Hörer die Rede eingestampft werden. Daß er diesem gesteigerten Ausdruck einen einigermaßen entsprechenden geistigen Inhalt unterlegen konnte, war Folge einer Selbsterziehung, die mit dem übrigen Fortschreiten Hand in Hand gegangen war.

Band er sich damals frühmorgens vor dem ovalen Spiegel im Schlafzimmer die Kravatte, sah über seine Schulter das bezauberte Mädchen, trafen sich im Glas ihre begeisterten Augen mit dem naiven Ausdruck: welch ein Mann, Ludwig! Klara sieh, doch, welch ein Mann!

In inniger Gemeinschaft mit dem Weibe entstand so manches Werk, und da es den Musiker letzthin deuchte, es würden die kleinen monatlichen Beiträge, die zwei treugebliebene Anhänger ihm von der Stadt her sandten, und die sein ganzes Einkommen ausmachten, unpünktlicher und weniger gern gezahlt, beschloß er, wie zu einem Vorstoß von sicherer Warte aus, sich vorübergehend in die Welt der Menschen zurückzubegeben. Aber so mächtig war einst der Eindruck auf die Freunde gewesen, daß sie das Mal seiner Herrschaft noch im Fleisch spürten und nicht Lust hatten, es vertiefen zu lassen. Sie versteckten sich, und es gelang nur an einem Abend, mehrere Verehrer von ehemals in ein Zimmer zu versammeln, wo er sein symphonisches Stück über ein ländliches Thema spielte. Die Hörer, mit grimmiger Abwehr gegen ihn gewappnet, blieben kühl und vollkommen höflich. Unmittelbar nach dem Vortrag reichte man zu essen und zu trinken. Vereinter Wille hielt das Gespräch von seiner Schöpfung fern. Andern Tags fuhr er heim, und Klara war seines Ausdrucks kaum ansichtig geworden, als mit der Erzählung eines Traumes sie ihn überraschte, in dem er den schier beispiellosen Enthusiasmus einer vor das Haus versammelten Menge entgegengenommen hatte. Vorher aber sei im Traumbild eine überirdische Person aufgetreten, die ihr verkündet, es stünde dem geliebten Freund Leid des mißverstandenen Künstlers in außergewöhnlichem Umfang bevor. »Laß dich also,« fügte sie, bevor Schuhlin überhaupt zu Wort gekommen, flehentlich hinzu, »vom großen Erfolg, den du dort gehabt, nicht täuschen. Der Beifall beweist nur, man hat dich völlig mißverstanden.«

Schuhlin beruhigte sie. Es sei der Eindruck nicht allzu groß gewesen. Er war aber durch des Mädchens Verhalten in die alte Sicherheit gewiegt, und die einzige Folge des Ausflugs blieb, daß er sich endgültig von den Menschen fort zu Klara zog, die den doppelten Vorteil bot, Schutz gegen die Außenwelt und hemmungslos in seine Gewalt verloren zu sein.