Meines Freundes Wunsch zu erfüllen, da er sich zu meinem großen Leidwesen nicht wohl fühlte, beschloß ich, mich mit ihm in Bath auf einige Monate häuslich niederzulassen. Wir bezogen ein nettes Quartier, speißten im Gasthof, sandten unsere Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegästen und abonirten uns in den Gesellschaftssälen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u. s. w. um überall Eintritt zu haben.
Der Bals parés, so wie der kleineren Bälle, giebt es vier in der Woche. Anfangs vermied ich sie gänzlich, da ich nicht den Tanz liebe, auch William durch vermehrte Kränklichkeit unfähig war, dieselben zu besuchen und ich ihn ungerne verließ. Allein einmal nöthigte mich mein Freund hinzugehen und der Ceremonienmeister gerieth auf den unglücklichen Einfall, mich für den Abend einer Dame als Tänzer zuzuführen, in welcher ich zu meinem Erstaunen Lady Sidney fand. Auch sie erkannte mich und es gelang ihr kaum ihre Freude über dies Zusammentreffen genugsam zu verbergen. Durch Mr. Edwin von meinen Pflichten unterrichtet, beobachtete ich sie auch treulich und sorgte für der mir anvertrauten Dame Bequemlichkeit und Unterhaltung. Das lezte wurde mir nicht schwer. Sie wich von der Sitte der Brittinnen ab, welche in der Regel sehr wenig sprechen und theilte mir von ihren Verhältnißen und gemachten Erfahrungen in ein paar Stunden so viel mit, daß ich meiner Meinung nach ganz bekannt mit ihrer Lage, ihr meine Theilnahme nicht versagen konnte. Sie war die Tochter eines sehr reichen Lords, wurde in einer Erziehungs-Anstalt gebildet (deren England viele hat, da es Sitte ist, die Kinder sogleich von der Kinderstube in die Fremde hinauszustoßen!) und verließ dieselbe in ihrem 15. Jahr, um zu Hause an dem Sarge der Mutter, den frühen Verlust derselben zu beweinen. Eine Haushälterin führte nun das Regiment und herrschte, aber auch grausam über Lady Anna: so, daß diese viel Unangenehmes zu erdulten hatte. Vom Vater wurde sie wohl sehr geliebt, doch da jene Person ihm brauchbar, ja unentbehrlich dünkte: so bewirkten alle Klagen Anna’s nicht ihre Entfernung. Vor 6 Monaten, 5 Jahre nach der Mutter Hinsterben, entriß ein schneller Tod ihr auch den Vater. Ohne alle Verwandte stand sie nun ganz allein. Durch eine öffentliche Bekanntmachung, welche ihren Wunsch: einen Geschäftsführer zu erhalten, aussprach, veranlaßt, meldete sich ein junger Rechtsgelehrter, welcher eine Zeitlang seine übernommene Verbindlichkeiten genügend erfüllte. Allein bald suchte M. Wortley seine Rechte auszudehnen und quälte die Lady mit Heiraths-Anträgen. Da sie diese unerbittlich abwieß legte er seine Stelle trozig nieder und nun war sie so verlassen als vorher.
Durch die im kurzen wechselnden heftigen Gemüthsbewegungen erkrankte Mylady. Ihr Arzt war bekanntlich der Meinige und sie nannte ihn ihren treuen Freund. Er mußte ihr mehr von mir mitgetheilt haben, als er der Wahrheit gemäß hätte thun sollen; denn Lady Anna dankte mir sehr verbindlich für einen freundschaftlichen Antheil an ihrem Schicksal, dessen sie D. Richard versichert und den ich durchaus nicht gegen ihn geäussert hatte. Durch seine Fürsorge erhielt sie mittlerweile wieder einen Geschäftsführer: allein da sie nach des Arztes Vorschrift bald nachher ins Bad reisen mußte, so war sie nicht im Stande jenen genug kennen zu lernen und sie zeigte eine ängstliche Besorgnis, wegen ihrer Entfernung vom Haus und sprach von einer baldigen Rückkehr. Ueberdies hatte sie auch nach des Vaters Tod die fatale Haushälterin sogleich abgedankt und das ganze Dienstpersonale neu angestellt. Daher war nach ihrem Dafürhalten, zu Hause ihre Anwesenheit unentbehrlich.
In dem Allen was Lady Sidney mir erzählte, fand ich nichts Unglaubwürdiges und bedauerte sie aufrichtig, denn sie verstand es vollkommen durch die Art ihres Vortrags Theilnahme einzuflößen. Von jenem Abend an wiedmete ich ihr alle Zeit, welche nicht die Pflicht für meinen kranken Freund in Anspruch nahm. Dies schien sie sehr zu freuen und sie zeichnete mich mit einem sichtbaren Vertrauen vor allen Bade-Gästen aus. Es dauerte aber leider! nicht lange genug, um die Schlaue ganz kennen zu lernen: denn der Gesundheitszustand meines armen Williams verschlimmerte sich so sehr, daß ich genöthigt war, unverzüglich mit ihm die Rückreise nach London anzutretten. Lady Anna schien bestürzt, als ich sie davon benachrichtigte doch sprach sie unverholen von einem baldigen Wiedersehen. Wir nahmen den kürzesten Weg, hielten uns nirgends ohne Noth auf und ich kann daher von dieser Reise durchaus nichts Merkwürdiges mittheilen.
Bald nach unserer Ankunft in London wurde mein geliebter Freund tödlich krank und D. Richard wurde wieder gerufen. Er suchte einen Augenblick zu erhaschen, in dem er mir seine Freude äussern konnte: daß ich die frühere Bekanntschaft mit Lady Sidney erneuert hätte. Sie erhielten wohl eine Estafette? fragte ich etwas bitter. Mit einiger Verlegenheit erwiederte er: „die Lady habe ihn von Bath aus, wegen ihres Gesundheitszustandes geschrieben und dabei meiner erwähnt;“ gedachte aber nach diesem Gespräch der Lady mit keiner Silbe mehr. Mir war der tiefe Schmerz bestimmt: daß die treue Seele meines Williams in meinen Armen die irdische Hülle verließ. Kaum wird der eigene Bruder das gefühlt haben, was ich bei dem frühen Hinscheiden dieses edlen Mannes empfand. Das große London war mir zu enge, ich flüchtete mich hinaus und mehr ein Verlangen nach Zerstreuung, als sonst irgend ein sehnsüchtiger Wunsch trieb mich zu dem Landhaus der Lady Sidney.
Da die Landsitze in England vieles miteinander gemein haben, und ich von allen denen, welche ich gesehen, noch keines schilderte: so will ich eine Beschreibung desjenigen liefern in dem ich 4 leidensvolle Jahre verlebte. —
Ein schöner Park umgiebt dasselbe mit bedeutenden in der üppigsten Vegetation prangenden Aeckern, und Wiesen. Hie und da stehen mahlerisch gruppirte ehrwürdige Eichen und Buchen; feste, reinliche Kieswege durchschlängeln den Park, in welchem zerstreut, freundliche Wirthschafts-Gebäude liegen. Ein beträchtlicher Bach, über welchen eine hübsche Brücke führt, bewäßert in mancherlei Krümmungen die Flur. Das Wohnhaus liegt auf einer Anhöhe. Die Facade ist mit Säulen geziert, welche einen schattigen Ort bilden, von wo aus man so recht die Aussicht auf die herrlich grünen Wiesen und fruchtbaren Aecker genießen kann. Dieser Platz ist mit köstlichen Gesträuchen und Blumen in Vasen geschmückt. (Ein Gegenstand, mit welchem in England ein ausserordentlicher Luxus getrieben wird.) Die Obst- und Gemüß- Gärten, die Treibhäuser und alle Oekonomie-Gebäude liegen auf einer andern Seite ganz nahe am Haus. Erstere sind eigentlich das, was die Engländer Gärten nennen. Auch der zu Fuß-Promenaden vorzüglich bestimmte Theil, ist nicht weit davon entfernt; er hat Aehnlichkeit mit den deutschen Parks. Hier giebt es Lauben, Bogengänge, Tempel, Säulen, Denkmähler, Ruheplätze u. s. w. hier grünen und blühen alle möglichen in- und ausländischen Gewächse, Blumen und Bäume. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer und Thüren von schönem eisernen Gitterwerk. Das Wohnhaus hat hohe wohl erleuchtete Sousterains, in welchen die Küche, Speiß-Gewölbe und die Bedienten-Zimmer sind. Vom Garten aus tritt man in eine Halle, die mit schönen Statüen, Anticken u. s. w. ausgeschmückt ist, zu beiden Seiten liegen die Putz und Wohnzimmer, ein langer Saal mit einer ansehnlichen Bibliothek, deren Bücher, alle kostbar eingebunden in zierlichen Schränken aufgestellt sind. Die Gemälde-Sammlung ist in verschiedene Zimmer vertheilt und ich traf in diesen Landhäusern auf wahre Kunstschätze von den berühmtesten Meistern. Vorzüglich muß van Dyk in England ungemein fleißig gewesen seyn. Ueberall, auch in Sidney’s Hause zieren die Produkte seiner Kunst die Gemächer. Im obern Stock des Hauses sind die Schlafzimmer. Fußböden, Treppen und Vorplätze sind mit schönen Teppichen belegt. Die Möbeln sind von Mahagoni oder künstlichem lackirten Holz und die Kamine größtentheils in Marmor geschmackvoll gearbeitet.
Dies ist die Beschaffenheit des Landsitzes der Lady Sidney welchem mit einigen kleinen Abänderungen beinahe alle Landsitze der reichen und vornehmen Engländer gleichen, wo unbeschreiblicher Genuß zu finden wäre, wenn nicht die leidige Etikette, die unendlich vielen Vorurtheile, und die tyrannisirende Mode ihn verkümmerte.