Die schleunige Rückantwort des Finanzrath Volkmar’s (dies war Freibergs Freund) enthielt den Ruf an Langenheim zur eben vacanten Secretairs-Stelle in jenem Fache, und die Aufforderung sich unverzüglich an den Ort seiner Bestimmung zu begeben. Der Assessor eilte mit dieser frohen Botschaft ungesäumt zu seinem Günstling und fand sich für seine schöne That reich belohnt in dem wiederhergestellten Glück der gerührten Gatten, welche keine Worte finden konnten, ihre Gefühle auszudrücken.

Albina war gerade zugegen, als Freiberg den Brief vorlas; ihr entfiel das Strickzeug als sie von Langenheims baldiger Abreise hörte; endlich entfernte sie sich. Als nun der gütige Freund weggegangen und die ersten Ergießungen der Herzen zwischen den Ehegatten vorüber waren, vermißte man Albina. Therese fand sie im kleinen Hofraum, den sie händeringend durchschritt und dabei laut weinte. „Was hast du denn Kind?“ frug jene. „Ach ich kann es nicht ertragen, wenn ich Sie nicht mehr sehen soll; antwortete schluchzend das Mädchen, gewiß ich bin recht, recht unglücklich!“ „Sey ruhig Kleine, es wird sich geben!“ sagte Therese beschwichtigend und führte sie ins Zimmer zurück, nahm ihren Gatten beiseite und das Resultat ihres kurzen Gesprächs war — Albinen mitzunehmen. Bei der größern Einnahme, zu welcher sie die Aussicht hatten, schien es ihnen ausführbar sich um Albinen auf diese Weise verdient machen zu können. Des Mädchens Entzücken, als ihr dies kund gethan wurde, überstieg alle Beschreibung; sie jubelte laut, fiel einmal Theresen, dann wieder ihren Gatten um den Hals und gelobte eine recht gute Tochter zu werden.

Rührend war Langenheims Abschied von seinem für ihn so treubesorgten Freund; noch rührender Albinens Trennung von Vater Paul und Mutter Dorothea. So sehr beide mit freudiger Theilnahme einsahen, daß jener ein weit glücklicheres Loos zu Theil werden würde, als sie je bei ihnen hoffen konnte, so sehr sie mit Dank erkennen mußten, eine Kostgängerin weniger zu haben: so war ihnen doch das liebe Pflegkind so theuer, daß der Abschied sie recht tief betrübte. Auch Albina war sehr bewegt und konnte nicht aufhören den guten Eltern für alle Wohlthaten zu danken. „Ihr habt mir das Leben gerettet“ sagte sie, „ihr habt mich christlich erzogen, und was ich bin, ist Euer Werk!“ so war es auch. Die Leute waren von keiner gemeinen Herkunft und so genoßen ihre Kinder, mit ihnen auch Albina, eine bessere Erziehung, als bei andern ihres Gleichen gewöhnlich der Fall ist. Letzteres hatte mit den größern Geschwistern vom Vater Paul in den langen Winterabenden und an Sonntägen fertig lesen, schreiben auch rechnen gelernt und war durch Lehre und Beispiel der wackern Pflegeltern in allem Guten bestärkt worden, wozu sie die natürliche Anlage schon hatte.


Langenheims Aufenthalt in der Residenzstadt D* war äußerst angenehm und vortheilhaft. Die gewissenhafte Pflichttreue, der redliche Charakter und das untadelhafte Betragen des Mannes, so wie die bescheidene Sitte, das ungeheuchelte Wohlwollen und die äußere Anmuth Theresens wurde anerkannt und sie deswegen geschätzt und vorgezogen. Nicht lange, so erhielt Langenheim einen höhern Posten und noch waren nicht ganz 4 Jahre verfloßen, als er mit einer ansehnlichen Besoldung in die Stelle eines abgehenden Finanzraths einrückte. Wohl macht man zuweilen die Erfahrung, daß verbesserte Glücks-Umstände, vermehrter Reichthum und erhöhter Rang einen nachtheiligen Einfluß auf den menschlichen Charakter äussern: doch ist dieß nur da der Fall, wo man die Urquelle alles Guten auf der Welt leichtsinnig vergeßen kann und wo ein falscher Wahn herrscht, der jenen vergänglichen Dingen einen Werth beilegt, welchen sie durchaus nicht haben und den sie erst durch die Anwendung erhalten. Bei Langenheims war es anders: sie blieben nicht nur die guten unverdorbenen Menschen, die sie waren, sondern sie strebten vielmehr unabläßig nach einer immer höheren Stufe der Verfeinerung und Vervollkommnung. Ohne sich zuzudrängen nahmen sie die Aeußerungen wahrer Achtung dankbar und aufrichtig erwiedernd an, waren gleich weit von lächerlichem Hochmuth und niedriger Kriecherei entfernt und benahmen sich so wohl gegen Vornehmere würdevoll, als gegen Geringere freundlich. In ihrem Hause fand jeder, der für das Schöne und Anständige Sinn hatte, vollkommne Befriedigung, jeder Besuchende herzliche Aufnahme, jeder Unglückliche Theilnahme und Trost und — was die Hauptsache war — ein frommer Sinn heiligte dies alles, theilte sich allem mit, was mit Langenheims in Berührung kam und zeigte sich auch in der, ohne ängstliche Scheu pünctlichen Ausübung äusserlicher gottesdienstlicher Handlungen. In solchen Umgebungen und unter einer solchen Leitung wurde Albinens Geist und Herz auf die vorzüglichste Weise ausgebildet. Langenheim ließ sie von den besten Lehrern in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten, welche einem Mädchen nothwendig sind, die späterhin einen Gatten beglücken, in weiche Kinderherzen den Saamen alles Schönen und Guten streuen, und auch selbst in freundschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen eine erfreuliche und vortheilhafte Rolle spielen will. Therese ließ sie an allen häuslichen Beschäftigungen Antheil nehmen, und konnte ihr bald einen großen Theil der Führung ihres Hauswesens überlassen. Das Beispiel der anspruchslosen und doch so verdienstreichen Pflegemutter leuchtete ihr auf ihrem heitern Jugendweg voran und so wurde sie, ohne daß sie es wußte, eines der vorzüglichsten weiblichen Geschöpfe und glaubte: sie könnte nun gar nicht anders denken, handeln und seyn. Ihre Vorzüge und ihre dankbare innige Liebe zu ihren Wohlthätern ließ diese leichter das Glück verschmerzen, das ihnen die Vorsicht versagte, eigene Kinder zu besitzen.

Langenheim folgte in D* — wo eigentlich der Sammlungsort der schönen Künste und Wissenschaften so wie ihrer Priester und Jünger ist — selbst einer frühern Neigung und erhöhte durch häufigen Umgang mit Künstlern und Kunstfreunden sein natürliches Gefühl dafür, schärfte sein Urtheil, verfeinerte seinen Sinn, vermehrte seine Kenntniße und überließ sich oft solcher reiner Genüsse. Sein Haus, das jedem Gebildeten offen stand, bekam den Ruf, daß Virtuosen und Künstler vorzüglich darinnen willkommen wären, und so wurde es von Einheimischen und Fremden fleißig besucht. Nur 2 der holden 9 Schwestern: Melpomene und Thalia konnten sich keiner freundlichen Duldung bei Langenheims erfreuen. Alles, was auf das Theater Bezug hatte, war ihm zuwider und in dem sonst heitern und offenen Wesen des Mannes gieng eine sichtbare Veränderung vor, wenn irgend ein Gespräch oder ein anderer Zufall seine Blicke auf jene Art der öffentlichen Unterhaltung hinlenkte. Therese gewohnt immer den Wunsch ihres Alberts gemäß zu handeln, äusserte nie einen Wunsch nach dem Genuß jenes Vergnügens und so blieb das dortige berühmte Theater von Allen unbesucht.


An einem Abend hielt ein Reisewagen vor Langenheims Wohnung, Baron Volkmar, der Freund des Assessor Freibergs stieg mit seiner Tochter Eugenia aus und kündigten sich als Gäste bei ihnen an. Er war ehedem bei Hof angestellt, und war derjenige welcher auf des Assessors Fürsprache, Langenheim eine Anstellung in D* verschafft hatte, aber noch ehe dieser an seinen neuen Aufenthalts-Ort kam, erhielt jener den Ruf als Präsident in eine entfernte Kreisstadt. Welche Verpflichtung fühlten die Gatten, dem achtungswürdigen Manne ihre innige Dankbarkeit durch das rücksichtsvollste und aufmerksamste Benehmen zu beweisen! — Am andern Tag kam beim Mittagsessen die Unterhaltung auf das Theater und es sprach sich bei dem Präsidenten und seiner Tochter eine leidenschaftliche Vorliebe für dasselbe aus. Ersterer beklagte sehr, diesen Abend durch eine andere Einladung abgehalten zu seyn ins Schauspiel zu gehen und Langenheim mußte den Pflichten eines gefälligen Wirthes seine Abneigung zum Opfer bringen und Eugenien durch seine Gattin und Albinen ins Theater begleiten lassen. Es wurde Müllners Schuld gegeben. Eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Elwire auf und rieß durch die Kunst ihres Spiels das Publikum zur Bewunderung hin. Die Leiden eines wunden Gewissens stellte sie mit so furchtbarer Natürlichkeit dar, daß jedes Gemüth und vorzüglich Albinens im Innersten ergriffen wurde. Sie verbarg sich einigemal an Theresens Busen und flüsterte in heftiger Bewegung: „Ach Mutter! Mutter! ich möchte vergehen!“ Der Anblick der Schauspielerin erregte ein Gefühl in ihr, für das sie keine Worte hatte. Verließ jene die Bühne so war Albina zerstreut und wünschte sie wieder, ja immer zu sehen; trat sie auf, so war dem Mädchen so wohl, so weh, daß sie mit sich zu kämpfen hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen.