Er heiratete sie, ihr die letzten Stege zur Umkehr abzusägen. Den verklärten Blick seines Opfers, als sie vom Standesamt heimkamen, beantwortete er mit einem so ausholenden Druck beider Hände in ihre Schultern, daß sie in den Knieen knickte. Dann ließ er unverzüglich ein Leben beginnen, in dem er durch des Weibes schöpferische Demut als Künstler, Mensch und Mann unablässig Herr des Universums war; denn Klara begnügte sich nicht mehr damit, die Winke seines Willens vorzuerfüllen. Weit über seine Begriffe flog ihre Vorstellungskraft und blies ihm mit immer größerem künstlerischem Ansinnen an sich selbst, ihre tiefere Unterwerfung unter ihn als Forderung belohnenden Ausgleichs ein. Da zögerte er nicht länger, sich für jede gelungene Harmonie einen hohen Preis aus ihrem zur Kreuzigung bereitem Leib auszuzahlen und hätte zwischen Werktätigkeit und der einzigen Frau ein in häusliche Stürme begrenztes Leben bis ans Ende seiner Tage geführt, wäre er nicht durch das unentschuldigte Ausbleiben jeder Subsidienzahlung plötzlich vor die Frage gestellt worden, wie er den irdischen Leib ernähren sollte.
Zwar drängte Klara dazu, auch da mit allen Kräften für ihn einzutreten. Sie hatte ein bedeutendes photographisches Talent und konnte hoffen, in absehbarer Zeit zu verdienen. Doch war Schuhlin überzeugt, es würde selbst bei angestrengtem Fleiß, was sie vermöchte, zu einem behaglichen Leben für ihn nicht ausreichen. Vom Ertrag seiner gedruckten Kompositionen aber war, wie die jährlichen Abrechnungen bewiesen, das Geringste nicht zu hoffen, und so begann Unsicherheit, woher die notwendigen Existenzmittel in Zukunft regelmäßig zu beschaffen seien, den bisher in sich beschlossenen Frieden des Hauses zu verwirren.
Da betrat eines Tages ein junger Mensch Schuhlins Wohnstube und brachte vor, er sei Musiker, habe vor Wochen den Vortrag des Meisters in der Hauptstadt gehört, und durch die Größe der Komposition und die Person des Spielers zu doppelter Bewunderung hingerissen, sei er zur Prüfung des eigenen Ichs geschritten. Das Ergebnis bilde die Erkenntnis seines Unvermögens nach jeder Richtung hin und der unbeugsame Wille, sich in Zukunft völlig dem erwählten Vorbild anzuschließen. Sein Leben, solle es überhaupt noch höherem Zweck dienen, müsse unter Schuhlins Leitung in dessen unmittelbarer und ständiger Nähe geführt werden. Er besitze Mittel, methodischen Unterricht eine geraume Zeit zu entgelten und flehe den Meister an, ihn nicht von sich zu weisen. Bei diesen Worten hatte sich sein Antlitz gerötet, die Augen, ein wenig aus den Höhlen, glänzten. Schuhlin stellte, ihn betrachtend, fest, es müßten sich mit dem Sturm solcher Erregung, würde er in richtige Bahnen gelenkt, Effekte erzielen lassen. Der Mensch und seine Ergebenheit für ihn war ihm sofort angenehm. So ließ er denn einiges Allgemeine in Lehrsatzform hören und verabredete mit dem Schüler das Nähere über dessen Unterbringung im Dorf sowie über die Einteilung künftiger Tage. Denn da das Zusammensein sich nicht auf die Unterrichtsstunden beschränken solle, sei es richtig, daß durch keine Abhaltung verhindert, der Lernende dem Lehrer stets zur Verfügung sei. Im Hinblick auf dies Ziel wurde von den Männern das Nötige sofort in die Reihe gebracht. Es freuten sich später die Gatten des Ereignisses, durch das mit einem Schlag alles Gewölk verscheucht schien. Klara pries den Entschluß des jungen Mannes in den Himmel und verklärte sein Auftreten und seine Erscheinung. Hier habe Schuhlin an einem Fremden endlich den Beweis, welche Wunder seine Kunst auf unverbildete Jugend wirke.
Ein harmonisches Leben begann. Neander wurde in Kontrapunktik, daneben fleißig im Klavierspiel unterrichtet. Was er vorher nach neuzeitlichen Methoden gelernt, von moderner Musik gehört hatte, ward verworfen. Über aller Tonkunst stand Sebastian Bach, der Gott. Neben ihm als Götter, Haendel und Philipp Emanuel, des Vaters Sohn. Mit Mozart kam schon fin de siècle-Kunst, Beethoven schien Barock; alles Fernere bloßer Unsinn. Es galt, an die Quellen zurückzufinden, dort neue Wege zu suchen. Mit schönem Ernst legte Schuhlin in des Jünglings Seele die Überzeugung von der unvergleichlichen Wichtigkeit ihrer gemeinsamen Aufgabe. Vor dem Instrument, wurde eines Sextakkordes, einer Synkope Ursinn aufgedeckt, strahlten ihre Augen sich in freudiger Erleuchtung an. Spielte Neander vom Blatt, genügte schließlich das rhythmische Nicken des neben ihm sitzenden Lehrers, dessen huschende Handbewegung, daß der Schüler den verborgenen Sinn des Musikstücks erriet. Um ihre Körper stand eine heiße Wolke steil, die sie wie ein Gerüst von der Welt abschloß, das sie erst durchbrechen mußten, erhoben sie sich nach beendigtem Spiel. Die bedeutenden Anmerkungen Schuhlins beim Unterricht zeichnete der andere in ein Buch auf und trug so des Meisters Wesen auch in den Freistunden bei sich. Er hing an dessen Mund, wo der stund und ging. Manchmal spintisierte auf Spaziergängen der Ältere. War ihm des Rätsels Lösung gekommen, und er wandte das Haupt dem Gefährten zu, hatte der die gleiche Erkenntnis mit eins in den Augen. Bei einem solchen Vorfall griff Neander, da sie im Wald auf einer Lichtung rasteten, nach Schuhlins Hand und küßte sie. Dem aber hatte es geschienen, zugleich seien auch des Jünglings Knie völlig gewichen.
Auf dem Heimweg, — Neander ging einen Schritt voraus, — umfaßte mit mächtigem Griff Schuhlins Hand plötzlich des anderen Arm und zog die ganze willige Person an sich heran. Der Gepackte dreht das Haupt gegen den verehrten Mann und senkt den Blick mit dem Gelöbnis ewiger Treue in die ihn anherrschenden Lichter.
Fortan bildeten die Drei eine Gemeinschaft. Neander nahm an allen Mahlzeiten teil und übersiedelte auf Klaras Aufforderung bald ins Haus. In dem engen Logis war man auch dann dicht beieinander, befand sich jeder im eigenen Zimmer. Strich man tagsüber durch die schmalen Stuben, berührte man sich fortwährend und blieb immer im Dunstkreis der Gefährten. Aus der innegewordenen Enge des Raumes nahm sich nun Schuhlin den ersten sichtbaren Beweis seiner gleichmäßigen Macht auf beide Mitbewohner. Denn seine Bewegungen nicht beschränkend, sondern mit Griff und Tritt noch mehr ausladend, zwang er Weib und Schüler zu beständigem Ausweichen und Zurücktreten vor ihm und, da er ständig die Mitte der Stuben und des Flurs besetzt hielt, gewöhnten sich die zwei allmählich daran, längs der Wände hinzuschleichen, an ein Sitzen und Verweilen in entfernten Ecken. Doch war es ihnen natürlich und angenehm.
Und wie froh wurden sie beim Essen um den runden Tisch! Zuerst und sofort flogen die Schüsseln zu Schuhlin, der sich mit ausgesuchten Stücken regalierte und weitergab. Bescheiden nahmen die Mitessenden, bedacht, es möchte für den Meister noch ein zweites Mal reichen. Der eigenen Nahrung nicht achtend, folgten sie jedem Bissen des Hausherrn mit Aufmerksamkeit und Genuß. Hei, wenn ein Braten gelungen war! Was gab es für ein Schmunzeln, welch saftige Bemerkungen des Zufriedenen! Und immer strahlender wurde seine Laune, prasselnder sein Witz, bis er bei Kaffee und Zigarre, die man nur ihm anrichtete, freundlich anerkennende Blicke für seine Umgebung hatte. Um die Belohnung durch solchen Blick war es den beiden einzig zu tun. Sie steckten die Köpfe zusammen und berieten abends, was man morgen zu Tisch geben solle. Obwohl Neander einen hübschen Unterkunftspreis bezahlte, reichten Klaras Mittel nicht immer aus, des vorgeschlagenen Mahles Kosten zu bestreiten. Dann legte der Pensionär hier eine Mark, dort einen Taler zu, den geplanten Schmaus und die mit Sicherheit folgende Belohnung zu ermöglichen, und als eines mißlungenen und knappen Mittagessens schrecklicher Eindruck sie beide ein einziges Mal getroffen hatte, gewöhnte sich Klara, der breiteren Haushaltführung erhöhte Kosten ohne weiteres von Neander zu fordern, der ein Übriges tat und einen unerschwinglichen Leckerbissen, Frühgemüse, Wildpret ins Haus brachte. Dann kam für das ausgegebene Goldstück von der Hausfrau entzücktem Händedruck bis zu Schuhlins wollüstigem Verdauungsschnaufen unaufhörlicher Dank an den Geber und Feststimmung ins ganze Haus, die ihren Gipfel erreichte, schlürfte der Meister ans Klavier und gab seiner dankbaren Gemütsstimmung tönenden Ausdruck.
So lief die Zeit. Draußen in der Welt gab’s Ereignis auf Ereignis; Politisches und Kulturelles beschäftigte abwechselnd die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen. Luftschiffe wurden wichtig, ein afrikanischer Aufstand. Es tobten und beruhigten sich die Börsen abwechselnd. Im Haus am bayrischen Bergsee nahm man von nichts Kenntnis. »Was leistete die Musik bis zu Ludwig Schuhlin, und in wiefern geht dessen Werk über alles Erreichte hinaus,« hieß das in unzähligen Variationen behandelte strenge und ewige Thema. Der Meister im Lehnstuhl läßt die Trabanten Fragen um diesen Kern herum stellen. Dann spricht er gütig und anerkennend von den großen Musikern vor ihm, macht kluge Anmerkungen zu seinem eigenen Schaffen und läßt durch den beseelten Blick ahnen, alles von ihm bis jetzt Fertiggestellte sei im Grund Stückwerk, und seiner Sendung wahrer Anlaß ruhe in der Zukunft Schoß.
Alle Regung der Zuhörer war schon verstummt. Glieder und Blick sind in Andacht gelähmt. Schuhlins Atem, nach schönen Perioden seiner Satzbauten, strömt in breiten Wellen. Er lächelt endlich gerührt, und eine blanke Träne über sich selbst hängt ihm im Auge. Er verläßt das Zimmer.
Aber, während Klara, wie in den Stuhl gestampft, sitzt, läuft der Jüngling mit erhobenen Armen und gerollten Fäusten von Tür zu Tür, und seine hingerissene Begeisterung macht sich in Stöhnen und Seufzen Luft. Er faßt auch wohl Klaras Hände, und mit Druck und Widerdruck verständigten sich die beiden über Anfang und Ende der gemeinsamen Welt. Ihrer selbst waren sie blind und taub. Es wußte der eine nichts vom Gesicht des anderen. Gegenseitiges Wesen und Gestalt blieb ihnen Luft.