Doch ich kehre zu meinem verhängnißvollen Erscheinen in Sidney’shouse zurück.
Mylady empfieng mich mit sichtbarer Freude und sowohl bestochen von ihrer verlaßnen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach nützlicher, zerstreuender Thätigkeit, welche meinen Schmerz um den verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschäftsführer mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit bewieß sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Künste der feinsten Coquetterie auf, mich zu feßeln und es gelang ihr; in wenig Monaten war ich ihr Gatte.
Meinem geraden Sinn war es unmöglich, eine so entsezliche Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fähig war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur Selbstsucht herrschte und wurde fürchterlich getäuscht! — Die häuslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt und in schönen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflächlich und durchaus Nichts für ihre künftige weibliche Bestimmung gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich späterhin erfuhr von der Haushälterin ihres Vaters, welche sie fälschlich für so böse mir geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie höchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen vorzulegen. Ihr Charakter enthüllte zu meinem größten Schmerz nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Härte und drückender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es, welche unsere nähere Bekanntschaft gründete. Ich hatte mich ihr bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glänzenden freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere spätern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthümer auf eine vortheilhafte Weise verwalten zu können. Daher däuchte es ihr der Mühe werth, meiner gewiß zu werden und die Rollen sorgfältig einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als wir verbunden waren, legte sie den sehr lästigen Zwang nach und nach ab und ließ mich — leider zu spät! — das Unglück meiner Wahl tief empfinden. Ich wandte anfänglich alles an, nur Annen’s Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundsätze und Empfindungen ihr einzuflössen; allein weder meine Bemühungen, noch die Reitze der Natur in dem unaussprechlich schönen Richmonds Thal worinn unser Landsitz lag, noch ihr Verhältnis als Mutter, da sie zwei lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen das Daseyn gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umänderung ihrer Ansichten und Gefühle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaßende Gattin, welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und mit Undank belohnte, die gleichgültige sorglose Mutter, welche keinen Sinn für die Freuden und süßen Mühen derselben zeigte; die unwissende und daher desto ungerechtere und härtere Hausfrau. Ich verschleiere die traurigen, mir höchst wiederlichen Scenen, welche ein solches Betragen unter uns herbeiführen mußte und eile zu einer Begebenheit, welche entscheidend für mein Schicksal wurde.
Geschäfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mußte länger daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und während meines Aufenthaltes führte mich ein Zufall an einem Abend an der Westmünsterabtey vorüber. Nur einmal hatte ich sie mit meinem unvergeßlichen William und da nicht ganz genau besehen. In der schwermüthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebäude mit seinen heiligen Denkmälern berühmter Entschlaffener unwiederstehlich an. Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen, wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflüster wahrzunehmen wähnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen unter ihnen den alles zerstörenden Zahn der Zeit. Jedoch mich ergriff der große Gedanke: „daß, was jene Männer wirkten, nicht der Gewalt irdischer Vergänglichkeit unterworfen ist; das Edle bleibt ewig Groß, das Schöne ewig Neu, und es giebt Handlungen, welche sich empor über die Erde erheben, dort von himmlischen Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!“ bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter Goldsmith, dem ernsten Milton, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen Werke jener unsterblichen Sänger, des Reichthums ihres Geistes und Herzens; ich vergegenwärtigte mir den segensreichen Einfluß ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbürger, so wie auf spätere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen, die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als ausgestreuter Saame in kürzerer oder längerer Zeit immer neue Früchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir, vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all’ dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts gemeinnütziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der Wahrheit und der Verdienste würdigerer Menschen.
Düster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel entlang, zu den zwölf, sich an ihn schlißenden Kapellen, welche die irdischen Ueberreste der Könige und Königinnen von jeher in ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der Kunst und beobachtete ihre stufenweis’ fortschreitende Ausbildung. Innig gerührt stand ich an dem Grabe der unglücklichen Marie Stuart, welche nicht weit von ihrer Todfeindin und Mörderin hier schlummert. Noch mehr erschütterte mich das Grabmahl Eduard’s I. und das seiner Gemahlin Eleonora von Kastilien. Von ihr erzählt die Sage ein rührendes Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben, ihn zu begleiten zurückhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn entzündete sich sein Muth und er richtete große Niederlagen unter den Türken an. Um sich deswegen zu rächen, sandten sie Meuchelmörder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich das Gift aus der Wunde gesogen würde. Keiner seiner Diener entschloß sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten Gemahls zu erkaufen und — ihr gelang das schöne Werk! die Stärke treuer Liebe ehrend, soll indeßen der Todesengel sich schonend hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glücklicher Jahre mit einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten, der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Güte und Milde kunstvoll ausgedrückt.
Eine unbeschreibliche Wehmuth bemächtigte sich meiner, bei diesen Denkmählern! „Glücklicher Eduard!“ rief ich aus, dir wurde der Erde höchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fühle es!) reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit wäre! —
Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreßten Herzen Luft und wurde so weich, daß ich weinen mußte.
Endlich bemerkte ich, daß es über meine Betrachtungen ziemlich dunkel in dem hohen Gewölbe wurde und trennte mich von dem der Trauer geweihten Ort. Auf der Straße, wo es schon dämmerte, kam ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir in den Adern, als ich in unserm vierspännigen Wagen meine Gattin ruhig sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren Zügel einige Männer hielten, ein halbtodes Mädchen von 4 Jahren hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog, mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeußerung: „Fort, fort! was kümmert mich der Lärm; —“ machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mädchens, kam händeringend herbeigelaufen und ließ weinend und schreiend das ohnmächtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr Haus tragen. Das tiefste Mitleid drängte mich ihr zu folgen, ich mußte aber leider Zeuge seyn, daß alle Rettungsversuche vergeblich waren und die arme kleine Molly unter den Händen des Chirurgs ihren Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider! war sie bei diesem Unglück nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach der in England häufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft in meinem Wagen ängstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug, Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich um sie zu bekümmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewöhnlichen Art ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war es, was mich so sehr empörte. Es entstand ein Aufruhr in meinem Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu keinem Geschäft tauglich war und das lezte Ereignis vorzüglich mein Gemüth beschäftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch die Aeußerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein reichliches Geschenk die betrübte Pflegemutter der Verunglückten von meinem Antheil überzeugt und sie mir so geneigt gemacht, daß ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich hörte nun, daß Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam; die Haushälterin des Lord Sidney’s hieß auch Sara. Ohne mich zu erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung bestättigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche Erzählungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen tadelnswürdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, daß ich sie in ihrem Betragen während der Zeit unserer Verbindung vollkommen wieder fand. Die Alte versicherte, daß sie nur aus Liebe zu dem verstorbenen würdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna mishandelte sie mit Stolz und Härte und verwarf jedes Anerbieten, ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst verlassen, aber noch mit dem Pächter zu Sidney’s House im guten Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr eigenen Geschwäzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklärung über D. Richards Stellung zu Anna, und über sein Benehmen. Er war nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und gab sich alle Mühe, ihr, weil sie es wünschte, einen für ihre habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher für sie einzunehmen und hatte ihr früherhin auch Wortley zugeführt. Statt daß dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte sie ihm Netze auf: jedoch sie muß damals noch nicht so geübt in der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit manches Misfällige an ihr und zog sich zurück. Aus dem Mund jener Frau hörte ich nun meinen Namen nennen, hörte, wie man mich beklagt hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und daß man als gewiß vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten über die Behauptung angestellt habe: daß ich unmöglich lange mit Lady Anna würde leben können. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz klar, und doch war mein Entschluß noch nicht fest genug. Kaum wird dies, für alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige, freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte so lange, konnte damals noch zögern, sich von einem Weibe zu trennen, die ihn unwürdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige Gefühl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!
Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück. Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei meiner Aeusserung: „daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe“ den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte. Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir erregt hatte. — In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John) die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte: „denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen nichts übers Meer führen.“ Den armen Burschen blendete das Gold; er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen, allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln als den bequemsten Erwerb.