Bei einem jener Besuche, die Therese häufig bei Cornelien machte, erzählte Erstere dieser von ihrer geliebten Pflegetochter Albina. Sie war unerschöpflich in ihrem Lob und fand bei Cornelien eine wunderseltsame Theilnahme. Bei der regelmäßigen Schönheit Albinens erwähnte sie, als eines kleinen Verstoßes gegen dieselbe eines Mal’s am Halse, weswegen sie genöthigt sey, ihren blendend weisen Nacken, immer in hohe Chemissetten zu verhüllen. „Wie ist dies Mal gestaltet?“ frug Cornelia schnell? „Ganz wie ein natürliches Erdbeerchen“ antwortete Therese. „Gott! mein Kind, mein Kind! meine wiedergefundene Tochter!“ rief ganz ausser sich Cornelia, stürzte vor Theresen nieder, hob die Hände empor und flehte: „Engel! vollende dein himmlisches Werk! gieb mir mein Kind wieder! Ich will Tag und Nacht sinnen, wie ich deine Liebe dir vergelte! Ja fordre was du willst, ich will Alles thun, nur sey barmherzig und gieb mir meine Tochter wieder!“ Therese hob sie tröstend auf und versicherte freudig: augenblicklich Albinen davon zu benachrichtigen und ihr dieselbe zuzuführen. Sie eilte auch sogleich nach Haus und als Albina ihr entgegen kam, umarmte sie dieselbe gerührt und sagte: „Du ahnest wohl nicht gutes Kind! welch ein wichtiger Augenblick dir naht, bereite dich auf eine große Freude vor!“ „o Mütterchen! sprich doch,“ schmeichelte Albina! „ich bin voll Begierde.“ Sie waren jetzt ins Zimmer gekommen und hier entdeckte ihr die bewegte Pflegemutter, daß Albina sich von ihr trennen müsse, um an dem Herzen der eigenen Mutter zu ruhen. Welch eine Fluth süßer Empfindungen goßen diese Worte in des Mädchens Seele. Wie fühlte sie die Stärke der, in den Banden des Bluts begründeten Rechte der Natur! Von welch ganz anderer Art war, was sie jetzt empfand im Vergleich mit dem, was sie für ihre geliebten Pflegeltern fühlte! Mit der ihr eigenen Offenheit warf sie sich Theresen in die Arme und sagte: „so lang meine Lebenspulse schlagen und noch jenseits werde ich mit unaussprechlicher Liebe und Dankbarkeit dich verehren: aber vergieb der Sehnsucht die mich fest mit aller Gewalt zu meiner Mutter hinzieht. O Albina ist nicht mehr heimathlos! Wie viel süßes liegt in diesem Gedanken! und ich habe eine Mutter, die du werth hälst, die ich lieben und achten kann und die auch mich, so, wie ich durch deine treue Fürsorge bin, nicht von ihrem Herzen wegweisen wird. Komm, o komm, daß sie sich mit mir zu dem Dank vereinigt, den ich so tief fühle, für den ich aber keine Worte finden kann!“ Therese streichelte die glühende Wange des entzückten Mädchens und sagte: „nur so lange gedulde dich liebes Kind! bis ich den guten Vater von allem unterrichtet habe, es wäre pflichtwidrig dies anstehen zu lassen, ich will mich recht kurz fassen und bin gleich wieder bei dir.“ Erstaunt hörte Langenheim Theresens Erzählung und freute sich mit ihr, vom Schicksal auserkohren worden zu seyn, das Kind einer Freundin so zu erziehen, um es ihr nun vorwurfsfrei in die Arme führen zu können.

Unterdessen fühlte Cornelia eine Ungedult, welche bei ihrem leidenschaftlichen Charakter, schmerzlich wurde, sie verwirrte ihre Ideen, daß sie nichts deutlich denken konnte als den Wunsch: wenn sie doch kämen! hundertmal gieng sie ans Fenster und rannte dann, wenn sie niemand erblicken konnte, laut weinend im Zimmer auf und ab. Endlich öffnete sich die Thüre und — Albina flog in ihre Arme. Für solche heilige Momente besitzt die Feder keine Fähigkeit sie würdig zu schildern und begnügt sich damit, erst wieder nach den ersten Ergüssen heftig ergriffener Gemüther ihre Thätigkeit fortzusetzen; unterdessen entwerfe sie mit einigen Zügen Albinens Bild: Sie stand vor ihrer Mutter in der vollen Jugendblüthe eines 16 jährigen Mädchens, ausgestattet mit jeder äusseren Schönheit und Anmuth. Das reiche blonde Haar umschlang in zierlichen Flechten das schön geformte Haupt, einige Locken umspielten die freie offene Stirn, die feine, fast unmerklich gebogene Nase gab ihrem Gesicht ein regelmäßiges Profil. Die Wangen schienen von sanfter Pfirsichblüthenfarbe nur angehaucht, des kleinen Mundes Korrallen-Lippen verschloßen zwei blendend weiße Reihen Zähne und das Kinn mit einem Grübchen versehen, vollendete die rein ovale Form des Gesichts welches durch ein paar seelenvolle blaue Augen Leben und Ausdruck erhielt. Ihr Wuchs war edel, ihr Gang leicht und schwebend, ihre Sprache tönte melodisch und alle ihre Bewegungen, alles was sie sagte und that trug das Gepräge von Anmuth, von richtiger Bildung erworbener Fertigkeiten und — von Seelenadel. Wahr und treu im engsten Sinn des Wortes, war sie schon von Kindheit an gewesen und der Reichthum von Liebe in dem Herzen ihrer treflichen Pflegmutter waltend, theilte sich auch dem ihrigen mit und nahm ganz Besitz davon. Es entzündete sich an ihrer Gluth das Feuer der Thätigkeit für Andere. Ja, die Kraft, die schon in ihr lag, sich für die Menschen, besonders für geliebte Wesen aufzuopfern, verstärkte sich durch das edle Beispiel Theresens. Sehr geschickt in allen weiblichen Arbeiten, nicht unbekannt mit den schönen Wissenschaften, verband sie mit all’ diesen herrlichen Eigenschaften eine liebenswürdige Bescheidenheit, eine unverstellte fromme Demuth. Auch jetzt als Cornelia, lange in ihren Anblick versunken, endlich in gerechte oder leidenschaftliche Aeusserungen der Bewunderung ausbrach, suchte Albina, hoch erröthend und beinah ängstlich sie dadurch davon abzubringen, daß sie ihren Blick auf Therese als die Gründerin ihres Glücks lenkte. Cornelia verstand sie und ließ nun ihr volles Herz gegen diese in Dank und Wonne ausströmen. „Es ist einer der seeligsten Augenblicke meines Lebens“ sagte Therese, „und ich danke der Vorsicht gerührt für den hohen Lohn einer Handlung, welche der Menschlichkeit angehörte; für den süßen Erfolg meines Strebens, die natürlichen Eigenschaften unserer Albina dazu auszubilden, daß sie jetzt die Freude und der Stolz einer würdigen Mutter werden kann und wird.“ „Aber Mütterchen, welcher feindseelige Dämon stellte sich einst trennend zwischen dich und dein armes Kind?“ sagte Albina, indem sie sich mit thränenvollem Auge an Corneliens Busen schmiegte: diese erwiederte: „ja, ich fühle es, ich bin dir die Beantwortung dieser natürlichen Frage schuldig, so wie auch dir, meiner schwesterlichen Freundin Therese — setzt euch zu mir ihr Theuern! ich will euch Aufschluß geben so gut ich kann, nur ist mir selbst gar manches dunkel: In der Periode, in welcher ich meiner Entbindung entgegen sah, war wie ich schon erzählte durch die Kriegs-Unruhen, unsere Truppe und ich mit ihr genöthiget, einen andern Aufenthalts-Ort zu suchen. Ich kam auf der Reise in einem kleinen Ort in die Wochen. Eine dem Schein nach gutmüthige Person, die Frau des Leinenwebers, bei dem ich mich eingemiethet hatte, zeigte so viel Antheil an mir und meinem Kinde, daß ich nach 8 Tagen — (längere Zeit wurde mir von meinem Direktor nicht zur Erholung gegönnt, sondern ich wurde schleunig einberufen) — ihr den Vorschlag machte: meine Kleine nur so lang zu behalten, bis unsere Gesellschaft wieder einen festen Haltungspunct hätte; ich glaubte sie hier besser versorgt, als sie es bei mir, in meiner unstäten Lebensweise gewesen seyn würde, versprach: sie so bald als möglich holen zu lassen und sie dann reichlich zu belohnen. Auch schon bei meiner Abreise beschenkte ich sie und riß mich mit tiefem Schmerz von meinem geliebten Kinde los. Die damalige Zeit erschwerte und verzögerte eine sichere Unterkunft für uns. Wir entfernten uns immer mehr von jenem Dorf und ich konnte keine Nachricht geben noch hören. Beinah war ein Jahr verfloßen, als es mir endlich gelang einen Kanal auszumitteln, durch welchen ich etwas zu erfahren hofte, was meine sehnsüchtige Sorge befriedigen könnte: allein, was ich erfuhr war nur geeignet, mich ganz niederzubeugen. Jenes Dorf, hieß es, sey ausgeplündert und die Einwohner vertrieben worden. Die Ungewißheit über dein Schicksal meine Albina! die Vorwürfe die ich mir wegen meines Verfahrens machte, war ein neuer Stachel, der sich tief in mein ohnehin wundes Herz senkte und es immer von Neuem unheilbar verletzte. Der Anblick jedes lieblichen Mädchens rief mir das Bild vor die Seele, das sich meine Phantasie von dir ausgemalt hatte. Ueberall sah ich nur dich, forschte genau bei jeder scheinbaren Spur von dir nach, hoffte da und dort etwas von dir zu hören und hatte ich mich wieder getäuscht, dann beweinte ich dich so lange als tod, bis mir wieder ein neuer Hoffnungsschimmer glänzte. Noch ehegestern als ich mich der Stadt näherte, sagte ich zu mir selbst: „sollten diese Mauern dein verlohrnes Kleinod umschließen! und wirklich — ich habe es darinnen gefunden! ich besitze es und bin nun unbeschreiblich reich!“ —

So lebhaft Corneliens Wunsch war, sich nicht mehr von Albinen zu trennen: so billigte sie doch Theresens Ansichten, welche glaubte, daß man, um großes Aufsehen zu verhüten, ein kleines Opfer nicht scheuen sollte. Sie schlug vor: bis das nun gekaufte Landhaus ganz in bewohnbarem Zustand sey, sollte Albina bei Langenheim bleiben, mit Theresen aber die Mutter bei ihren neuen Einrichtungen treulich unterstützen und erst dann ganz bei ihr wohnen. Auf diese Weise wäre die neugierige Welt immer in einer Art Ungewißheit über die Sache, und es bliebe ihr anheimgestellt, was, und wie sie davon denken mögte.

Therese war die beinah ängstliche Scheu vor der öffentlichen Meinung von ihrer ehemaligen Wohlthäterin, der sie ihre ganze Bildung zu verdanken hatte, so sehr eingeprägt worden, daß sie auch in der großen Welt, worinnen sie jetzt lebte, in diesem Punct äusserst streng dachte und besonnen handelte, um durch nichts einen übeln Schein zu verlassen, oder den äussern Anstand zu verletzen. So offen sie sich übrigens benahm, so verschwiegen und geheimnißvoll war sie bei Ereignissen, welche zu falschen Urtheilen Gelegenheit geben konnten. Cornelia ehrte ihre Grundsätze und erfüllte ihren Wunsch. Rasch gieng es nun über die Herstellung und Einrichtung des neuen Wohnsitzes Corneliens her. Ihr erworbenes Vermögen reichte zu, um die nöthigen Meubeln, Garten- und Hausgeräthe, zwar einfach, aber geschmackvoll anzuschaffen und bald schimmerte das Haus in frischem Anstrich von weisgelber Farbe, mit grünen Fensterläden und neu gedeckter Bedachung durch die dunkeln Kastanienbäume die es umgaben und zog Vorübergehende zu näherer Beschauung an. Man gewahrte dann an der einen Nebenseite des Hauses einen Blumen- und Gemüß-Garten, in dessen Mitte ein Delphin seinen Wasserstrahl in ein kleines Bassin sprudelte; ringsherum waren Akkazien-Hecken gepflanzt. An einem Ende des Gartens duftete eine Laube von jelänger jelieber. Ihr gegenüber war ein kleines Treibhaus angebracht. Die Wand des Gebäudes an welche der Garten sich anschloß, war mit hohen, dichtbelaubten Weinreben bedeckt und an den Spalieren prangten reifende Früchte, die andere Seite des Hauses stand frei; ein Fußsteig schlängelte sich an ihr Berg an, durch ein kleines Gehölz zu einem Hügel, der auch mit Wein bepflanzt, in guten Jahren eine ziemlich reiche Erndte versprach. Noch gehörten Wiesen und Aecker zu diesem Gut, welches Alles bei Corneliens Uebernahme vortheilhaft verpachtet wurde; ausgenommen der Garten, den sich Albina zur Bestellung vorbehielt. Hier trat die Kinderzeit mit süßer Magie ganz vor ihre Seele und sie lebte mit ihren ersten Gespielen mit den Blumen wieder in alter Vertraulichkeit, pflegte sie mit großer Sorgfalt und hatte bald in ihrem Glashause Seltenheiten, welche ihr den Besuch vieler Fremden und Einheimischen verschafften, wo sie durch manchen vortheilhaften Verkauf Gewinn erhielt. Vorzügliche Pflege wiedmete sie der Laube, damit das Jelänger Jelieber in Ueppigkeit an ihr empor wuchs und auf ihren Nelkenflor, der bald jeden andern übertraf, so wie auf einige Granatenbäume, welche mit Blüthen, in die Farbe der Wahrheit getaucht alljährlich in Fülle prangten. Auch in ihrem Zimmer durften in der Blumenwase jene 3 Gattungen ihrer Pfleglinge nicht fehlen; denn Albina ließ sich so gerne durch sie an den Augenblick erinnern, in dem sie Langenheims kennen gelernt hatte und der so entscheidend für ihr Leben war. Doch wir wollen nun auch in das Innere des Landhauses, wo unsere Albina ferner leben soll tretten und es näher beschauen.

Es war eine liebliche, geräumige und bequeme Wohnung, wo überall die höchste Reinlichkeit herrschte, wo die gefällig geformten und sauber gehaltenen Meubeln, die fehlende Kostbarkeit ihres Werthes vergessen machten, und wo man überall die Spuren der feinen Bildung und nützlichen Thätigkeit der Bewohner wahrnahm. So war z. B. im Erdgeschoß ein freundliches Zimmer, durch welches man in den Garten gehen konnte. Hier hielten sich Mutter und Tochter größtentheils in der bessern Jahreszeit auf. Es war einfach meublirt und Tisch und Stühle hatten die Farbe der Bäume und Gesträuche, welche durch die Fenster nickend, liebliche Kühle in dem Gemach schufen. Doch die sinnig geordneten Töpfe mit aufgeblühten Blumen, die Albinens Sorgfalt der brennenden Sonnenhitze entzog, verbreiteten in dem Zimmer herrliche Wohlgerüche und gaben dem Ganzen das Ansehen eines Tempels der Göttin Flora. Im obern Stockwerk war ausser den gewöhnlichen Gemächern ein geräumiger Saal. Ein schöner Flügel, eine Guittarre, ein Bücherschrank, hinter dessen Glasfenster man die Namen der besten Werke, alle in ein gleiches Gewand von englischem Leder gehüllt, lesen konnte, und ausgesuchte treffliche Kupferstiche unter Rahm und Glas waren darinnen zu finden. Auch im Gastzimmer war für die Unterhaltung des gern Beherbergten durch ein kleines Repositorium mit einigen interessanten Büchern gesorgt; schwellende Kissen mit glänzendem Weis bezogen, luden zur behaglichen Ruhe ein; ja auch hier, war Reinlichkeit und Anstand zu finden, wie in jedem Theil des Hauses. Den Hofraum umgaben Oeconomie-Gebäude, nemlich die Wohnung des Pächters, seine Stallungen, Scheuren u. s. w. es fehlte nichts was zur Bequemlichkeit und zum Vortheil der Besitzer gehörte.

Cornelia fühlte sich unbeschreiblich glücklich im Besitz dieses Eigenthums und durch die, von ihrer ehemaligen nun so ganz verschiedenen Lebensweise. Ordnung, Einfachheit und Ruhe, und dennoch hohe Genüsse waren mit ihr verbunden; und an der Seite ihrer Albina erhielt alles noch mehr Werth für sie.

Nur Theresen, der Schöpferin ihres Glücks, gestand sie zuweilen, wenn sie feurig ihre Lage prieß: „daß noch ein Wunsch in ihrer Seele lebe, nemlich der: von Rombergs Schicksal etwas zu erfahren;“ und bei solchen Aeußerungen fielen oft auf Theresens Hand, die sie an ihr pochendes Herz drückte, große Thränen.

Albina war auch hier in ihrer neuen Sphäre wieder unermüdet thätig. Sie wußte, daß die Mutter Langenheims Schuldnerin war und so gerne sie sich den edlen Menschen verpflichtet fühlte: so glaubte sie doch höchst undankbar zu handeln, wenn sie nicht das, was in ihrer Macht stand anwenden wollte, um von der Güte der theuern Freunde nicht zu lange Gebrauch zu machen, was in ihren Augen Misbrauch schien.