Unbekannt mit dieser Gewohnheit, führte ein von mir begangener Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches — unbedeutend scheinend — von äusserst wichtigen Folgen für mich war.

Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet. Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, daß ich ein niedliches Arbeits-Körbchen welches sie nachläßig hielt ihr aus der Hand stieß. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem reich geschmückten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame meinen Arm, führte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz, ihres durch meine Schuld etwas beschädigten Eigenthums heraus. Ihr Benehmen bei dem ganzen Vorgang war äusserst anständig und der schwarze Anzug erhöhte ihre blendende Schönheit. Ein Bedienter kam und meldete ihr, daß am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Läden näher betrachten zu können. Ich führte sie hin, erbat mir ihren Namen, ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu dürfen.

So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen Gasthöfe überzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus zu logiren, welches mir durch meine guten Adreßen, die ich bei mir hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines großen Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingeführten häuslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Im Hause herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. In meinem Zimmer waren die Wände mit Kupferstichen, die Fenster mit schönen Vorhängen geziert. Ein mit Marmor künstlich eingelegter Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der stählerne Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in einer großen Bettstelle, welche in England üblich sind, mit grün seidenen Gardinen umhängt, fand ich zu Nachts auf den schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Küssen sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die Schläfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die meisten Vergnügungen bis zu seiner Annäherung dauern) versammelt man sich anständig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem zum Frühstück bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee, Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen angenehmen Sinnengenuß.

Jedoch mir wurde dabei das höhere Vergnügen einer interessanten Unterhaltung mit dem jüngern Bruder meines Hauswirths zu Theil, welcher sich mit einer, sonst den Engländern nicht eigenen Gewohnheit, bald mit vieler Wärme an mich anschloß. Ich erhielt an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er Sorge, mich mit allen Merkwürdigkeiten Londons bekannt zu machen. Mit ihm besuchte ich die großen und geringern Theaters, Conzerte, Gemählde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower u. s. w. welches Alles uns zu mündlichen Unterhaltungen Stoff geben wird.

William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ächten Kunstsinn und warmes tiefes Gefühl aus womit er Brittische Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem Seinigen zu ähneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch äusserte: „Auch die prächtigen Landsitze der Reichen nach einander durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bäder besuchen zu können“ war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmännischen Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in die berühmten Bade-Orte, von denen man erst im Frühling wieder zurückkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon bestimmt, als mich eine bedeutende Unpäßlichkeit überfiel.

In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und diese sind all’ zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer Guinée bezahlt. Jedoch mein Hauswirth hätte es für schimpflich gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er ließ einen der berühmtesten Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und Geschicklichkeit.

William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein, doch schrieb mir die Krankheit eine einförmigere Lebensweise vor und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrängten Phantasieen wieder nachzuhängen. Ach wie oft verweilten da meine Gedanken und Wünsche in der Heimath! — In einer stillen Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser neuer und merkwürdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney erwähnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzählung des Arztes so sehr betrübt, daß ihr Körper darunter litte! Doctor Richard wußte recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rühmen so, daß ich in seinen Wunsch: „die trefliche Lady möge doch bald wieder gesund werden!“ im Stillen einstimmte. Bei seinem nächsten Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und eröffnete mir mit geheimnisvoller Miene, daß er Lady Sidney von mir erzählt, daß sie durch seine Schilderung den Fremden in mir erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeßert hätte, daß sie vielen Antheil an meiner Krankheit nähme und herzlich meine Beßerung wünsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzüge. Ich war nicht recht einig mit mir, ob ich über Richards Aeußerungen mich freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das weibliche Zartgefühl, daß Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft wie es schien, gegen einen Dritten erwähnte und doch war mir ihre Theilnahme nicht gleichgültig. Dies verbarg ich aber dem Doctor und nach einer flüchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das Gespräch auf andere Gegenstände. Indeßen konnte ich dadurch nicht verhindern, daß Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte, und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, daß sie wieder hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und daß sie von da aus bald eine Badereise antretten würde.

Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz für mich hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit den Landhäusern der Großen des Reichs sondern auch mit allen, denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten bekannt zu machen.