„Vertraue mir!“ sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß. „Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen Theodor ertheilen könnte.“ Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel es vermögte. „Ja er ist es“ rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch Langenheim um den Hals und „du mein süßer Wohlthäter hienieden der du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt mein Sohn?“ „In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner Vaterliebe werth,“ erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: „nun kann ich nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen wir.“ Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.
Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die nun 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren Thränen. „Gutes theures Kind!“ sagte Albina gerührt und drückte sie an die Brust. — „Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt, das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges mir bringen werden ruhig anzunehmen.“ Bald darauf hörten sie in der Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. „Das wird die Mutter seyn!“ sagte Aurelia fröhlich. „Ist sie es,“ erwiederte Albina mit pochendem Herzen leise, „so beauftrage ich dich als die Verständigste, deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine sprechen.“ — Sie eilte hinunter — und aus dem Wagen stieg — Cornelia und Therese — Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe, sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam, fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge, welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben waltete.
Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es höchst wohlthätig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen um sie vollkommen zu würdigen, und unser Benehmen gehörig regeln zu können, — aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit uns am nächsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines Mitgefühls freuen zu können. Albina, als sie sich auf ihrem Lager allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermögend, reiflich über die Ereignisse des Abends und über das, was die Pflicht aufs Neue von ihr fordern würde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war, entstand die Frage: „Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse?“ und das sehnsüchtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm darüber sprechen zu können. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in ihrer Phantasie so wunderbar in einander, daß sie unzufrieden mit ihren verworrenen Ideen, sich bemühte, einzuschlummern um am Morgen sich ihrer gewöhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu können.
Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles, was ihr schöner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen — doch gewährte es ihr hohen Trost, als Therese äusserte: noch einige Tage bei ihnen zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die längere Entfernung vom Hause gestatte. Die erste günstige Minute wo Albina allein die mütterliche Freundin sprechen konnte benützte sie um zu erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet sey? „Er ist nicht hier,“ erwiederte Jene; „Volkmar gab ihm einen Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10–12 Tage wegzubleiben nöthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zärtlichsten Grüße.“
Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmädchen aus der Stadt einen Brief an Theresen mit — „von meinem Albert!“ rief diese und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefaßt, entschloß sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf entgegen: „Dein Vater ist gefunden — doch vielleicht — nur um ihn wieder zu verliehren!“ Sie theilte ihr nun den Brief mit, den Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten geschrieben hatte. Albina war tief bewegt — aber ganz mit Theresen einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie es, ihre Gefühle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben Langenheims diese peinliche Unruhe in glückliche Gewißheit und mit möglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umständen bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum fähig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu langsam zum Ziel ihrer Wünsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs führte. (Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)