Die Mutter hatte ihr gleich Anfangs das Haus-Regiment übergeben, da sie durch ihre ehemaligen Verhältniße verhindert sich wenig häusliche Kenntniße erwerben konnte und dieselben sich erst nach und nach zu eigen zu machen im Stillen sich vornahm. Albinens feines Gefühl wußte es aber so zu wenden: als sey es für die Mutter eine Last, die sie ihr freudig abnehmen wolle; sie unternahm nichts ohne Beistimmung Corneliens, verstand es aber immer so vorzutragen, daß Jene gegen ihre klugen Einrichtungen nichts einwenden konnte. Alle zielten dafür ab, zu ersparen, zu gewinnen, ohne zu geitzen, oder es den Dienenden und Hülfsbedürftigen zu entziehen.
Auch schämte sie sich nicht, ihre Fertigkeiten in weiblichen Arbeiten jetzt für sie einträglich zu machen. Sie bemühte sich immer die neuesten Mode-Arbeiten, von deren Erscheinen sie durch Theresen sogleich in Kenntniß gesetzt wurde, schnell nachzufertigen und dies trug ihr viel Geld ein. Cornelia, welche Verstand genug besaß, sich überall bald zurecht zu finden, lernte Albinen ihre Vortheile ab und beide beeiferten sich nun um die Wette, recht viel auf solche Weise zu verdienen.
Therese freute sich, so oft sie ihre Freundinnen besuchte, mit Dank gegen Gott ihres gelungenen schönen Werks und wurde jedesmal von jenen mit der dankbarsten Verehrung und Liebe begrüßt. Durch ihr offenes, kluges und liebevolles Betragen brachte sie es dahin, daß die Scheidewand fiel, welche bisher noch immer trennend zwischen ihrem Gatten und Cornelien stand. Sie näherten sich einander herzlich und ruhig, das gegenseitige volle Vertrauen beugte jedem gefährlichen, leidenschaftlichen Gefühl vor und jedes fand sich befriedigt im ungestörten Besitz einer Neigung, welche Vorzüge und Pflicht einflößten und erlaubten.
Der Ruf von dem freundlichen Landhaus und seinen achtungswerthen Besitzerinnen verbreitete sich sehr bald und sie wurden fleißig heimgesucht. Bald wünschte man Albinens Treibhaus zu sehen, bald ein seltenes Gewächs zu kaufen, bald wurde eine künstliche Arbeit bestellt. Wer nun kam, gieng immer äusserst befriedigt hinweg und erzählte hie und da von der lieblichen Wohnung, von der gebildeten Mutter, von der liebenswürdigen Albina. Auch die Aufmerksamkeit der vorüberfahrenden Fremden (es führte die Poststrasse an dem Garten vorbei) zog das Ganze oft auf sich.
An einem schönen Sommer-Abend saß Cornelia und Albina im Garten-Zimmerchen an einer Stickrahm. Ein Ofenschirm war seiner Vollendung nahe, auf welchem die Kunst einen Korb voll Blumen hingezaubert hatte, von denen jede der Natur abgeborgt schien. „Glaubst du nicht Mütterchen, daß hier noch eine Lücke ist, welche dort jene Moosrose gut ausfüllen würde?“ frug Albina, die Stickerei bald näher, bald von der Ferne betrachtend, und das blonde Köpfchen dabei hin und her wiegend. „Sie kann sich zwischen der Nachtviole und der kleinen Rosette gut ausnehmen,“ erwiederte Cornelia, „doch pflücke keine von dem Blumentopf,“ setzte sie hinzu, als Albina im Begriff war dies zu thun; „im Garten, nahe an der Laube sah ich vorhin eine Blüthe, die noch halb in der Knospe mir malerischer dünkt.“ Albina eilte durch die offene Thüre in den Garten und pflückte die Blume. Im Rückweg, als sie an dem schwarzen Gatterthor vorbei gieng, durch welches man von der Fuhrstraße herein kam, erblickte sie an demselben einen Fremden mit zwei allerliebsten Mädchen von 6 und 8 Jahren, alle in Trauer gekleidet, welche den Garten zu betrachten schienen. Albina öffnete sogleich das Thor und erfreute Jene durch das mit ihrer liebenswürdigen Freundlichkeit geäußerte Anerbieten: einzutretten, welches auch sogleich dankbar benützt wurde. „O wie schön ist es hier!“ riefen die Kinder und klopften in die Hände. Sehr, sehr schön stimmte der Vater bei, und ihm — einem großen Botaniker fiel sogleich das Treibhaus in die Augen. Albina führte sie hin und zeigte einige seltene Gewächse, wobei sie sehr geläufig die Namen, so wie die Eigenschaft jeder derselben zu nennen wußte.
Baron Kronthal (so hieß der Fremde) sah und erfuhr hier selbst Manches, was ihm noch unbekannt war und schien so unendlich erfreut darüber, daß Albina trotz seiner Lobsprüche, womit er sie überhäufte, diesmal doch mehr ihrer Gutmüthigkeit, als ihrer Bescheidenheit Gehör gab und alle ihre Schätze ihm vorstellte. Dann führte sie die Fremden zur Mutter und nachdem man sie begrüßt hatte, zogen die Kinder, die schon ganz vertraulich mit Albinen plauderten, dieselbe jubelnd zu einem zahmen Canarienvögelchen, das bald in den nahstehenden offenen Käfig hinein hüpfte, bald wieder heraus flatterte und sich auf den Blumenkronen wiegte; sie waren unbeschreiblich glücklich als Albina etwas Futter in ihr Händchen streute und der zahme Pipi dasselbe wegpickte. Der Baron unterhielt sich unterdessen sehr befriedigend für ihn mit Cornelien. Die kunstvolle Arbeit wurde auch nach Verdienst bewundert und ein auf der Stickrahm aufgeschlagen liegendes Buch (es war: die Bilder des Lebens von Ehrenberg) in welchem Albina Cornelien kurz vorher vorgelesen hatte, bestärkte Kronthal in seiner, von Mutter und Tochter gefaßten vortheilhaften Meinung, denn während Erstere Albinen den Auftrag ertheilte, eine kleine Erfrischung zu holen, konnte er den Reiz nicht widerstehen in das Buch hinein zu schauen und fand von einer niedlichen Frauenhand niedergeschriebene geist- und gefühlvolle Bemerkungen über mehrere intereßante Stellen in dem erwähnten Buch. Die Mädchen baten schmeichelnd, daß sie Albinen begleiten dürften. In der Zeit machte Kronthal Cornelien mit der Absicht seiner Reise bekannt: Er hatte nemlich das Unglück vor einigen Wochen die Gattin, die treue Mutter seiner Kinder durch den Tod zu verlieren und unfähig auf dem einsam gelegenen Gut, das er bewohnte, letztern die gehörige Erziehung geben zu können: wollte er sich in der Residenz nach einer Anstalt erkundigen, welcher er seine Töchter anvertrauen könnte; allein setzte er hinzu: „Was ich hier sah und hörte wird mein Urtheil, meine Forderungen steigern. Warum; o warum machen Sie Ihr schönes Leben nicht gemeinnütziger? warum sorgt Ihre liebenswürdige Tochter für leblose Pfleglinge, indem Ihre Wohnung eine wohlthätige Pflanzschule für junge Gemüther werden könnte, worin der Natur die hülfreiche Hand geboten und köstliche Früchte gezogen werden würden.“ — Cornelia schien nachdenkend. — Der Baron fuhr fort. „Könnten Sie sich entschließen, einen bekümmerten Vater die große Sorge für seine geliebten Kinder abzunehmen — ich würde mit Freuden jede Ihrer Forderungen befriedigen und mein Dankgefühl würde unauslöschlich seyn.“ Indem trat Albina mit den Kleinen in das Zimmer. Sie hatten ihr Alles abgenommen, um nur von ihrer Hand geführt zu werden und trugen — die Eine ein zierliches Körbchen mit Apricosen und Frühbirnen, die Andere einen Teller mit mürbem Brod. „Aurelia! Sidi!“ rief der Vater ihnen zu, „wie gefällts euch hier?“ „ach so wohl, so wohl“ erwiederten beide, „daß wir immer hier bleiben möchten!“ — „überall ist so freundlich, so lieb, ich fühle mich ganz heimisch hier,“ sagte Sidi. Aurelia die Aeltere klagte: „So wirds nicht in der Anstalt seyn, wo Du uns hinbringen willst guter Vater“ — sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort — „dort werde ich viel und lange weinen, wenn Du von uns weggehst, hier aber glaube ich, könnt’ es mit ein paar Thränchen vorübergehen; mir ist so wohl, so wohl, als wenn noch die Mutter bei mir wäre“ hier lief sie vom Vater weg zu Albinen; barg ihr Gesichtchen an den Busen derselben, und weinte sanft.
„Albina“ — sagte Cornelia — „dieser Freund hier schenkte uns ein Vertrauen, diese holden Kinder eine Liebe, welches beides unsere dankbare Anerkennung fordert: ich denke aber, wir können jene uns ehrenden und beglückenden Aeusserungen in die Zukunft dadurch rechtfertigen, wenn wir mit gewissenhafter Treue die Erziehung und Ausbildung dieser theuern Wesen übernehmen und besorgen.“
Entzückt küßte Kronthal Cornelien die Hand; die Kinder horchten hoch auf und als ihnen Albina freundlich bestättigte, „ja wir bleiben beisammen!“ war ihre Freude ohne Grenzen.
Die Gegenwart der Kleinen änderte wenig in der Lebensweise Corneliens und Albinens, denn der Vater hatte es nicht nur gebilligt sondern ausdrücklich gewünscht: daß, in Rücksicht der physischen Bedürfnisse und Ausbildung seiner Kinder die höchste Einfachheit beobachtet werden möchte.