Am folgenden Tag, als sich Therese wirklich anschickte um zu Cornelien zu gehen, sagte Albina, indem sie der Mutter den Mantel umgab und die Schleifen der Haube ein wenig ordnete: „ach, wenn ich dich zu der intereßanten Frau begleiten dürfte, liebe Mutter! welche Freude wäre mir dies! Gewiß, als ich gestern Abend, dem Vater zur Unterhaltung eine Lectüre zur Hand nahm, laß ich wirklich gar nicht hübsch. Ich war so zerstreut, daß er es einigemal bemerkte und unwillig wurde, aber ich konnte mir nicht helfen, ich war immer im Geist im Speisezimmer und nur dein Gebot hielt mich ab bei Euch ein Bischen zuzusprechen, denn unvergeßlich ist mir der Eindruck welchen die Künstlerin auf mich gemacht hat.“ „Nun, wer weiß,“ erwiederte Therese, „sie verlängert vielleicht ihren Aufenthalt, dann könnte es sich wohl fügen, daß du mich einmal zu ihr begleiten würdest.“

Therese wurde bei Cornelien angemeldet, vermißte aber bei dem Empfang ganz die gewandte Schauspielerin; sichtbar befangen wurde sie begrüßt. Jedoch nach einigen gewöhnlichen Erörterungen des Theaters und Corneliens Kunst, worinn so viel Steifes und Gezwungenes lag, daß es Theresen drückend wurde, begann diese mit wahrer Engelsfreundlichkeit, indem sie Cornelien näher rückte und ihre Hand ergriff: „mein ganzes Gefühl sträubt sich gegen die Art und Weise unsers gegenseitigen Benehmens, ich bin es mir klar bewußt: so kann und darf es nicht bleiben; von einem wichtigen Ereigniß Ihres Lebens unterrichtet, habe ich ein Recht zu wünschen, daß zwei Herzen, die sich in einem Gegenstand begegneten, sich nicht fremd bleiben möchten, lassen Sie uns diesen ungestörten Augenblick benützen, sie gegeneinander zu eröffnen, lassen Sie uns von der gewöhnlichen Weise unsers Geschlechts abweichen, wo Eifersucht und Haß vielleicht jetzt trennend zwischen uns tretten würde. O ich kann Sie nicht hassen,“ rief sie lebhaft, „ich muß Sie lieben, mein Albert hat Sie geliebt und — ich täusche mich nicht — Sie verdienten diese Liebe!“ Cornelia war tief erschüttert und brach in Thränen aus. „Himmlische Güte!“ stammelte sie „— nein — nein Sie irren! ich war die Liebe eines so vorzüglichen Mannes nicht werth. In dem Feuer des Unglücks geläutert, darf ich mich wohl jetzt, mit einigem Selbstgefühl der Annäherung eines so edlen Wesens freuen — aber die Vergangenheit reicht mir stets nur des Vorwurfs Wermuthsbecher. Doch dieser Augenblick giebt meinem verweißten Herzen, was es Jahrelang vergebens suchte: Mitgefühl, Theilnahme, Freundschaft! o ich bin unaussprechlich glücklich!“ setzte sie im höchsten Affect hinzu und warf sich in Theresens Arme.

Sie glaubte: dieser ihre innige Dankbarkeit durch ein unbedingtes Vertrauen am sprechendsten zu beweisen und in der Ueberzeugung theilte sie der edlen Freundin ihre ganze Lebensgeschichte mit:

Von Schauspielern gebohren, war sie schon als kleines Kind auf der Bühne einheimisch geworden. Ihr Vater gehörte zu den Gebildetern seines Standes und wandte auf die Erziehung seiner einzigen Tochter viel Fleis und Mühe. Ein geschickter ältlicher Schauspieler, der ihr sehr gewogen war, trug auch das Seinige dazu bei und so wurde in ihr nicht nur der Sinn für die Wissenschaft geweckt, sondern auch genährt und vortheilhaft würkte dies auf ihr ganzes Betragen. Ihr Aeusseres zog ihr überall einen Schwarm von Verehrern zu, deren Absichten aber größtentheils unlauter waren, jedoch so leichtsinnig Cornelia schien, so streng tugendhaft war sie wirklich. Ihre Eitelkeit gefiel sich in den Bewerbungen der Männer, allein ihre Würde wußte dieselben in den Schranken der Sittlichkeit zu erhalten. Langenheim näherte sich ihr auf eine Art, welche seinen reinen Sinn und seine Liebe für Kunst und Wissenschaft aussprach, dies machte ihr ihn sehr theuer. Die Stunden, die sie zusammen verlebten, verstrichen nicht blos unter Kosen und Tändeln: sie lasen miteinander die besten englischen, italienischen und französischen Werke, er suchte mit ihr den Geist ihrer Rollen auf und half sie ihr einstudiren, oder hörte ihrem Spiel auf dem Flügel und auf der Guitarre zu. Diese reinen Genüsse wurden indessen bald durch die Unzufriedenheit des Vaters Langenheims gestört. Albert kam nun oft in trüber Stimmung zu Cornelien und als endlich vollends der Vater jäh und unversöhnt mit dem Sohne starb, war dieser einige Zeit ganz tiefsinnig. Ob sich wohl seine Liebe gegen Cornelien immer gleich blieb und ihr Einfluß auf seine Stimmung, wenigstens in ihrer Gegenwart sichtbar vortheilhaft war: so wurde es dieser doch in die Länge peinlich, immer trösten, immer beruhigen zu müssen und zum Unglück lernte sie in der Periode einen Officier kennen, der mit einem sehr vortheilhaften Aeussern die Gabe der Verführungskunst im hohen Grad besaß. Er verstand es, Langenheim zu verdrängen und in Cornelien eine glühende Liebe für ihn zu erwecken. Die Revolution in Frankreich wüthete, die deutschen Fürsten boten ihre Völker auf, auch Romberg (so hieß der Officier) bekam Ordre zum Marsch. Er überredete Cornelien ihm ins Hauptquartier zu folgen. Hier lebte von ihm ein Jugendfreund als Geistlicher. Dieser mußte den ungestümmen Bitten desselben nachgeben und das Paar trauen.

„Kurz war der seeligste Traum meines Lebens!“ sagte tiefseufzend Cornelia, „und fürchterlich war sein Erwachen. Was Liebe erfinden kann um zu beglücken, das war mein schöner Theil in den geschloßnen Ehebund und in der noch nie genossenen, aber in ihrer Neuheit mir unbeschreiblich süßen häußlichen Stille, entflohen mir die glücklichen Flitterwochen. Allein bald entdeckte ich finstre Wolken auf der Stirne meines Gatten. Er wich meinen ängstlichen Fragen aus und half sich mit leeren Ausflüchten. Sein Trübsinn nahm jedoch immer mehr zu und — an einem Abend, wo er mit einer seltsamen Bewegung von mir schied, da ihn Dienstgeschäfte riefen — sah ich ihn zum letztenmal! Vergeblich wartete ich zur gewöhnlichen Zeit auf seine Rückkehr. Die Nacht erschien, sie verstrich, ohne Ruhe und Schlaf für mich und — Romberg kam nicht wieder.“ Ein Strom von Thränen unterbrach hier Cornelien, Therese umfaßte tiefgerührt die Trauernde und ihre innige Theilnahme besänftigte den aufgeregten Sturm in dem Gemüth derselben. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Ich erfuhr nachher durch meine Wirthsleute, welches gute Menschen und mir in Liebe und Mitleid sehr zugethan schienen, daß Romberg meinetwegen ein Duell gehabt hätte und da dies unglücklich ausgefallen sey, genöthigt worden wäre: mich und den Dienst heimlich zu verlassen. Wer beschreibt meine hülflose Lage! Ohne alles Vermögen, mit jener Gesellschaft, von der ich mich durch Romberg verleitet, selbst getrennt hatte; aus aller Verbindung, hatte ich Niemanden auf der weiten Welt, dem ich näher angehörte und war also auch nicht im Stand irgend eine andere Lebensweise zu beginnen, als mich eben wieder auf eine andere Bühne zu begeben. Mein Hauswirth dem ich mich vertraute und der mich mit etwas Geld unterstützte, erbot sich, mit dem Direktor der Truppe, welche in dem Ort spielt, wo ich mich befand, meinetwegen zu sprechen: allein mir war es unmöglich hier aufzutretten; ich verkaufte einen Ring, das Einige was ich noch von Werth besaß und fuhr mit dem Postwagen nach C* wo ich bei dem dortigen berühmten Theater gerne aufgenommen wurde. Vor Mangel war ich nun wieder geschützt: aber in meinem Innern sah es furchtbar aus. Das Leiden einer Betrogenen, immer noch heftigen Liebe, erkannte ich für eine gerechte Strafe meiner an Langenheim verübten Untreue, der mir, nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Liebe seines Vaters geopfert hatte. Die Sorge um sein Schicksal, welches das Gefühl meines eigenen Glückes verdrängt hatte, trat wieder hervor und verfolgte mich immer, auch wollte mir das Schauspielerleben durchaus nicht mehr zusagen. Ich hatte — wie wohl nur in kurzen 4 Wochen — mit meinem Romberg gefühlt, was häusliches Glück ist und mit unaussprechlicher, doch vergeblicher Sehnsucht hing ich den süßen Träumen nach, die mir meine rege Phantasie davon entwarf. Die Zeit nahte heran, wo ich einem armen vom grausamen Vater verlassenen Kinde das Leben geben sollte, ich konnte nicht mehr auf der Bühne erscheinen und in die trübe Einsamkeit, in welcher ich nun lebte, folgten mir die Gespenstergleichen Bilder meines Unglücks.

Endlich vertrieben die Kriegsunruhen unsere Gesellschaft aus jener Gegend. Auf der Reise wurde ich in einem kleinen Oertchen von einer Tochter entbunden. Doch“ — hier schien Cornelia mit einer geheimen Unruhe zu kämpfen — „doch auch das Kind starb. Für so viele bittere Erfahrungen suchte ich Trost in dem Gebieth der Wissenschaften und durch immerwährendes Studium gelang es mir, mich mit bereichertem Geist aber verarmten Herzen auf den Standpunct empor zu schwingen, auf welchem ich nun stehe, wo ich gewöhnlich rauschenden Beifall einerndte, doch sonst auch Nichts für meine bessere Sehnsucht gewinne. Meine Absicht ist auch, mir nur eine gewisse Summe zu erwerben, dann auf dem Lande mich anzukaufen und dort in der Stille mein vergriffenes Leben zu vertrauern. — Wohl“ setzte sie noch hinzu, „habe ich jetzt viel, sehr viel meinem Verhältniß als Schauspielerin zu danken! ich lernte durch dasselbe ein Wesen kennen, das, wie ein tröstender Engel aus bessern Welten, wieder Ruhe und Stille in das ungestümme Meer meiner Empfindungen gebracht hat. Auch weiß ich, daß Langenheim glücklich ist, ertrage also leichter in Zukunft mein eigenes Unglück. Ach, wie konnte ich mir die seelige Folge denken, als ich mich gestern entschloß, Ihrem Gast zu folgen, welcher mich nach geendigtem Schauspiel aufsuchte und mir anbot mich in das Haus eines seiner Freunde zu bringen, worinnen Künstler so sehr willkommen wären; ich willigte ziemlich gleichgültig ein, denn erst, als ich vor Ihnen stand, hörte ich den mir unvergeßlichen Namen. Geübt in der Kunst mich, wenn es seyn muß, auf der Bühne anders zu geben als ich bin, war mir doch dies in jenem Augenblick eben so unmöglich als auch vorhin bei Ihrem Eintritt eine Verwirrung zu verbergen. Nur Ihre hinreißende Herzlichkeit und Güte —“ „Wie glücklich wäre ich,“ fiel Therese hier schnell ein, „wenn ich mir durch mein Benehmen eine Freundin gewonnen hätte!“ Cornelia hob das schöne dunkle Aug gen Himmel, faltete die Hände und sprach in Begeisterung: „Gott! mache mich dieses großen Glückes, der Freundschaft dieser Edlen würdig!“ —


Mit kurzer Auswahl theilte Therese nach und nach ihrem Gatten aus Corneliens Lebensgeschichte mit, was ihr, ihm zu sagen nothwendig däuchte (auch Albinen erzählte sie manches davon, welches diese mit großem Intereße aufnahm). Vorzüglich blieb sie bei dem, von der Freundin geäusserten Wunsch: vom Theater wegzugehen und sich auf dem Lande anzukaufen — öfters stehen, und sprach denselben gleich einem Eigenen aus. Zufällig wurde eben ein kleines Landhaus in der Nähe der Stadt feilgeboten und Therese forderte von ihrem Gatten als einen Beweis seiner Liebe für sie: ihr das dazu erforderliche Capital als Vorschuß für Cornelien und seinen Beistand bei den Unterhandlungen des Kaufs zu bewilligen. Langenheim betrachtete sie lange stillschweigend. Er fürchtete durch irgend eine Aeußerung das zarte Gefühl ihres schönen Herzens zu verletzen, das er fähig war in diesem Augenblick ganz zu durchschauen, ganz zu verstehen. Endlich schloß er sie in seine Arme und sagte: „bestimme über mein Vermögen, über meine Handlungsweise! mein edles Weib wird nichts von mir fordern, das ich nicht leisten könnte und leisten dürfte.“ Mit inniger Rührung hörte und nahm Cornelia Theresens großmüthiges Anerbiethen an, und es entzückte sie die Aussicht künftig in der Nähe dieser theuern Freundin ein glückliches und ruhiges Leben führen zu können. Sie verlangte und erhielt bald darauf ihre Entlassung vom Theater und fühlte sich durch Theresens achtungsvolle Freundschaft mehr geehrt, als durch alle, noch so vortheilhafte mündliche und schriftliche Urtheile über ihre Kunst, wovon die Zeitschriften erfüllt waren und die gesellschaftlichen Zirkel wiederhallten. O den Besitz eines edlen Menschenherzens wiegt keine Krone auf: sie sey von Gold oder von Lorbeeren!

Therese gieng nun wegen des Kaufs des Landguts öfters zu Cornelien, denn Langenheim hatte jede mittelbare Hülfe versprochen, aber kein Verlangen gezeigt, sich Cornelien persönlich zu nähern. Die Gattin schien ihn hier ganz ruhig nach eigener Willkühr handeln zu lassen, äusserte keine Besorgniß, daß sich die alten Freunde wieder sehen würden, wollte es aber auch nicht absichtlich veranlassen, sondern überließ Alles dem Gang der Zeit und des Schicksals, welchem auch Cornelia nicht vorgreifen zu wollen schien und Langenheims Haus seit dem ersten Besuch nicht betretten hatte. Therese hatte ihr von dem Eindruck, den ihr Wiederfinden auf Langenheim machte, nichts gesagt, aber sie aufrichtig seiner fortdauernden Freundschaft oft versichert und auf diese Weise ein rein herzliches doch leidenschaftsloses Gefühl in beider Gemüther erregt und unterhalten.