Blaß erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch, die Augen brannten und es überfiel sie ein so heftiges Zittern, daß Theodor in der größten Herzensangst nach Hülfe eilen wollte. Antonie verhinderte es „laß gut seyn!“ sagte sie leise, „es wird bald wieder vorübergehen.“

Albina kam, um den Liebenden so schonend als möglich die Unzufriedenheit der Mutter über ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen. Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte fürchterlich, Antonie weinte; endlich flehte sie: „um meinetwillen Theodor sey gelassen! vergieb der Mutter und — laß uns scheiden!“ sezte sie mit besonderm Nachdruck hinzu; „Scheiden!“ rief Theodor und drückte sie stürmisch an die Brust; „wer kann uns scheiden, wer? —“ „für jezt meint Antonie,“ sagte Albina beschwichtigend, „lieber Bruder! — erfülle Antoniens Bitte, durch ihre Nichtgewährung bereitest du deiner Geliebten eine neue Unannehmlichkeit; verlaß uns für heute, ein baldiges Wiedersehen soll dich schadlos halten.“

„Ja, das Wiedersehen!“ flüsterte Antonie; und nach einer Umarmung, in welcher es schien, als vermögte sich keines von dem Andern loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ängstlich wiederholter Bitte und — gieng.

Antonie lag ohnmächtig in Albinens Armen. Diese suchte im Arbeitskörbchen der Lezten nach dem stärkenden Mittel welches jene immer bei sich trug um sich vor ähnlichen Unfällen, denen sie öfters ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen unterstützt sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe höchst bedürftig war. Finster hörte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die leidende Freundin traf. Indeß ließ sich nicht das Geschäft der Pflege Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.

Nur einmal preßte sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig: „Dank, heissen Dank für Alles!“ —

Sie schlief noch mit 4 Töchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, daß die Kinder während der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen. „Was soll ich thun?“ sprach sie nun halb laut für sich — „ich fühle mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend überstanden, soll ich es noch einmal durchkämpfen? — nein o nein! fort, sogleich fort!“ Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett, kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien heiß zu beten. Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wäsche, eine Chatoulle worin ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hüllte sich in Mantel und Schleier und — wollte zur Thüre hinaus. „Antonie was beginnst du!“ rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als Erstere ihr Selbstgespräch hielt, hatte sie bisher beobachtet und mußte nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsäule erstarrte Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: „wenn dir meine Seeligkeit lieb ist, so laß mich fort und schweige.“ „Ach warum willst du uns denn verlassen?“ jammerte diese. „O meine Aurelia,“ erwiederte Antonie bewegt und umfaßte innig die Weinende, „du warst mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken unsers Beisammenseyns nähere. Ich muß euch verlassen; unser aller Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich. Dir geliebtes Mädchen übergebe ich die Sorge für meinen Theodor, für meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das wird sie über meinen Verlust trösten; sage ihnen, daß, wenn ich hier geblieben wäre, ich endlich gewaltsamen Tod gewählt haben, nun aber entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden würde, sage ihnen aber auch, daß meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.“ Aurelia verhüllte ins Küssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. „Laß mich, laß mich,“ sagte diese „und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel Stärke nöthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!“ sie küßte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des Schmerzens und eilte fort.

Aurelia war betäubt; — sie wußte nicht, was sie thun sollte. Als sie noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer. Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens höchst gespanntes Wesen, machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und nun schien es ihr als höre sie eine Bewegung im Hauß; endlich sogar an der Thür. Ihr erster Gedanke war — Antonie; und — siehe da — sie fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getäuscht — sie war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thränen unterbrochen mittheilte, war nur vermögend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und vermuthete mit Recht, daß sie ihre Flucht sehr überlegt unternommen haben würde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte die Pächtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne sie gefunden zu haben, zurück. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemüther gerathen, die durch ihre Heftigkeit etwas herbeiführen, was dann ausser ihrer Macht steht zu ändern, so lebhaft sie es auch wünschen. Sie peinigte sich Tag und Nacht mit Vorwürfen, die gerecht waren, jedoch ihre Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte die schwere Aufgabe, den schlimmen Einfluß der lezten Ereignisse auf ihre anvertrauen Zöglinge zu verhindern, die Mutter von dem Erziehungsgeschäft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen und den trostlosen Bruder vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren! — Welche Seelengröße, welche Selbstverläugnung war hiezu erforderlich! — oft sank sie auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mütterchen, bete zu Gott für dein Kind um Stärke! Sie suchte dieselbe häufig selbst im eigenen andächtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last, versüßte manchen trüben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglückliche fiel ganz in seine alte Schwermuth zurück, hielt sich entfernt von allen gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme, ihr inniges Mitgefühl löste seinen stummen düstern Gram in Klagen und Thränen auf, welche das gepreßte Herz erleichterten. Cornelia vermied er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwürfe zu machen und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden, freundlich zu benehmen.

Langenheim hatte einen würdigen vielvermögenden Gönner, der einen Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, daß deßen Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser Empfehlung aus und öftere Reisen, zerstreuendere Geschäfte wirkten vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch überhob ihn diese Anstellung der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwärtig zu seyn, das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaßung zu Festen und Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paßten, ihn auch öfters mit Cornelien zusammen geführt hätten.