Also waren sie einander nirgends im Weg, bis im Bestreben, aus abendlichen Plaudereien Erkenntnisse festzustellen, der ältere Mann für den anderen Aufmerksamkeiten hatte, die das Weib ausschlossen. Da gleichzeitig Neander begann, seine Geschenke, Kosthappen, Flaschen guten Weins, aber auch Klavierauszüge und schließlich Gebrauchsgegenstände aller Art mit Umgehung Klaras an Schuhlin unmittelbar auszuliefern, sah sich die Hausfrau in Gefahr, in unebenbürtige Stellung gedrängt oder aus der Gemeinschaft überhaupt ausgeschlossen zu werden. Ihre sofort mit Tatkraft unternommenen Gegenmaßregeln, den Gatten nachts, war er nur ihr erreichbar, mit allen Mitteln zu sich hinüber zu ziehen, konnten nur halben Erfolg haben, da mit Tagesanbruch die Bindung zwischen den Männern wieder hergestellt war, und Neander zielbewußt jeden Erfolg Klaras, den er wahrnahm, durch immer kostspieligere Überraschungen für Schuhlin ausglich. Des Eindringlings Überlegenheit war, bei gleicher Hingabe Leibes und der Seele beider an den Herrn, durch sein geldliches Vermögen gewährleistet. Dies zu zerstören, sah Klara als ihres Lebens nächsten und unvergleichlichen Zweck ein.

Sie stellte sich, als sei ihr um des Vergnügens willen, das er darüber empfand, ein engeres Zusammengehen ihres Mannes mit dem Schüler sogar angenehm. Bei jedem Geschenk für ihren Gatten schien sie sich mitzufreuen, und nachdem sie aus Neander die Höhe der ihm zur Verfügung stehenden Mittel herausgelockt und die Geringfügigkeit einer Summe von vierundzwanzigtausend Mark dem zu leistenden Aufwand gegenüber erkannt hatte, reizte sie ihn unaufhörlich, beiläufig geäußerte Bedürfnisse Schuhlins unverzüglich zu befriedigen. Dem aber brachte sie im Bett auf unterirdischen Wegen immer neue und gesteigerte Wünsche bei: wie mußte im Wohnzimmer ein Teppich sich ausnehmen? Gewänne mit einem Velociped er nicht die Fähigkeit, die herrliche Umgebung im Umkreis kennen zu lernen und aus der Kenntnis zu beherrschen?

Schuhlin schien’s, er sei zum erstenmal mit Gott ganz einig. Wie sich an seiner Seite die beiden Geschöpfe tummelten und bis ins Innerste regten, daß Sinn und Nerve um ihn zitterte und sich aufrieb, fand er als Schöpfungseinfall prachtvoll und sinngemäß. Im Ausdruck glaubte er manches steigern und folgerichtig miteinander verknüpfen zu können. Hier zügelte er Neander, da stieß er Klara vorwärts. Er wies und verwies sie, sprach von Himmel und Erde, in welcher Erscheinungsweise sie ihm angenehm seien, und was geschehen müsse, mit Menschenmitteln den ersehnten Zustand der Elemente für ihn immer herzustellen. Wie man Licht blende oder verstärke, Geräusche abstelle, Schwingungen, Gerüche verhindere oder wirken lasse. Kurz: er spitzte die Ohren der Unterworfenen für den leisesten Hauch der Atmosphäre.

Ihre Zwistigkeiten entgingen ihm mitnichten. Er peitschte sie mit Wettstreit. Potz! sagte er zu Klara, Hei! zu Neander und ließ in beiden die Motore knattern. Sie fuhren ihn, während alles Gas auf die Ventile drückte, mit der letzten Übersetzung über die steilsten Hindernisse des Tages und lagen abends, ausgeblasene Hülsen, vor ihm, aus denen er mit aufgesetzten Füßen die letzte Luft trat. Mit Hebel, Kupplung und Bremse fuhr er sie, wohin er wollte.

Darüber hinaus mußten sie auch Einfälle haben. Sie sollten nicht nur wirklich, auch transzendental mußten sie sein. Mit dem Mann gelang das am besten. Immer demütiger, bot das Weib nur Fleisch an. Aber der Jüngling zuckte aus einer nicht übermäßigen Begabung manchmal jäh ins Erhabene.

So riet er einst, Schuhlin solle sein Bett in der breiten Wand Mitte stellen, daß durchs Fenster er über Landschaft gen Osten zum Horizont in die aufgehende Sonne blicke wie Louis Quatorze einst zu Versailles. Das wurde selbigen Tages noch angeordnet. Klara flog zu Neander ins Beigemach, und Schuhlin holte fortan, allein im Schlafgemach, nachts breiteren Atem.

Vier sehnsüchtige Augen hingen durchs Dunkel an der Tür, aus deren Spalten Licht drang, las der Herr vor dem Einschlafen noch die Zeitung. Das Rascheln umgewendeten Papiers, Geräusch des sich rekelnden Körpers, ein Knacken schließlich der verlöschenden Lampe, erregte zwei hochaufhorchende Herzen. War alles still, belauschte an entgegengesetzten Wänden Weib und Mann, parallel ausgestreckt, mit Neid und Erbitterung den gegenseitigen Herzschlag.

*

Doch während Schuhlins menschliches Ausmaß wie die Krone eines ungeheueren Baumes durch das Dach des Hauses brach und alles beschattete, was darin tot und lebendig war, während in Klaras Herz der Haß gegen Neander sich zu einem Zuckerhut aus Stahl verdichtete, der eines Tages mit Geschrei des Flugs sein Sprengmehl wie einen furchtbaren Strahl auf ihn niederstreuen mußte, schmolz durch wütende und überstürzte Ausgaben für sein Idol diesem das mitgebrachte Geld. Die Gewißheit erfüllte mit so heißer Schadenfreude Klara, daß ihr Antlitz tagsüber davon brannte, den Verschwender zittern machte und ihm jede Genugtuung zerschlug. Vom Gesicht des Weibes konnte er den Blick nicht wenden und fürchtete ein in ihm auftretendes Lächeln lange, bevor es noch da war. Je kleiner seine Barschaft wurde, um so toller schien ihm das Grinsen der Feindin. Durch schwarze Nacht glaubte er ihre verzerrten Züge zu erkennen, und wie dicht er sich in die Decke mummte, es lächelte um ihn, hinter ihm her. Als er einst ein ersticktes Kichern hörte, sprang er aus den Kissen mitten ins Zimmer so zischenden Atems, daß die Bedrohte ihm hoch auf dem nackten Boden entgegenstand. Dort griffen sie sich bei den Leibern, und stumm rissen, traten, schüttelten sie einander, bis ihnen das Leinen in Fetzen hing, und im Allerheiligsten ein leichtes Stöhnen sich hören ließ. Da nahm jeder die Fänge von des anderen Fleisch und kroch geschunden auf seine Matratze zurück. Zu solcher nächtlichen Melodie klang weiter bei Tag Schubert, Chopin und Schuhlin mit Symphonie und Sonate. Aus Himmeln wurden zwei Menschen in Abgründe geschleudert. Unaufhörlich trieb sie ein Mühlrad aus den Sternen zur Hölle hinunter; wieder hinauf.

An Schuhlins fünfunddreißigstem Geburtstag waren fast vier Jahre ihres Zusammenlebens vergangen. Gegen Abend dieses Tages sprang dem Hausherrn von neuem der Gedanke, dessen er sich letzthin immer weniger erwehren konnte, ins Bewußtsein. Wenn heute man sich zur Nacht getrennt haben würde, wollte er im Bett endlich von Grund auf feststellen, was seine Spekulationen ihm in runden Ziffern verbürgten, was Klara, die er, ihr photographisches Geschick durchzubilden, unaufhörlich getrieben, und die schon jetzt im Dorf und Umkreis mit ihren Bildern Einnahmen hatte, bei zielbewußter Arbeit unter allen Umständen, was Neander durch den Klavierunterricht für ihn verdienen mußte, den er nach seiner Methode Fortgeschrittenen binnen kurzer Frist zu geben imstande sei. Wenn er auch Auslagen für Fahrgeld, Einnahmeminderung durch Krankheit der Verdienenden, alles Unvorhergesehene von dem durchschnittlichen Erträgnis gewissenhaft in Abzug bringe, glaubte er doch jetzt schon die Summe von viertausend Mark als nicht mehr zu bezweifelndes Jahresergebnis der gemeinsamen Arbeit für ihn schlimmsten Falls einsetzen zu können. Durch Hin- und Herrechnen wolle er aber der Sache heute Nacht noch schriftlich an den Leib und, vor jeder Überraschung sicher, auf frisches Papier mit schwarz und roter Tinte die genaueste Bilanz machen.