Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntniß: daß sie in ihren Mädchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswürdige Neigungen und Eigenschaften beseßen habe, daß sie jezt mit tiefer Beschämung sich derselben erinnere. „Und die gänzliche Umwandlung meiner selbst,“ sagte sie gerührt, „hat — die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.

Höre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen geraden Körperbau eingebüßt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter Mann gewährte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein. Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So viel männliche Liebenswürdigkeit und so viel Unglück hatte ich noch nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer rechter Arm verkümmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks. Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffühlend, ein geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnißen konnte er, vermöge seiner Unbehülflichkeit keinen Gebrauch machen. „Dir lieber Vetter,“ sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, „muß eine sanfte weibliche Hand zu Hülfe kommen, uns Männern fehlt hiezu der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner übrigen Verhältniße und Geschäfte wegen meinen Wunsch, dir gefällig zu werden, kein völliges Genüge leisten; Eugenia! dir übergebe ich also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns sein Unglück vergeßen zu machen.“ Ich wagte nicht aufzublicken und stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun mußte ich sogleich mein Amt übernehmen und alles dem armen Invaliden vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige, führte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thräne glänzte in seinem schönen dunklen Auge. Ich mußte mich entfernen, so sonderbar war mir zu Muth. Gefühle, mir ehedem ganz unbekannt, erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrängen. Doch fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Stärke, meine Bewegung zu verbergen und gefaßter kehrte ich in das Zimmer zurück. Mit der größten Sorge richtete ich darauf die für unsern Gast bestimmten Gemächer zurecht! und es schien, als wäre ich in der kurzen Zeit unsers Beisammenseyns, schon völlig in den Geist seines Wesens eingedrungen, als wären mir alle seine Neigungen und Wünsche bekannt. Ich decorirte die Wände seines Zimmers mit den vorzüglichsten Kupferstichen, die ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses zusammentrug; ich versah ein Bücherschränkchen mit den besten und unterhaltensten Schriften die wir besaßen; ich schmückte die Fenster mit Blumentöpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte ich mit der höchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel mir so wohl in den Hausmütterlichen Beschäftigungen, die mir sonst eine Last waren, daß ich mir selbst räthselhaft erschien. Mein Gatte, welcher in meinen Anordnungen nur die Gewährung seiner Wünsche fand, dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und führte, als ich alles vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser wieder sah, sagte er mit Innigkeit: „Wie kann ich der Schöpferin meines höchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung meines Zimmers wäre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine Lieblings-Gegenstände, daß sie auch nichts vergaß, was mir Freude und Genuß gewähren kann?“ — Ich erröthete und suchte nach Worten, welche ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich versichern sollten. Er drückte mir die Hand und sagte: „ich bin nun völlig mit meinem Schicksal ausgesöhnt und erwarte in diesen lieben Umgebungen gefaßt den Freund, der mich aus der Erde Prüfungsschule in das Land der Vollendung führen wird.“ Ich blickte ihn ängstlich an. „Ja meine Freundin!“ fuhr er fort. „Ich habe dem Vaterland die Aussicht auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern Theile so stark, daß ich täglich bedeutender die tödlichen Folgen davon empfinde.“ Ich fühlte Thränen über meine Wangen träufeln und die Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermögen auch nur ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte: „Dank, tausend Dank für Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber lassen Sie die Ueberzeugung: daß eine höhere Hand unser Geschick zu unserm wahren Besten leitet, den Sieg über jede zu weiche Regung in unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schöner Tod, der Tod fürs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrückten grimmig gerächt.“ Er wurde bei dieser Aeußerung so heftig, daß mich die Angst entsezlich ergriff: es möchte ihm Schaden bringen. Herzlich froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte mich selbst zu einer strengen Rechenschaft über den in so kurzer Zeit gewaltig veränderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschluß darüber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will. Ich hatte nemlich noch nie geliebt! zur geistigen Eitelkeit geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese Neigung verdrängte jedes andere zartere und tiefere Gefühl und gab meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte für nichts Sinn, als für das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung hatte. Das Herz gieng völlig leer aus und wollte es hie und da unter Menschen sein Recht geltend machen; so überstimmte es augenblicklich der kalte hochmüthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung lernte ich meinen Gatten kennen. Seine gründliche Gelehrsamkeit und sein Gefallen an meinem Wissen, hieß mich seinen Wunsch nach meinem Besitz Gehör geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch mein ehliches Verhältniß zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich bei meinem wissenschaftlichen Streben zu unterstützen; hingegen seine übrigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick leicht und ohne Werth vorüber. Mein Hauswesen war und blieb klein, die wenigen, doch mir immer lästigen Geschäfte, welche ich nicht den Dienstboten übertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel Zeit für meine Lieblings-Beschäftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin; tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstände und wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstände in ein gefälliges Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den sie meiner Schreibart schenkten, ließ mich den Tadel verschmerzen, den ich oft über den Gehalt der Werke selbst erfahren mußte. Da uns die Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der Seite der mütterlichen Gefühle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deßen tieferes Empfindungs-Vermögen sein Daseyn beurkunden würde: allein dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas später und unter andern Umständen.

Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen. In der Person des Majors drang sie mächtig in mein Herz; ich konnte es mir nicht abläugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefühl einen betrübenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir endlich: mit der größten Vorsicht meine übernommenen Verbindlichkeiten bei unserm Gaste zu erfüllen, doch streng das eigene Herz zu hüten, damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.

Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte, war dieser den ganzen Tag allein auf meinen Umgang beschränkt und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin: oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre, wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen; ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen wurde, wo sich mir — ach nur für einmal! ein großes edles Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens feierte.

An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte, gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn vor Ottmar hin. „Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!“ sagte ich, „doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.“ Er sah mich wehmüthig lächelnd an — „Schaden?“ — wiederholte er; „bald kan mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese Blüthen nur als Treibhaus Pflanze hier gedeihen können und in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben: so wird meine Seele, deren Gefühle hier auf Erden nicht alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald jenseits in ihrer Heimath entfalten. Dort,“ er drückte mir heftig die Hand, „ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! — Ein starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!“ fuhr er fort, als ich das Tuch vor die weinenden Augen hielt. „Es ist gut daß ich sterbe — o der schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken können. Nicht wahr?“ — Ich reichte ihm still weinend die Hand. „Mach mich nicht zu weich liebe Eugenia!“ fuhr er fort. „Ich habe dir noch viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und — ich weis es — es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? —“

„Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!“ erwiederte ich tief gerührt. „Dank für dies beseeligende Vertrauen!“ sagte er und drückte meine Hand an sein Herz. „Ich will es verdienen. Ich will dir alle meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu machen.“ Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete Gelée zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete, wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen, aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er sich mühsam wieder auf und sagte: „Ich fühle mich wieder etwas stärker und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit nichts mehr verliehren.“ Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend, zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.“ Eine steinerne Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte: „Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes — Ganz ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen und seiner gedenken kann! hier“ (sie deutete auf die Brust) „hier ist es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina! deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte meines Freundes: Er begann: „Meine Eugenia ist in einem ihr selbst unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt alles, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß, du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes, welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.

Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich, deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste Mitleid, als ich — o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren. Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich, während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief: so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen. Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines stillen verborgenen Glücks, alleine genießen und durch eine voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen; faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.

Der Augenblick ist gekommen!“ fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.

„Der Sterbende — ich betrachte mich als einen solchen — muß jede Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen! daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden! daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!“ Er hielt inne und Thränen füllten seine Augen.