Albina
das Blumenmädchen
von
Constanze Reinhold.
„Lieber Herr! wollen Sie nicht Blumen kaufen?“ rief eine süße Kinderstimme dem Secretair Langenheim nach, welcher mit einem Bund Acten unter dem Arm schnellen Schritts über den Markt eilte, um auf das Rathhaus zu gehen. Unwillig über den Aufenthalt, da ihn schon zu Hause der Schlag der Stunde, die ihn zur Session rief, überrascht hatte, blickte er um, und gewahrte ein liebliches Mädchen von ungefähr 9 Jahren mit einem Körbchen zierlich geordneter Blumen, welche sie ihm wiederholt mit so anmuthiger Freundlichkeit anbot, daß auch Langenheim sie freundlich anhören mußte. Er suchte Nelken, Granaten und jelänger jelieber zu einem sinnigen Strauß für sein junges Weibchen zusammen; indem schlug die Uhr wieder. Er wirft hastig dem Mädchen die Blumen wieder in den Korb, und bestellt sie nach dem Mittagessen in seine Wohnung, die er ihr genau bezeichnet. Halb ausser Athem kommt er in’s Session-Zimmer und der Direktor läßt ihn über sein längeres Aussenbleiben so heftig an, daß er — aus Aerger, bleich bis in die Lippen — nicht im Stand ist, seinen Verdruß zu unterdrücken.
Der Direktor des Stadtgerichts zu E* war Langenheims erklärter Feind, die Secretairstelle hatte dieser seinem Kammerdiener Haßlieb gewünscht und zugesagt; aber Langenheim erhielt sie durch Stimmenmehrheit, welche ein würdiges Mitglied des Raths, der den jungen Mann schätzte und begünstigte, für ihn geworben hatte. Dies trug ihm Hainau (so hieß der Direktor) immer nach und er und sein ränkevoller Diener warteten sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, Langenheim ihre ganze Rache ungestraft fühlen zu lassen; jedoch seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, sein unbescholtenes Betragen, vereitelten alle deshalb geschmiedeten Plane. Welche bösartige Freude empfand daher Hainau, als er dem Secretair, wegen seines Verspätens recht empfindlich seine Uebermacht fühlen lassen konnte. Er überschritt dabei so sehr alle Gränzen und wurde so beleidigend, daß Langenheim gereitzt, auch etwas heftig sich zu verantworten suchte. Dies war ein großes Vergehen in den Augen des stolzen Direktors; welcher verlangte, daß der Untergeordnete sich, wenn man wolle, mishandeln müsse lassen, ohne zu wiedersprechen. Der Vorgang erregte endlich Spaltungen unter den Gliedern des Raths. Der eine Theil war auf des Direktors Seite, der andere und größere aber, auf der des Assessor Freibergs, welcher Langenheims Gönner war und sich auch diesmal seiner lebhaft annahm. Es entsteht eine allgemeine Bewegung und die Sitzung wird aufgehoben.
Voll trüber Ahnungen kam der Secretair nach Haus und theilte seiner Gattin den Vorgang mit. Therese, welcher das Glück zufällige Reichthümer versagt hatte, besaß dagegen einen weit größern Schatz in Geist und Herzen, und eine unendliche Fülle der Liebe für ihren Albert. Auch jetzt verstand sie es, den Betrübten aufzurichten und das, in ihrem Herzen herrschende Vertrauen auf die Vorsehung, recht lebendig in dem Seinigen zu erwecken; und das einfache Mittagsmahl wurde darauf mit so viel Ruhe und Zufriedenheit verzehrt, als wäre nichts unangenehmes vorgefallen. Nach Tisch kam das holde Kind mit den Blumen. Ihr bescheidener Anstand, ihr kindliches zutrauliches Wesen, so wie die regelmäßigen Züge ihres freundlichen Gesichtchen bezauberten die Gattin. Albina (so hieß das Mädchen) wurde von ihnen mit Liebkosungen überhäuft und für den gewählten Strauß reichlich beschenkt. Sie sollte erzählen: allein sie wußte nichts zu sagen: als daß sie ein Findling und das Pflegkind braver aber unbemittelter Leute sey, welche, aus Frankreich emigrirt, den Garten einer vornehmen, jedoch sehr kargen Herrschaft besorgten. „Noch sechs eigene Kinder und ich machen dem guten Vater Paul viel zu schaffen, und es ist recht traurig, daß ich ihm auch zur Last fallen muß“ setzte das Mädchen am Schluße hinzu und dabei füllten sich ihre sanften blauen Augen mit Thränen und der niedliche Mund verzog sich zum schmerzlichen Weinen — Therese fühlte sich bei dieser Erzählung tief bewegt: denn sie wußte aus Erfahrung was es hieße: arm zu seyn. Mit ihrer Händearbeit hatte sie sich als elternlose Waise mehrere Jahre auch sehr kümmerlich ernährt, bis ihr günstiges Geschick sie in den Dienst einer trefflichen Dame brachte, welche sich auf eines ihrer Güter zurückgezogen hatte, um daselbst den frühen Tod eines heißgeliebten Gattens zu betrauern und hier in ländlicher Stille sorgte sie für die Ausbildung der natürlich guten Anlagen Theresens (welche sie wie eine Tochter liebgewann und mütterliche Zärtlichkeit ihr schenkte) mit der größten Treue. Langenheim, der mit Theresen verwandt, in Familien-Angelegenheiten sie zu sprechen genöthiget war, suchte sein Bäschen auf; er fand in ihr ein so vorzügliches Wesen, daß er sich mit dem festen Entschluß von ihr trennte: ein Amt zu suchen, das ein Paar Menschen, welche ihr Glück nicht in zeitlichen Ueberfluß setzen, ernähren würde und dann Theresen als Weib heim zu holen. Dies geschah als er die Secretairstelle erhielt; denn auch bei ihr hatte der gebildete innige Mann einen bleibenden Eindruck gemacht und sie folgte ihm gerne. Ihre gütige Gebietherin stattete sie reichlich aus und durch weise Sparsamkeit und Fleiß war es ihnen bei der ziemlich unbedeutenden Einnahme des Mannes doch möglich: recht ordentlich auszukommen, ja noch Etwas übrig zu behalten.
Der Nachmittag jenes verhängnisvollen Morgen war einladend schön, Therese bemerkte wieder einige leichte Wolken auf ihres Gatten Stirne; freundlich trat sie daher zu ihm an den Schreibtisch und sagte: „wie wäre es mein Albert, wenn wir ein Bischen ins Freie giengen? In Gottes herrlicher Natur vergißt man leichter die für uns schmerzlichen Folgen der Verirrungen seiner Menschen, als in den engen Mauern!“ Langenheim zog die treu besorgte Gattin an sein Herz und dankte ihr mit einem innigen Kuße; packte dann seine Schreibereien zusammen und wandelte mit ihr zur Stadt hinaus. Unterwegs kam das Gespräch wieder auf Albinen und es wurde beschloßen, den Garten aufzusuchen, wo sie sich aufhielt, um auch ihre Pflegeltern kennen zu lernen. Albinens Freude war unbeschreiblich als sie hinkamen und geschäftigt reinigte sie mit ihrer Schürze den besten Stuhl im kleinen Stübchen, um ihn Theresen zum Sitz anzubiethen. Doch sie und ihr Gatte zogen vor, in dem schön angelegten großen Garten zu gehen. Hier erfuhren sie nun in der Unterhaltung mit den wackern Gärtnersleuten: daß Albina als ein Kind in Windeln vor die Gartenthür in einen Korb gesetzt worden sey. „Als meine Dorothea, erzählte der Mann, sie am Morgen entdeckte, machte sie den Besitzern des Gartens die Anzeige davon: allein diese schickten sie höchst aufgebracht mit dem Kinde wieder fort. Mir war es unmöglich, das arme Würmchen weinen zu hören und mich seiner nicht anzunehmen; ich ließ ihr die h. Taufweihe und den Namen Albina geben und zählte sie in Gottesnamen zu meinen Kindern, mit denen ich trotz meines ärmlichen Einkommens noch nicht erhungert bin.“ „Gott segnet jede gute That braver Mann!“ sagte Langenheim gerührt, „aber, ist denn Albina des christlichen Werks, das an ihr geübt wurde werth?“ setzte er fragend hinzu (diese war mit seiner Gattin und mit Dorothea in eine Seitenallee gegangen, um Theresen einen herrlichen Nelkenflor zu zeigen) da glänzten des Mannes Augen vor Freude und er rief aus: „Lieber Herr! mein Lebtage hab ich kein Kind gesehen, das ihr gleichkommt! so fleißig, so einsichtsvoll, so engelgut! — weil sie sieht, wie wir uns absorgen, getraut sie sich kaum satt zu essen, immer müssen wir ihr zureden. Dabei strengt sie unermüdet ihr bischen Kraft vom frühen Morgen bis an den Abend an, um uns in allem beizustehen, uns alles zu erleichtern. Sehen Sie, vorhin kam sie beinahe athemlos gelaufen und mit einem Gesicht, das die Freude glühroth gefärbt hatte, zählte sie der Mutter und mir das Geld vor, womit sie von Ihnen beschenkt wurde; dann gieng sie in ein Winkelchen der Stube, faltete die Hände und betete stille. Gewiß hat sie für Sie gebetet. Ja, ja, sie ist ein liebes Kind! Gott sey mit ihr!“ so endigte Paul und große Thränen träufelten ihm über die braune Wange. Als Langenheim auf dem Rückweg der Gattin das Gespräch mit dem Gärtner mittheilte, sagte diese: „ach, was könnte aus diesem Mädchen bei einer sorgfältigen Erziehung werden! wie glücklich würde ich mich dünken, wenn ich Mutterstelle bei ihr vertreten könnte! doch will ich wenigstens thun was ich vermag mit deiner Beistimmung lieber Albert, Albinen zuweilen zu mir kommen lassen und sie in weiblichen Arbeiten unterrichten.“ Langenheim willigte gerne ein und Albina konnte immer die bestimmten Tage kaum erwarten, an welchen sie einige Stunden Theresens gründlichen und liebevollen Unterricht genießen durfte.
Der Direktor Hainau welcher bei der Regierung viel Gewicht hatte, bewirkte durch eine schwarze, durchaus unwahr entworfene Darstellung, in welcher Langenheim als träg, unbrauchbar und anmaßend geschildert wurde, wirklich dessen Amtsentsetzung. Sie kam nach 14 Tagen und beugte jenen tief. Therese mußte ihre ganze Seelenstärke aufbieten, um theils sich selbst zu trösten, theils ihren Gatten vor gänzlicher Muthlosigkeit zu sichern. Nächte vergiengen schlaflos, langsam und düster schlichen die Tage vorüber und Langenheim konnte zu keinem Entschluß kommen. Endlich gab er Theresens Bitten nach, besiegte die ihm eigene Aengstlichkeit und gieng zu seinem Gönner, dem Assessor Freiberg. Mit herzlicher Theilnahme versicherte ihn dieser, daß, sobald er von seinem traurigen Schicksal gehört habe, er sogleich einem bedeutenden Freund an dem Sch*schen Hof geschrieben, denselben Langenheim geschildert und ihn gebetten habe, bei der ersten Dienststelle die sich eröffnen und die er für jenen passend finden würde, sich seiner zu erinnern. — Die Fürsorge dieses würdigen Mannes, hatte den günstigsten Erfolg.