Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an die Erfolge zu denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn. Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten Feldherrn abhängt.
Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen Staates erscheint.
Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus. Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles, rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein, um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu müssen, – wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr geschehen.
Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr.
Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der Brand sich am Brande entzündet.
Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit auszunutzen, als es die Umstände gestatten.