„Bist du denn sicher mein Sohn,“ sagte diese ernst, „daß der Schritt, zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen für unser häusliches Glück haben wird?“
„Beste Mutter!“ erwiederte dieser, „ist denn die mögliche Rettung eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben, welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer anzunehmen! —“ Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte, ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn, wenn sie die frohe Kunde hören würde. „Antonie!“ sprach sie Theodor freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. „Antonie! könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!“ — Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an: „Kannst du dich entschließen,“ fuhr Jener fort, „hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. —“ Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und — ein freudiges „Ach!“ war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab. „Fasse dich doch mein Kind!“ sagte Therese — und — „prüfe dich,“ fiel Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen, zu zweifeln, „prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen Vorschlag anzunehmen.“
„Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,“ sagte das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. „Die arme verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine Schwester, einen Bruder! — o es ist zu viel es ist zu viel!“ Sie ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre neuen lieblichen Umgebungen.
Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck glücklich.
Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.
Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal, wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte warum? — die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen, denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln, und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten, nie während der Unterrichtsstunde entfernen: „denn,“ sagte sie zu dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: „ich kann dir nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich mich so sehr auf jede Lehrstunde.“ Albina lächelte, ihr war der Grund jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.
Noch war kein Jahr nach der glücklichen Wiedervereinigung verfloßen: als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe, die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen. Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! — Albina küßte die kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu trösten und aufzuheitern. — Auch dem Todten weihte sie ihre fromme kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde, womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt, indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten. Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief, indem er beide Arme ausbreitete: „Treue Seele!“ — Sie sank an das Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina, den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.
Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte. Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien, gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich, wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte, daß sie die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das, ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: „mein Theodor! in dem mir ewig theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich: ob ich dir vertrauen könne? — Laß mich nun dieselbe Frage an dich richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen, nie den Glauben an mich verlieren?“ Theodor sah sie befremdend an. „Nie!“ erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte. „Jedoch ich glaube, daß Antonie immer so handeln wird, daß ich sie begreiffen kann.“ „Das wirst du können,“ versezte sie, „wenn du stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem Einverständnis unsrer Seelen!“ fuhr sie fort, schlang ihren Arm um Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, „Sollten uns auch die Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch keinen Zweifel entweihten Angedenkens“ —“
„Wer will, wer kann uns trennen?“ rief Theodor, sprang wild in die Höhe und wollte — Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück und betheuerte: all’ das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie. Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: „um ein Zeichen der Erinnerung an diese schöne Stunde“ Sie zog bei diesen Worten ein Scher’chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr lächelnd zu. „Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar“ sprach er und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte, um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach sie bewegt: „o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.“ Ein langer Kuß dankte Antonien für die Aeußerung der treusten zärtlichsten Liebe und diese fühlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nächsten Stunden.