Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas frisches Quell-Wasser und etwas später Milch getrunken, dann erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in wissenschaftlichen Gegenständen, aber auch bei häuslichen Geschäften durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde wie auch Abends ein Stündchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher mußten die Mädchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der übrige Theil des Abends gehörte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele leitete und überhaupt immerwährend durch Beispiel und Unterhaltung, ohne daß sie es oft selbst wußte, lehrreich für sie wurde, das Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von Roßhaarküssen die durch beständige Thätigkeit ermüdeten Glieder der holdseligen Mädchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie, daß nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen Reichthum von Kenntnißen und zarten edlen Gefühlen erhielt, sondern, daß auch ihr Aeußeres die Spuren der festesten Gesundheit und der Reinheit ihrer Seele trug.

Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: daß mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zuführten und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zöglinge durfte nur bis auf 12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten Grundsätze, zu den Vorzüglichsten gehörte. Die befriedigten Eltern entwarfen selbst für Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse, unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen geändert. Sie suchten vorher beinah ängstlich durch den Erwerb ihrer Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfüllen und ihre Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Gärtchen anbauen und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal ihre Lage. Ein großer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor ihren Blicken geöffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, säen und erndten. Die Sorge für das eigene Fortkommen wurde von der weit edlern Sorge für die geistigen und physischen Bedürfnisse Anderer verdrängt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit der Eltern und Verwandten in klingender Münze erhielten, verband sich der noch weit höhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften Strebens: fromme, durch sich selbst glückliche Menschen zu erziehen, bestand.


So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie fühlte sich verwaißt: denn die süße Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem Beistand des lieben Mädchens vorzunehmen, alle Vergnügungen mit ihr zu genießen, sich an ihren Vorzügen im Stillen zu weiden, dies Alles — hatte aufgehört. — Daher kam es ihr sehr erwünscht, als Langenheim mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr eröffnete: daß Präsident Volkmar, wegen Kränklichkeit um seine Dienstentlassung nachgesucht habe, daß er künftig in der Residenz mit seiner Familie zu leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein Quartier zu beziehen. „Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den 2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schluß hinzu, ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!“ Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle hiezu nöthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verfluß eines Monats erschien nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurückgekehrt und sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die öffentlichen Vergnügungen mehr genoßen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als auch besucht.

Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich während den ersten Tagen in die Verhältniße Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er und seine Familie zeigte eine große Sehnsucht bei Jenen eingeführt zu werden.

An einem schönen Nachmittag überraschte die ganze Gesellschaft die würdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer Lesestunde in dem Saal unter ihren Zöglingen saßen und sich nebst den andern mit Handarbeit beschäftigten, indeß Aurelia, welche die Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina vorlaß. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte hocherröthend zurück: denn eine schöne männliche Gestalt ging auf sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido, Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte flüsterte sie Theresen ins Ohr: „wer ist der junge Mann?“ indem sie auf Theodor zeigte. „Theodor Hainau,“ antwortete Jene und sah erstaunt die Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu seyn schien. Es war keine Zeit zu Erörterungen zu finden und nachdem Garten und Haus mit Allem was dazu gehörte, eingesehen und eine kleine Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch. Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehört hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen größeren Genuß versprach.


Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern höchst zufrieden. Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In seiner Gattin, welche das Bild einer unermüdet thätigen treuen Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen — nicht. Sie besaß mehr einen männlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als gebildet, anmaßend im höchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. — So unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglückte sie der Besitz ihres Guido’s. Mit einem Schatz gesammelter Kenntniße, mit einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich tiefen Gefühls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten — so kehrte er von der Universität in die Arme der Eltern, dabei war er schön wie Apoll und kühnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten Anblick nur für — Albinen. Theodor Hainau wurde überall als Freund Guido’s und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen höchst schwermüthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille, dabei aber nicht ohne Kenntniße und unbeschreiblich sanften weichen Gemüthes. Seine größte Neigung war die Musik; er spielte den Flügel und bließ die Flöte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Töne am Clavier, denen seine Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und emsig waltete.

In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen zurückgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestört. Sie mochte es sich noch so sehr selbst abläugnen wollen, die beiden Jünglinge beschäftigten ihre Phantasie mehr als alle männliche Erscheinungen, welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido’n mußte sie den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefühl geben, das er in ihr erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten durchwandelte, hing sie ähnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne sich um sie zu bekümmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und Blüthenkronen gegen sie führte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei einem Geschäfte, so wieß sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens zurück, was sie stören konnte und gegen die Mutter — ja die Mutter — war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie ihre Leidenschaftlichkeit zurück und sie fühlte es oft mit Schmerz, daß sie sich ihr weniger zu vertrauen vermögte als Theresen. Auch war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, daß Albina Mühe hatte, seinen Einfluß auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja größtentheils war jene ernst, trübe, heftig. Zuweilen aber blitzte ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnsüchtig einem Besuch Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer beider Herzen ihn wieder herstellen würde. Nur wünschte sie, daß sie alleine kommen möchte. Dieß geschah nicht; die Baronin begleitete sie und jene wußte es zu veranstalten, daß Albina der letztern den Weinberg zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mußte. Diese Zeit benützte Therese, um sich von Cornelien Aufschluß über ihre letzthin an sie gerichtete Frage: „wer Theodor sey?“ geben zu lassen. „O meine Freundin!“ rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: „Alles was ich mühsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick wieder mächtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht, welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwärtigte. Vorzüglich in den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend in Theodors Zügen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch — jener heißt Hainau?“ „Ja,“ erwiederte Therese, „so heißt er, und ist ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.