Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fühlte sich Theodor so glücklich, daß er sich um seine übrigen Familien-Verhältnisse nichts bekümmerte und ihm dieselben ganz unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name und meines Gatten erste Frage war: „ob er mit dem Direktor zu E* welcher auch Hainau hieß, verwandt sey?“ jedoch Theodor konnte uns keine Aufklärung darüber geben. Gewiß hat die feurige Einbildungskraft meiner Freundin sie irre geführt und bei öfterem Wiedersehen wenn es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zügel anzulegen, wird jene Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen.“ Cornelia versprach ihre Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam, hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor begleitete Theresen oft in das Landhaus; denn ihm war nur wohl in Albinens Nähe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege, bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schätzen, half ihr dann bei allen ihren Beschäftigungen mit demselben und diese Stunden, wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren für ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrübt zu ihr kam, so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trübsinn verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfüllte ihre schöne Seele. Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflußes auf seine Stimmung gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu benützen.

Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben, auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der Zöglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so schlug letztere die Einladung aus.

Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur sein Körper gegenwärtig, er selbst war in dem freundlichen Garten, im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief ihn ab. Welch ein glücklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein Universitäts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen. In dem Augenblick war Theodors Entschluß gefaßt. Er entschuldigte sich bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgeschoß befindlichen Küche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis saß, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend vorerzählen ließen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, tröstenden Engeln gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine Hülfe zu leisten sich bemühte, Albina selbst mit milder Theilnahme seine Klagen willig anhörte und ihm Speise und Trank, Geld und freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die rührende Scene nicht störend zu unterbrechen. Erst als der Greiß mit heißen Segenswünschen von seiner Wohlthäterin geschieden war, von den Kindern unterstützt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus mühsam hinauf stieg, trat er hervor und begrüßte Albinen, die, jenen nachschauend unter der Thür stehen geblieben war. Sie schien betroffen und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten Frage: „Theodor! was führt Sie alleine zu mir?“ Er blickte ihr bittend ins Auge und antwortete: „der Schmerz, sie bei Regierungsrath W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich trostlos fort?“ Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie ernst: „Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur dadurch wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag, vermindern.“

Die Kinder kamen zurück und tummelten sich im Garten. Albina und Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von ihrem Freund gewünschten Mittheilungen verhüten zu müssen, da es ihr gefährlich dünkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit möglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewöhnliche Gegenstände zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: „Die wohlthätige gütige Albina, welche einem alten Bettler ein williges Gehör für seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrübenden Schicksale finden würde.“ Albina ließ das Strickzeug in den Schoos sinken und in ihrem feuchten Auge laß Theodor die Bewilligung seiner Bitte, dankbar drückte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: „Erklären Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens Ihnen, und nur Ihnen allein Ereigniße anzuvertrauen, welche ausserdem tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie, die sich des Verlaßnen annahm, sogar meinem Guido ist manches in meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja über den wichtigsten Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, daß ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum. Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod — aber — er ist nur tod für mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott weiß es, wo jetzt sein Aufenthalt ist!“ Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. „Das Unglück hat mich von Kind auf verfolgt,“ begann er, „schon mein Eintritt in die Welt hatte die schreckliche Folge, daß er meiner Mutter das Leben kostete; einer Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut, der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm mißhandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen günstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut, das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflöten aus Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido, den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand, führte mich zu seinen Eltern, und diese rührte mein Unglück. Guido’s Bitten bestärkten sie in ihrem großmüthigen Entschluß, mich bei sich zu behalten und ich genoß von diesem Augenblicken an bei ihnen die Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universität. Eine unüberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit: daß ich vor meines Vaters Mißhandlungen entflohen sey, zu bekennen; ich hatte vorgegeben: er wäre gestorben, und ich, nach seinem Tod ganz arm und verlassen, hätte mein Glück in der weiten Welt suchen wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte, Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hören und doch verschloß mir immer eine gewisse Schüchternheit den Mund, wenn ich meine erste Aeußerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fähiger war, einen festen Entschluß männlich auszuführen, schrieb ich an meinen Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurück, worin Jener mit kurzen Worten erklärte: daß jede meiner Bemühungen ihn mit mir zu versöhnen vergeblich seyn würde, indem er seinen Aufenthalt verändern und einen, vor der Welt ganz verborgenen wählen würde. — Dies ist es nun theure Freundin, was unaussprechlich quälend jede Erdenfreude mir vergiftet, was bisher als lastendes Geheimniß mein Leben trübte und mich zu keiner Ruhe kommen läßt“ — bei diesen Worten löste sich Theodors Schmerz in Thränen auf und Albina weinte mit ihm.

„Armer, armer Theodor!“ sagte sie sanft, „wie bedauernswürdig sind Sie! doch, wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon längst Ihren edlen Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten hätten?“ Theodor machte eine verneinende Bewegung. „Mein Vater ist unerbittlich“ versetzte er, „ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, daß ich in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freistätte für meinen verborgenen Kummer finden würde!“

Unfähig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten Mitgefühls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand: „Könnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! könnte ich helfen!“ Theodors lang unterdrückte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus. Er stürzte zu Albinens Füßen und betheuerte ihr: „daß es nur in ihrer Macht stehe, ihm sein Unglück ganz vergessen zu machen, und daß er sie unendlich liebe!“ Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe, die der Glückliche unverkennbar in ihrem Auge laß, als er seinen Blick zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung wegküssen wollte, hörte Albina die Haus-Klingel schellen. „Laß uns der Mutter entgegen gehen!“ sagte sie, „ihr dürfen und wollen wir uns nicht verbergen.“

Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr süßes Verständniß eingeweiht. Allein die schöne Morgenröthe des Glücks an dem Himmel des liebenden Paars verdunkelte bald die trübe Wolke auf der Stirne der Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein übereiltes Versprechen unglücklich zu machen. „Ich will den Pfad Eurer Liebe nicht mit Dornen bestreuen,“ sagte sie, „aber ich kann meiner Ueberzeugung nach, Eure Neigung für jetzt nicht begünstigen, o Ihr müßt Euch noch näher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind für einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit Eures Verhältnißes vorzubeugen, verlange ich von Euch, daß Ihr dasselbe vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist könnt Ihr eher auf meine Einwilligung hoffen.“

Die Liebenden gehorchten, begnügten sich mit den zwar spärlich zugemeßenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Genüße und Albina machte nur Mütterchen Therese zu ihrer Vertrauten.