„Als ich eben von einer Anzahl Gläubiger gequält wurde, erhielt ich einen Brief von jenem Bösewicht, in welchem er mir den Tod meines Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater für mich abgebettelt hätte. Nur meine damals bedrängte Lage zwang mich dies schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit Zähnknirschen in den Händen und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft für sie zu fühlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschäfftigte ihre ausgezeichnete Schönheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung, welche sich bald in die zärtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens vermögungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushälterisch und entwarf mit ihr die zweckmäßigsten Plane zu unserm einstigen Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen, ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert war und den sonst so bedürfnißreichen Hainau schuf die Liebe zum genügsamsten und doch glücklichsten Sterblichen um.
Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mußte marschieren und beschwor bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich ihr ein Standquartier würde melden können. Sie versprach es und hielt Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand, gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia. Der Reichthum ihrer Vorzüge lieh unserm häuslichen, wenn gleich stillen Leben so viel Reitz, daß durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch Erweisungen meiner Liebe dies Verhältniß so angenehm als möglich zu machen. Aber ach! dies Glück war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die Ehre in immer wiederholten höhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.
Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft über die Liebe. Ein unglückliches Duell ließ mich die schrecklichsten Folgen befürchten, ich rieß mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los, und ergrif die Flucht.“
Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschütterte Hainau von Neuem so sehr, daß Langenheim ihn bat, seine Erzählung ein andermal fortzusetzen. Dagegen ließ er ihn mit möglichster Schonung von weitem ahnen, daß er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu geben. Ein Strahl von Freude glänzte in Hainau’s Auge; und indem er Jenen versicherte: er fühle sich stark genug alles zu hören; verlangte er dringend weitere Aufschlüße. Der Freund mußte nachgeben und Hainau erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewißheit: durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glücklich zu werden. Dies war zu viel für sein Herz, für seinen geschwächten Körper. Er war unbeschreiblich angegriffen und mußte zu Bette gebracht werden. Als er am andern Morgen, gestärkt durch einen sanften Schlummer erwachte, beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der nun beredt und unermüdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme der Seinigen eilen zu können. Er selbst befolgte pünctlich alle Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefühl so sehr sein ganzes Wesen in Anspruch, daß Langenheim es nicht über sich vermogte ihn an die Ergänzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so sehr ihn die Ungewißheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor Hainau, da er des Freundes Nahme führte, auch eine wichtige Rolle noch spielen würde. In einer der gewöhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm und Hainau über die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung aus: „Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drücken, wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor?“ Langenheim, dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von Hainaus Geschichte zu hören gegen ihn aus und erhielt von diesem folgende Fortsetzung der Erzählung:
Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, stürzte er sich wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte, buhlte er um die Gunst der Göttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem grünen Tisch zu finden, wußte aber seinen Vortheil sehr gut zu benützen, spielte vorsichtig und gewann manche hübsche Summe. Doch die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige Freude, kein Sinnen-Genuß ausfüllen, er fühlte sich verlassen und suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er überzeugt, daß seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frühes und kränkliches Alter herbeiführen würde und sehnte sich: mit dem im Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles häusliches Glück zu erkaufen.
Auf einem glänzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka (im Mädchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal auf der Bühne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in heftige Bewegung und in einer wehmüthigen Stimmung, welcher er nicht Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein liebenswürdiges bescheidenes Mädchen kennen und verfolgte den günstigen Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie gemacht hatte, mit dem gewöhnlichen Ungestüm. Sie war die Nichte eines Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr für seine Griechen und Römer, als für seine nächsten Umgebungen interessierte. Ohne viele Umstände gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermögen gekauft hatte. Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie paßten durchaus nicht für einander. Herminie war bis zur Erniedrigung demüthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau’s und handelte dennoch in immerwährender ängstlicher Besorgniß vor seinem Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte dadurch ihre übrigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth und der Schmerz über ein unfreundliches rauhes Betragen, verkürzte Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb sie bald darauf an einer unheilbaren Schwäche. „Mein Theodor hatte das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter geerbt,“ fuhr Hainau seufzend fort „und ich mochte den weichen, so ganz unmännlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von diesen; sie sollten die Gemüthsart meines Sohnes umändern, und da sie dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden wieder fort. Theodor war der unglückliche Gegenstand meines Unwillens. Er mußte meine trübe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle Weise fühlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatürlichen Vater und ließ mich in einem furchtbaren Zustand zurück. Die Erinnerung an alle Leiden der eigenen unglücklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen der spätern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit, daß ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entließ, bis auf den einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug. Joseph mußte mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen und mein Herz verhärtete sich nach und nach so sehr, daß ich fähig war, einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurück zu schicken.
Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein Freund,“ sagte Hainau, „wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien gelebt habe.“
Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte, sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.
„In diesem Tempel,“ fuhr Hainau fort, „brachte ich täglich die Stunde zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen — Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird mich nie ganz glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als Vater unverantwortlich gehandelt? — auch der Augenblick, wo ich im letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte, auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.“ — so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. „Laß die Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück“ sagte Langenheim „und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster“ setzte er hinzu und führte Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht, besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters schon erwähnte freundliche Dörfchen.