Jene Begebenheit war die Vermählung Eugeniens mit einem berühmten auswärtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack an einander. Der sich rechtlich äussernde Charakter des Mannes, so wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe Schule, wo er als Profeßor angestellt war. —
Nachdem die geräuschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorüber waren, trat desto größere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz Kinderlos und fühlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und Liebe des würdigen Paars in einem sehr hohen Grad besaß, sie besuchte. Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wünsche zu erfüllen und dieselbe durch Thätigkeit und treue Anhänglichkeit Albinen zu ersetzen strebte, hatte für ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Führung des ganzen Hauswesens überlassen und daher war es ihr auch möglich dem Verlangen Volkmars von Zeit zu Zeit ein Genüge zu leisten. Sie erfüllte freudig diese süße Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.
Ach seit sie wußte, daß es die nah verwandschaftlichen Bande waren, welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besaß Guido die ganze stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefühle für ihn, welche gleich anfangs seine Vorzüge in ihr erregt hatten und die nur durch die Neigung zu Theodor verdrängt worden waren. Sie traten nun wieder mit süßer Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine Phantasie. Daher war ihr Alles, was näher oder entfernt auf ihn Bezug hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie der verschwiegenen Nacht so manches leise „Ach“! so manche geheime Thräne: denn Guido hatte seine Reise verlängert und endlich blieben die Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrübnis versetzte.
Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte traf sie die Eltern in großer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend mit, auf dem Rücken übereinander geschlagenen Händen im Zimmer auf und ab. Die Mutter saß auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bögen in der einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die Augen trocknete. „Ach, unsre Albina!“ rief sie, als diese ins Zimmer trat. „Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido — (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in den nächsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief,“ fuhr sie fort, „ach! wie unglücklich war der Arme und — ist es noch!“ Albina nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, daß sie kaum die Blätter zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thränen ihren Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemühte.
Guido’s Brief lautete also:
Endlich haben sich die Umstände auf solche Weise gestaltet, daß ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nähern, die Sie einem unglücklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich höre im Geist den sanften Vorwurf: „warum theiltest du uns nicht früher deine Schicksale mit?“ Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern! und es war mir unmöglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden so sehr zu betrüben. Ich war zu unglücklich! doch jezt ist es vorüber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu träumen. Ja in ihrer Nähe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher bitte ich, vergönnen Sie mir die Rückkehr ins Vater-Haus. Mich dünkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zärtliche Mutter die Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme den Gruß der Liebe und danke Gott für diese tröstende Aussicht in die Zukunft.
Indeßen, da ich unter ganz veränderten Umständen bei ihnen eintreten werde und die mündliche Erzählung meiner Erfahrungen höchst angreiffend für Sie und mich seyn würde: so erlaube ich mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der Ueberzeugung, daß es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich später erwähnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hände kommen konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder anknüpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes, von wo ich über Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England einzuschiffen. Wir hatten günstigen Wind und landeten, nach einer 8 stündigen Fahrt glücklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen Boden betrat. Es war mir unmöglich über sie Herr zu werden und schon überlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren und durch Holland in mein Vaterland zurück reisen sollte. Jedoch der Wunsch, das berühmte London und die rege Betriebsamkeit der Engländer, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug leider den Sieg über jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte meine Reise weiter fort.
Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthätige der in England treflichen Einrichtungen und Anstalten für Reisende. Wege, Posten und Gasthäuser befriedigen jede, auch noch so strenge Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften, mit ihrem unbeschreiblichen schönen Grün, herrliche Getraidfelder, dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstädten so wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich vielen Rauchstätten, die Luft schwer und trüb. Wir näherten uns der Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem südlichen Ufer, besah die Stadt Wolwich, wo man die, zur englischen Seemacht nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und erreichte bald das berühmte und wohlthätige Institut für invalide Soldaten zu Greenwich. Ich verweilte mit vielem Intresse darinnen: denn nirgends sah ich eine ähnliche zweckmäsige und für die Bedürfniße sowohl als für die Zufriedenheit der abgelebten Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Kräfte und seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er weiß, daß am Ende seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergnügen winkt. In Greenwich für die Seeleute, so wie in Chelsea (wohin mich später mein Weg führte) für die Landsoldaten, wird auf das treflichste für die ausgedienten Krieger gesorgt.
In Greenwich bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit Fahrzeugen aller Art bedeckten mächtigen Themse Strom London zu und befand mich als ich das Bot verließ, in dem arbeitsamsten Theil der Stadt, in der City. Von dem in derselben herrschenden Geräusch läßt sich keine Beschreibung liefern. Hier ist der Handwerker, und Händler in ununterbrochenem Fleiß beschäftigt, sein ärmliches Leben fortzufristen, indem Theurung aller Bedürfniße und große Abgaben seine Existenz erschweren.
In den breitern Straßen der City trift man in einer Menge Läden, die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleißes und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drängen der Fußgänger auf den, an den Häusern hinlaufenden Trotoirs höchst unterhaltend. Das Leztere würde noch ärger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten Veranlaßung geben, wäre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen läßt man die Seite nach den Häusern zu.