Guido hatte seine glühende Liebe zu Albinen tief in seine Brust verschloßen; sobald er gewahr wurde, daß Theodor in ihrem Besitz seine höchste Glückseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feßelte ihn dennoch an den Ort, wo sich ihm öfters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zu beobachten. Er schlürfte mit Wohlbehagen das Gift, welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei seinen Eltern zusammen lebte, umfaßte eine Fülle der schmerzlichsten und seeligsten Empfindungen für ihn.
An jenem Abend, als der glückliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in das Heiligthum der Freundschaft, in Guido’s Herz, das Geheimniß seines stillen Glücks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jüngling Herr über seine Gefühle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen zu dürfen, um sich noch mehr Kenntniße und Erfahrungen zu sammeln. Er erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rieß er sich mit männlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.
Die eingeführte Gewohnheit, nach welcher jeder Künstler in Langenheims Haus willkommen war, wurde immerwährend beobachtet und war schon oft für sie die Quelle manches reinen hohen Genußes geworden. An einem Abend führte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch Cornelien gerade damals umfaßte. — Hugo erzählte viel Interessantes von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst, besonders in Landschafts-Gemälden.
Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Größe der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Dörfchen in üppiger Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgeführt hatte.
„Diesem Blatt hier,“ sagte der Maler, indem er auf ein noch umgeschlagenes Gemälde in seiner Mappe hindeutete, „muß ich zuerst die Erzählung eines Ereignißes voranschicken, welches eigentlich der Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf meiner Fußwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel blitzte mit dunkelm Roth durch die Stämme der lichter stehenden Bäume und auf einmal strahlte mir seitwärts ihr goldner Wiederschein aus hochgewölbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute. Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber schlängelte sich ein Fußsteig mit bequemen Stufen herunter bis zu einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern Platz hinleitete, der mit grünen Moos bedeckt und mit einigen Birken verschönert, gar freundlich gegen das düstre Dunkel der übrigen Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bäumen angebrachten Rasenbank saß ein ältlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge und mit den Spuren ehemaliger Schönheit in dem bleichen Gesicht. Er stützte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig gefleckter Jagdhund lag zu seinen Füssen und schien seinen Herrn zu beobachten. Es hatte für mich das Ganze so viel Anziehendes, daß ich in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in die Höhe fuhr, dann den Degen entblößte und eine Bewegung machte sich damit zu töden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter Stimme: „Halt“ Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er ins Gehölz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den nähern Umständen der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr: daß schon seit längerer Zeit das Felsenschloß von dem Unbekannten bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen ließe, wo ich ihn traf. Wöchentlich einmal käme ein stummer Knappe in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen die nothwendigsten Bedürfnisse für seinen Herrn und sich verlange; jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drückte, einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach alter Ritterart aufgeschlizt, Strümpfe von gleicher Farbe, nebst hohen geschnürten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert — so trat er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurück, als er mich, einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin, daß sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und weswegen ich entschloßen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich zu überzeugen, ob jener Unglückliche, den Vorsatz, von dem ich ihn abgehalten hatte, vielleicht doch ausgeführt habe, nun war es aber nicht nöthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.“
Jetzt zeigte Hugo das Gemälde. Cornelia, welche der Erzählung sehr aufmerksam zugehört hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank ohnmächtig auf das Sopha zurück. Alles war in der größten Bestürzung. Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemühungen kam sie bald wieder ins Leben zurück.
Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief: „Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?“ Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das wirksamste Mittel hiezu war der Entschluß Langenheims: nachdem Hugo auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloßes und den Weg dahin genau bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um für Cornelien und Albinen etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er das Felsenschloß, wo ihm der Einlaß schlechterdings versagt wurde. Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand. Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen wüthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige Bewegung selbst so tief damit, daß er zu Boden stürzte. Langenheim eilte in das Schloß, trug mit Hülfe des stummen Knappens den, durch den starken Blutverlust ohnmächtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brüderlicher Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der während der ersten Tage zu schwach für jeden Widerstand, oder auch für die Erwiederung großmüthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam, beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das wohlthätige der herzlichen Bemühungen desselben. Um ihn, schien nach und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen. An einem Abend saß Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das große düstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand, drückte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: „Sie sind ein edler Mann! — tief stehe ich unter Ihnen — lassen Sie mir Zeit zur Erholung — und Sie sollen meine herzliche Reue sehen.“ Langenheim, glücklich den Sieg über ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn zur Ruhe, um durch heftige Gemüthsbewegungen seine Genesung nicht zu erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubniß zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen wurde ein Freundschaftsbündniß geschloßen, das, durch die Einwirkung ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem Erstaunen, daß Hainau der wahre Name seines unglücklichen Freundes und der Direktor zu E* sein Vater sey, daß der nemliche bösartige Kammerdiener, welcher ihn ins Unglück zu stürzen suchte, auch den Sohn durch Verläumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit gebracht habe, daß er ihn förmlich aus dem Haus und aus dem Herzen verbannte. „Unter dem Namen Romberg“ fuhr Hainau fort, „suchte ich Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundsätze, ohne Leitung lebte ich eigentlich zügellos. Ich hatte viele Abentheuer, Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu bezahlen.“