Hiemit sezte ihm das fröhliche Mädchen den Kranz auf. Jung und Alt, Groß und Klein drängte sich zu ihn und drückte des Wackern Hand. Hainau fand keinen Anstand, den bewährten Diener an seine Brust zu nehmen, der die Hand des gütigen Herrn mit Küssen bedeckte und lange vor strömenden Thränen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten Ausdrücken ein gutgemeinter Wunsch hervor. — Man gieng dann zur näheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schöpferischer Liebe.

Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien, dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange — so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurückzukehren, wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte. Albinens Hausmütterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit ihrer Schülerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten Abendeßen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden noch mehr erhöhte und — erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die Stadtbewohner mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.


So sehr Hainau wünschte mit dem lang entbehrten Sohn häufiger beisammen seyn zu können: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen Haus und brachte nur die Sonntäge, an andern Tagen zuweilen ein paar Abendstunden im Kreiß seiner Familie zu.

Wie schon erwähnt wurde — war er ein leidenschaftlicher Freund der Musik und besaß auch von und in derselben ausserordentliche Kenntniße und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, daß er nicht nur jedem Conzert; jedem musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch täglich, wenn die schöne militärische Musik des in D* garnisonirenden Regiments bei seinem Büreau vorüberzog, um die Wache zur Ablößung zu begleiten — von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu hören: sondern daß sogar jeder an den Messen herumziehende Strassensänger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mädchen von 14–15 Jahren sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war für ihr Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel Weiches, daß Theodors Augen sich unwillkührlich mit Thränen füllten. Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, daß sie unter Wegs zufällig zusammengekommen wären und Antonie, so hieß das Mädchen, aus dem westlichen Theil Italiens gebürtig, ohne Verwandte in der weiten Welt durch ihre Stimme den ärmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge und ihre hülflose Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich und ließ sich ihre Herberge sagen.

Den größten Theil der Nacht beschäftigte ihn der Gedanke: wie unglücklich dies Mädchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und ob es nicht möglich wäre, sie denselben zu entziehen. Er beschloß, sie näher kennen zu lernen und — wäre sie es würdig! sich ihrer anzunehmen: Theils führte ihn das Gefühl der Schiklicheit, theils das Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen und ließ Antonien zu sich rufen. Diese war der Französischen Sprache kundig, welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten möglich nach einer langen Unterredung das Mädchen auf verschiedene Weise als Menschenkennerin zu prüfen; doch ach, die freundliche Behandlung Theresens, die schöne Wohnung die sichtbaren Spuren der Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche hier den Abstand zwischen ihrer ärmlichen Lage und der, der glücklichen Stadtbewohner sehr schmerzlich fühlte, eine Sehnsucht und Wehmuth, die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thränen äusserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrübte Seele und versprach ihr auch, sie während ihres Auffenthalts öfter zu sich kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen überein: Antonien in die Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.

Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die mitleidige Albina für seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.