Das Gefecht mit umfassenden Linien gewährt an sich ganz offenbar große Vorteile. Es ist indes ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen hat. Denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu eng zusammenhängt. Um den umfassenden Feind mit Erfolg wieder umfassen zu können, muß man sich in einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, die die Verteidigung darbietet, kommen wirklich zur Anwendung. Die meisten Verteidigungen sind dürftige Notbehelfe; die Mehrzahl der Verteidiger befindet sich in einer sehr bedrängten und bedrohten Lage, in der sie, das Schlimmste erwartend, dem Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge davon ist, daß Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Front, die eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und physischen Überlegenheit sind.
So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die Entscheidung möglichst lange hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, weil eine unentschiedene Verteidigungsschlacht gewöhnlich eine gewonnene ist, so hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung zu beschleunigen; aber andrerseits ist mit der Übereilung große Gefahr verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt.
Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die Ungewißheit über die Lage des Gegners. Sie ist ein wirkliches Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Je mehr sie das ist, um so mehr ist Vereinigung der Kräfte geboten; um so mehr ist Umgehen dem Umfassen vorzuziehen.
Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, ist an anderer Stelle hervorgehoben. Der Natur der Sache nach ist bei der Offensivschlacht die Verfolgung in höherem Maße ein unerläßlicher Teil der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.
Ein Stillstand im kriegerischen Akt ist streng genommen ein Widerspruch mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie ins Gleichgewicht setzen, sondern so lange aufeinander einwirken, bis eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die sich stundenlang umfaßt halten, ohne eine Bewegung zu machen? Der kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger Bewegung ablaufen. Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie doch an der Kette der menschlichen Schwächen.
Richten wir einen Blick auf die Kriegsgeschichte, so finden wir so sehr das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Es sind dabei drei Ursachen zu bemerken.
Die erste, die einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art von Schwere in der seelischen Welt.
Im Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer erscheinen. Die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn die Bewegung eine dauernde werden soll. Wenn nicht ein kriegerischer, unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege wie der Fisch im Wasser in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht große Verantwortlichkeit von oben drückt: wird Stillstand zur Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören.