Therese wurde durch häusliche Angelegenheiten genöthiget in die Stadt zurückzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt für die, dem Geist und Körper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten Geschäfte ließen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehör zu geben, welche sie oft mit einer süßen Unruhe erfüllten. An dem Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt war, auf den Flügeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang entbehrten Genußes eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich erfreuten, kam Therese auch, doch etwas später in das Landhaus. Sie brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft und zugleich letztere als Theodors Vater ankündigte. Nachdem sie die heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches erzählt hatte was beide aufmerksam und empfänglich für die Nachricht machte, die sie ihnen bringen mußte, nannte sie die Namen: Bruder — Schwester! — Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde blaß und zitterte, endlich lößte ein wohlthätiger Thränenstrom, die Betäubung, in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drückte sie an ihr Herz und sagte: „Laß uns Gott danken, theures Kind! der zu rechter Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken läßt und uns von dem Abgrund hinwegreißt an dem wir ohne Wissen standen. Theodor!“ fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen Sinnen finster brütenden Jüngling wandte: „Theodor! müssen Sie denn die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafür einen versöhnten Vater, eine treue Schwester?“ „Ja, eine treue, treue Schwester will ich dir seyn!“ fiel Albina ein und umfaßte ihn liebend tröstend, „wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt wieder zu finden.“ „Lasst mir Zeit, mich zu sammeln,“ bat Theodor, und wandte sich sanft aus Albinens Armen; „ich muß mit mir alleine seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu stellen.“ Er drückte einen Kuß auf Albinens Stirn, reichte Theresen die Hand und eilte fort. „Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern Gäste treffen“ sagte leztere zu Albinen, „dies wird eine wohlthätige Zerstreuung für meine geliebte Tochter seyn.“ Folgsam, aber schweigend mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.
Cornelia schloß sie in ihre Arme und sagte: „Ist Dir der letzte Vorfall nicht Bürge für die Untrüglichkeit meiner Ahnungen? — Als der Sohn meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nächsten Platz nach dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht zeigt sich unserm Auge! öffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile meine Freude!“ „Theure Mutter!“ erwiederte Albina bewegt, „ist sie denn nicht auch meine Freude? Einen hohen Genuß, den der väterlichen Liebe, bringen mir die nächsten Stunden und ich fühle gewiß seinen Werth. Aber sey nachsichtig beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwärtiges Verhältniß gegen Theodor, das Herz muß sich erst daran gewöhnen lernen.“
Es kam der der große Augenblick des Wiedersehens und das freundliche Landhaus umschloß eine unaussprechlich glückliche Familie! Nur das gealterte kränkliche Ansehen Hainaus goß einen Tropfen Wermuth in den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, störend werden kann. Diese richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft genau bestimmt war, begab sich Theodor — welcher das zur Seelenruhe erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen hatte, an demselben alleine zur geliebten Schwester und Mutter und der glückliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich ganz den süßen Regungen der zärtlichsten Gatten und Vaterliebe hin und fühlte sich oft, durch die Genüsse, die ihm wurden zu dem Glauben geneigt: er sey schon der Erde entrückt.
Auch Cornelia war unendlich glücklich in der Erwiederung einer lange hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemühte sich, ihren Gatten immerwährend davon zu überzeugen.
Der herangereifte Jüngling befriedigte nun ganz die Forderung des Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener gehörte auch mit in den häuslichen Verein und wurde durch die allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn, für dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet hatte, noch mehr zu erhöhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr redselig geworden. Er erzählte viel und gerne von der Vergangenheit. Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zufälligen Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:
Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes schreiendes Kind im vorbeiströmenden Fluß zu werfen. Joseph rief ihr ein donnerndes: „Halt“ zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. „Was willst du thun Barbarin?“ fuhr sie jener an. „Ey was,“ erwiederte die Frau, „das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurückgelassen und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun für mich und meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last.“ Joseph stellte ihr das Gräßliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, daß sie in sich gieng, die Augen mit der Schürze trocknete, das Kind küßte und sagte: „Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Früh vor ein Gartenhaus in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die können sich ihrer annehmen.“ Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den ganzen Abend über auf seinen Armen herum und liebkoßte sie. „Sie hat es gewußt, daß ich ihr Lebensretter war,“ sezte er treuherzig hinzu, „denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein wunderschönes Kind. In der Nacht mußte ich weiter marschiren und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. —“ Theodor und Albina waren es, die er vorzüglich mit seinen Geschichten und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte Leztere: „Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod — steht vor dir — ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten suchen.“ Sie erzählte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser sich vor Freude daß er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen das Leben erhalten zu haben. Als den übrigen Gliedern der Familie diese Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit für seine schöne Handlung, welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzüglich hatte er sich dadurch Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren Wohlthäter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.
Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach welchem, der letzten Ereigniße wegen, ein würdiges Familienfest gefeiert werden sollte. Es war ihrer schönen Seele Bedürfniß, sich öffentlich darüber aussprechen zu dürfen; und Theodor wurde von ihr zur freundlichen Mitwirkung aufgefordert.
Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thätigkeit, so wie auch bei den Zöglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen beisammen, flüsterten und lachten versteckt. „Mütterchen, forsche nicht nach!“ schmeichelte Albina, als Jene sie darüber fragte: „nur heute noch, und du wirst Aufschluß erhalten.“ Am folgenden Abend erschienen, von Albinen eingeladen und überraschend für die Eltern, als liebe Gäste, Langenheims und Volkmar.