Noch in der schönsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und mein Brief würde die Stärke eines Buchs erhalten, wollte ich alle Kunstschätze, alle Naturschönheiten, so wie die Industrie der Engländer, in den von mir bereisten Gegenden ausführlich schildern. Ich begnüge mich, das Merkwürdigste herauszuheben. Z. B. Oxford die bekannte Universität, wo so viele große Geister Englands gebildet wurden; ferner das Städtchen Woodstock, berühmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen: Nahe daran liegt das prächtige Schloß Blenheim, womit Königin Anna dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen war, seine erkämpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu gehörigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth ihre Jugend in beinah gefänglicher Eingezogenheit verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fähig wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rückblick auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprüche auf den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen ihre unglückliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut, indeßen die unglückliche Maria Stuart noch immer ihre Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.

In jenem erwähnten Landhaus lebte auch einst die schöne Rosamunda, welche im Geheim mit Heinrich II getraut war. Hier schwanden ihr, innig von dem König geliebt in glücklicher Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmäßiger Gemahlin Elinor entdeckt wurde, und durch Gift getödet, ihren vorher ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mußte.

Wir reißten weiter nach Birmingham, einer berühmten Fabrickstadt. Sie erhällt durch die jezt überall gebräuchlichen Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren Werken. Man findet vorzüglich auch trefliche Stahlfabricken darinnen. In Burton, einem freundlichen Städtchen, kostete ich das daselbst gebräute Ale, wovon nach ganz Europa, ja selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und Porzelanfabricken zogen uns nach Derby, einer ziemlich großen, doch nicht schönen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon liegt der erste bedeutende Bade-Ort Matlock an der Dervent den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die Schönheit der Lage des Orts, als die Heilkräfte der Quelle tragen wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Körpers und zur Heiterkeit der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergnügen in diesem lieblichen Thal, durchstreiften seine nächsten Umgebungen, und besahen manche, nachgelegene schöne Landhäuser, so wie auch eine große Baumwollenfabrick. Unser Weg führte uns von hier aus zu einem von aussen prächtigen und durch sein Alter ehrwürdigen Gebäude: zu dem Schloße Chatsworth.

Die unglückliche Maria Stuart wurde von ihrer grausamen Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach sechzehn traurig verlebten Jahren nach Fotheringhay im Nordhumberland gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In jenem Schloß findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und meublirt, wie Maria es bewohnte.

Die nächste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war Manchester, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen Fabricken eingeräuchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hübschen äussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. Leverpool die größte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schönes Theater, ein Conzertsaal, ein großer Gasthof und viele mildthätigen Anstalten entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das prächtigste Werk aber sind ihre Docks oder künstliche mitten in der Stadt (ähnlich denen, welche bei London errichtet wurden.) wo für die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und für die Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmäsigste gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche Institut für Blinde erregte indeßen mehr als alles andere meine Theilnahme, da es ein Beweis höchster Menschenfreundlichkeit ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w. welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe, daß diesen Bedauernswürdigen, durch jene wohlthätige Einrichtung in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so schmerzlich, wie andere ihrer Unglücksgenoßen das Licht vermissen, das ihren Pfad erhellen sollte.

Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schlößer und prächtige Landhäuser durchstreiften wir auf dem Rückweg nach Derby durch Warwick, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen Städtchen, mit dem alten Schloß Warwickcastle und seinem herrlichen Park; von wo aus wir nach Stratford giengen. Dieser kleine, an sich arme Ort hat das große Intereße für die Verehrer Schackspeare’s, daß es sein Geburts-Ort ist und daß dieser, auch am Ende seiner rühmlichen Laufbahn wieder dahin kehrte und sie daselbst beschloß.

Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Hütte, wo Schakespeares Vater, ein armer Wollkrämer einst wohnte und wo der große Mann, bis in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmünster Abtey, wo die Könige begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf ihn ist, ein Denkmal errichtet.

Rasch gieng es nun auf Bristol und auf das nah gelegene bedeutende Bad zu; nur flüchtig passirten wir unterwegs einen kleinen freundlichen Bade-Ort Cheltenham und betrachteten auch Glocester nur als ein Nachtquatier. Von Glocester nach Bristol sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und reicher an Erzeugnißen wärmerer Zonen; viele große Pflanzungen köstlicher Obstbäume findet man hier und der schöne Strom Avon belebt, mit seinen auf silberner Fläche hinschwebenden kleinen Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nähe des Meers, der schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier, um Fleiß und Mühe in Fülle zu belohnen. Die Stadt ist groß, mit breiten Straßen, schönen Privat- und öffentlichen Gebäuden versehen und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hügeln. Von einigen derselben genießt man eine köstliche Aussicht. Der Hafen ist prächtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: daß er der Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe zum Sclavenhandel ausgerüstet wurden, wodurch Bristols Einwohner sich bereicherten. Es war mir unmöglich hier lange zu verweilen. Wir stiegen den steilen Berg hinab nach Hotwels, wo die Heilquelle fließt und viele schöne Wohnungen für Bade-Gäste erbaut sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey Dank! dieses Uebel nicht drohte so verließen wir Hotwels, nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und jede Naturschönheit genoßen hatten und fuhren zu dem berühmtesten Badeort Englands nach Bath. Der Weg dahin gleicht einem reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einfluß der winterlichen Jahrs-Zeit, welche sich näherte. Bis zu ihrem gänzlichen Eintritt, da mit ihr erst das eigentliche Leben in Bath beginnt, besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und machten uns dann mit allen Merkwürdigkeiten des Orts selbst bekannt.

Es liegt in einem schönen Thal, umgeben von beträchtlichen Anhöhen, welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergönnen scheinen. Dieser erhöht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte Verbindung der Stadt mit dem Seehafen Bristol. Bath gewährt einen ganz eigenen Anblick. Völlig vom Thal Besitz nehmend, erhebt es sich auf den nächsten Anhöhen. Die Häuser sind alle von Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden geräumige Plätze und Straßen, in denen große Reinlichkeit herrscht, und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschön erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen unmöglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein paar Stunden können sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen. Das Wasser ist sehr heiß und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum und es wurde uns davon manches Mährchenhaftes erzählt. In jedem Bade-Ort ist ein Ceremonien-Meister, der über die Ordnung und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfältig wachen muß. In Bath findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den Assembleesälen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.