Therese schrieb ihr Benehmen der Neuheit des Gegenstands zu und ermahnte im Nachhausgehen Albina leise: dem Vater nichts von dem Eindruck zu sagen, welchen der erste Genuß des Schauspiels auf sie gemacht hatte, es möchte ihm Verstimmung, und ihr seinen Tadel zuziehen.

Bei dem 2ten Debüt der Schauspielerin ward Langenheim von Volkmar aufgefordert, mit ihm das Theater zu besuchen. Er konnte nicht ausweichen ohne unartig zu seyn. Das Schauspielhaus war gedrückt voll; selbst in der Loge, wo sie sich befanden waren mehr Personen als eigentlich seyn sollte. Auf diese Weise blieb Langenheim ganz hinten an der Thüre stehen: jedoch als die Schauspielerin auftritt und einige Worte spricht, drängt er sich vor, wirft einen Blick auf die Bühne, ergreift die Hand des neben ihn stehenden Barons, die er krampfhaft drückt, sagt ihm ins Ohr: „mir wird schlimm!“ und stürzt zur Loge hinaus.

Er traf zu Hause Niemanden. Die Frauenzimmer waren in einer Theevisite. Langenheim schließt sich in sein Zimmer ein und kämpft mit seinem aufgeregten Innern.

„Die Schauspielerin — ja sie war es — ich täusche mich nicht — sie ist Cornelia Bergen“ — ruft er aus und schreitet heftig im Zimmer auf und ab.

Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemach verschloßen und säumte nicht, es sogleich Theresen bei ihrer Zurückkunft zu melden. Als sie ihre sanfte Stimme vor der Zimmerthüre ihres Gatten hören ließ, öffnete er dieselbe, aber ach! was erwartete sie hier. Bei dem trüben Schimmer einer lang hinunter gebrannten Kerze, schien sein blasses Antlitz eher einem Todten als einem Lebendigen anzugehören, seine Arme hingen schlaff herunter und sein scheuer Blick vermied den ihrigen. „Gott! was fehlt dir mein Albert?“ rief die Erschrockene. Statt der Antwort stürzte er zu ihren Füßen und Therese fühlte den brennenden Fieberhauch seines Mundes auf ihrer Hand. „So sprich doch um Gotteswillen!“ fuhr Therese fort und zitterte am ganzen Körper. „Ach! mein Weib wird mich hassen, sie wird mich verlassen — ich werde grenzenlos elend seyn!“ jammerte Langenheim; sprang auf, rang die Hände, warf sich auf das Sopha und verhüllte sein Gesicht in die Kissen. Die bestürzte Gattin hielt ihn fest umschlungen und beschwor ihn mit den zärtlichsten Ausdrücken, sie von dem peinlichen Zustand der Ungewißheit zu befreien und seinen Kummer ihr zu entdecken. „Ich will dir ihn ja gerne tragen helfen, wäre es noch so schwer“ setzte sie tief bewegt hinzu. Lange bat sie vergebens. Endlich richtete er sich langsam auf, fuhr mit der Hand über die heiße Stirn und sagte, indem er den Blick finster auf die Erde heftete: „Ich will — ich muß dir alles sagen Therese! sollte es mich auch deine Liebe kosten. — Es wird zwar vorüber gehen, was heute mein Gemüth erschütterte — es ist auch möglich, daß es dir verborgen bliebe und — die sogenannte feine Welt würde das Ganze vielleicht für unbedeutend halten! — aber ich, nein ich kann es nicht! in das treue Aug meines geliebten Weibes könnte ich nimmer mit Ruhe blicken, an diesem stillen frommen Herzen würde das Meinige nimmer seinen Frieden finden, wenn ich dir verheelte, was mir heute begegnet ist.“ Dabei sank er mit dem Kopf auf Theresens Schulter und preßte ihre Hand an sein laut pochendes Herz. „Du warst im Theater?“ frug die Gattin ahnungsvoll um ihm bei seiner Mittheilung entgegen zu kommen. „Ja,“ flüsterte Langenheim, „und — die fremde Schauspielerin.“ — Therese zitterte. — „Zittre nicht so theures Weib!“ fuhr jener fort; „schwach war dein Albert, er ist es noch, aber niedrig konnte er nie handeln; höre, und dann richte mich. Cornelia Bergen war wohl einst der Gegenstand meiner heftigsten Liebe. Sie war von ausgezeichneter Schönheit und Liebenswürdigkeit, besaß einen gebildeten Geist, so wie Sinn und Liebe für die Kunst und Wissenschaften. Der Eindruck, den dies Alles auf mich machte, verstärkte sich durch den Vorzug, welchen sie mir vor allen ihren Verehrern gab und bald waren wir einig unter uns. Meinem Vater, der schon viele Jahre kränklich war, wurde mein Verhältniß zu Cornelien von einer geschäftigen alten Base hinterbracht und er zürnte so heftig darüber, daß ich viele trübe Stunden hatte: Denn ich liebte ihn herzlich, lag aber zu fest in Corneliens süßen Ketten, als daß es mir möglich gewesen wäre, mich hier loszureissen. Ein jäher Tod entriß mir den Vater in dieser Katastrophe und oft schlich sich der reuige Sohn zu seinem Grabe und weinte hier seinen Schmerz darüber aus, daß unversöhnt mit ihm das väterliche Herz gebrochen ist. Meine dadurch oft getrübte Stimmung mißfiel Cornelien, welche immer heiter und fröhlich war und bald bemerkte ich eine Veränderung in ihrem Betragen. Ich forschte nach und erfuhr, daß ein fremder Officier mich bei ihr verdrängt habe, mit diesem verschwand sie auf einmal. Ach Therese! was ich hier litte war unbeschreiblich! Jahre lang kämpfte ich mit meiner Liebe, mit meiner Reue, die mitleidige Zeit zog nach und nach einen Vorhang über die Ereigniße der Vergangenheit und mir wurde das Glück dich mein gutes Weib kennen zu lernen, durch die Verbindung mit dir wurde jede Forderung meines Herzens befriedigt und der Schatten meines Vaters versöhnt: denn oft entwarf er mir das Bild eines Mädchens, wie er es für mich gewünscht, und diesem warst du nicht nur ähnlich, du übertrafst dasselbe. Daß ich nun ganz in der glücklichen Gegenwart lebte, dieß Therese wird dir meine unverstellte, immer gleiche Zufriedenheit und Ruhe gezeigt haben; aber ich wollte nicht frevelnd durch unangenehme Erinnerungen an die Vergangenheit selbst meinen Frieden stören: daher vermied ich das Theater, und alles was darauf Bezug hatte. Heute nun trat ich mit bangem Vorgefühl in die Loge. Nicht lange, so hörte ich die bekannte Stimme, ein Blick und ich erkannte Cornelien — Alles was ich Trübes und Angenehmes in dem einstigen Verhältniß mit ihr erfahren hatte, stürmte in dem Moment auf mich ein und ich eilte fort, um in meinem häuslichen Asyl mich wieder zu finden. Hier entstand aber erst recht eigentlich der Aufruhr in meinem Innern. Die Schuld, an dir du Treue, durch Verheimlichung meiner frühern Verhältniße begangen, stand riesenhaft vor mir, mich folterte die Angst, wenn und wie du es erfahren würdest — ich verwünschte meine Schwäche, die mich verhinderte, jenes überraschende Ereigniß männlich zu behandeln und durch welche ich ihm eine Wichtigkeit gab, die es wohl nicht mehr hat — tausenderlei Plane durchkreutzten mein Gehirn, und ich konnte keinen festhalten. Nun erschienst du Engel! die ruhige Klarheit deines ganzen Wesens vergegenwärtigte mir dein Anblick. Auf einmal war auch ich mit mir im Reinen. Ich fühlte und dachte nichts mehr als die Ueberzeugung, daß ich dir Nichts verschweigen dürfte und nun — ist es hier leichter,“ sagte er, indem er auf die Brust deutete.

Therese hatte während der Erzählung mühsam nach Fassung gerungen, denn der süße Wahn: daß sie alleine Alberts Herz beseßen habe, war zerstört, ihr felsenfestes Vertrauen auf seine Treue die sie nach der ihrigen maß, war erschüttert und die Aussicht in ihre häusliche Zukunft schien ihr in diesem Augenblick getrübt. Jedoch, wer vermag den Grad der Stärke der Liebe eines edlen Weibes zu bestimmen! — Schwer ist der Streit eines Helden mit äußern Feinden, ungleich schwerer der, jener weiblichen Heldinen, mit den innern Gegnern! aber — ihr Panier ist die Liebe! mit diesem kämpfen und siegen — sie dulden, sie tragen, sie verläugnen sich selbst und ermüden nicht bei den fortwährenden Forderungen der Pflichten, welche sie aus Liebe übernommen haben. Auch Therese duldete keine andere Empfindung in ihrem Herzen. Sie war bald wieder mit sich ganz einig und strebte nur noch die letzte Regung einer vorübergehenden Wehmuth in sich nieder zu kämpfen, als Langenheim endigte.

Nach einer kurzen Pause sagte sie sanft: „ich will kein Gedächtniß für die Vergangenheit haben, für die Gegenwart will ich mir Kraft von Gott erbitten und die Zukunft wird mich wieder mit deiner Liebe belohnen.“ „Herrliches trefliches Weib“ rief Langenheim, warf sich vor ihr auf die Kniee und bedeckte ihre Hand mit Küssen.

Therese bat ihn, ruhig zu werden und mit ihr gemeinschaftlich den Plan zu einer übereinstimmenden Handlungsweise für die nächsten Tage und Stunden zu überlegen, um in keiner Hinsicht den äussern Anstand zu verletzen, da seine schnelle Entfernung aus dem Theater, leicht Aufsehen erregt haben könnte.

„Ich werde alles thun, was du willst,“ sagte Jener, „handle du für mich, ich kann es nicht. Das Ganze hat ohnehin nicht nur mein Gemüth, sondern auch meinen Körper so sehr angegriffen, daß ich mich recht unwohl fühle.“ Besorgt bat ihn Therese, sich niederzulegen und bestand darauf, nach einem Arzt zu schicken. Indem sie über den Vorplatz eilte, um einem Dienstmädchen hiezu den Befehl zu ertheilen, hörte sie die Treppe herauf gehen. Sie blieb stehen und — siehe da, der Präsident stieg mit einem Frauenzimmer dieselbe herauf, in welcher er Theresen die gefeierte Schauspielerin und dieser, die Dame von Haus: Frau Finanzrath Langenheim vorstellte. Höchst schmerzlich überrascht, war Therese mit sich selbst zu viel beschäftigt, um die Bestürtzung Corneliens bei Erwähnung dieses Namens wahrzunehmen und Volkmar scherzte darüber, da er sie für Schüchternheit auslegte und sie versicherte: Einer Priesterin Thaliens müßte dies Gefühl ganz fremd seyn, zumal in einem Hause, worin der Kunst so sehr gehuldigt würde. Therese fand während dieser Rede Zeit, sich zu sammeln und nachdem sie, den Gatten mit Unpäßlichkeit entschuldigend, die Gäste ins Speisezimmer geführt hatte, entfernte sie sich auf kurze Zeit, schrieb mit Bleifeder auf ein Stückchen Papier: „Ich sende Dir Albina zur Pflege, da unsere Gäste, worunter auch Cornelia ist, mich in Anspruch nehmen; beunruhige Dich nicht! ich werde mich zu beherrschen wissen und hoffe, auch Du wirst Niemanden dein Inneres verrathen. Am wenigsten Albinen.“ Mit diesem Zettelchen schickte Therese Albina gleich von der Küche, in welcher sie beschäftigt war, zum Vater, mit der Weisung, ihn nicht zu verlassen, bis sie von ihr abgelößt werden würde. Dann kehrte sie mit dem festen Entschluß: ihr aufgeregtes Inneres zu bemeistern, zu ihren Gästen zurück. „Ganz stille, armes Herz!“ sagte sie leise und drückte fest die Hand darauf, „du darfst heute dein Recht nicht geltend machen.“ Der gefällig arrangirte runde Tisch lud freundlich zur Abendmahlzeit ein. Volkmar ein feiner Weltmann führte das Wort, Eugenia kramte dazwischen hie und da ein gelehrtes Wissen aus; Therese lächelte, erzählte, hörte aufmerksam zu: doch Alles mit der höchsten Anstrengung und — Cornelia, ganz gegen die Weise der Schauspieler war ernst, bescheiden und sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde, dann aber mit einer Tiefe des Gefühls, mit einer Wärme, und mit einem Reichthum von Kenntnißen, daß Therese sie bewundern mußte. Corneliens ganzes Wesen erregte ihre Theilnahme und ihre angebohrene unaussprechliche Milde löste bald den Zwang, den sie Anfangs ihrem Benehmen anlegen mußte in natürliche Werthschätzung und Freundlichkeit auf. Ihre Geistes-Stärke ging so weit, daß sie, nachdem die Gäste sich entfernt hatten, ihres Gatten heftige Aeußerung über Corneliens Besuch mit vieler Mühe beschwichtigen und ihm von der gehaltreichen Unterhaltung während des Abendeßen manches mittheilen konnte. „Edles, edles Weib! wie hoch stehst du über mir!“ rief Langenheim und preßte ihre Hand an seine Lippen. „Ich thue nichts“ erwiederte Therese, „als was mich die Liebe zu dir, und die Gerechtigkeit gegen Andere lehrt; ja der Wohlstand erfordert, daß ich morgen Cornelien einen Gegenbesuch mache,“ fuhr sie fort; „mein Albert hat doch nichts dagegen?“ „Wie könnte ich!“ antwortete er, „ich unterwerfe mich ja allen deinen Anordnungen!“