Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen können. Theils versagte ihr zuweilen selbst die durch Rührung gehemmte Stimme den Dienst, theils konnten Therese und Albina die Aeußerungen inniger Theilname und schmerzlichen Mitgefühls nicht zurückhalten. Eugenia fügte noch der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergänzung bei, in dem sie erzählte: daß ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwähnten Gasthof gesucht und angeknüpft und in ihm einen achtungswürdigen jungen Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen Unterhaltungen dem Professor nicht: daß er erst durch Antoniens Beispiel rein moralich denken, fühlen und handeln gelernt habe. Er gestand offenherzig ein paar Universitäts-Jahre durchaus verschleudert und ohne irgend einen Nutzen für seine Geistes- und Herzens-Bildung durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloßen zu seyn: das Versäumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berühmter accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den Professor erfuhr, erschütterte ihn heftig und die früher bekämpfte Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte ihren Gatten schon früher von Antoniens Verhältnis zu Theodor erzählt und ihn auch späterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten wieder zu vereinigen. Dies benützte der kluge Mann bei dem Baron auf zweckmäsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, für ihn gefährliche Annäherung an Antonien. Unendlich glücklich machte diese der ihr eröffnete Entschluß Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich entbehrten Freunden wieder zuzuführen. Zu verdoppeltem Dank fühlte sie sich verpflichtet, als sie von Richards längerer Anwesenheit auf der Universität hörte und sie trug mit der größten Sorge selbst alles zu ihrer gänzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald abreisen zu können, „Ach! wie muß jezt dem armen, vom Schicksal so verfolgtem Geschöpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven der Ruhe befindet!“ rief Therese; „Wenn sie nur einer dauerhaften Gesundheit genöße!“ sezte Eugenia hinzu. „Von Natur fein und zart, haben die vielen erduldeten Leiden ihren Körper furchtbar geschwächt.“ „Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu stärken, ihr Leben zu verlängern!“ — sagte Albina.

Es dämmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein wenig zur Ruhe niederlegten.

Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man erzählte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. „O laßt mich, laßt mich zur Stadt gehen, ich fühle mich gesund und kräftig, es ist mir unmöglich ihn länger zu missen!“ so bat Antonia und Albina, Eugenia und Therese begleiteten sie dahin.

Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschädigt, es hatte auch der Fuß etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen. Langenheim und Volkmars hatten es daher für beßer gehalten, ihn Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein Zimmer trat! — Ein Schrei des Entzückens und — sie lag an seinem Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz ließ die Freundinnen eine zurückkehrende Schwäche befürchten, und die Bitten derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die Freude geraubt hatte. Durch zweckmäßige Mittel fühlte sich Antonie bald wieder ganz gestärkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors Seite. Auf das zärtlichste sorgte sie für ihn, suchte seine Schmerzen und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als möglichen zu versüßen und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims Erzählung ein noch größeres Unglück verhütet hatte. Am Mittag trat dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: „da hat mir ein glücklicher Zufall deinen Retter in den Weg geführt, lieber Theodor! Eben wollte er mit seinem Wanderbündel wieder zum Thor hinaus; ich erkannte ihn und bat: er möchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis ich ihn dazu bewegen konnte.“

Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseßel stand, hatte sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nöthigte ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: „Antonie! willst du wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen!“ Georg blickte bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: daß er sich unmöglich lang aufhalten könnte. „Das soll auch nicht geschehen,“ versicherte Theodor, „sie wird gleich wieder da seyn.“ Sie kam wirklich und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein Stück Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: „Wunderbar sind die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte. In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit das Drückende meiner damaligen Lage weniger fühlbar zu machen und nun muß er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor einem großen Unglück schützen! Innigen Dank dafür lieber Freund! Ach, noch ist mir der Augenblick gegenwärtig, wo Sie mir mit freundlicher Sorge in mein einsames Kämmerchen ein Glas Wein und ein Stück Kuchen brachten! Wäre es mir doch vergönnt, so, wie ich Ihnen hier eine ähnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen Dienst vergelten zu können!

Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewiß, ich nehme den herzlichsten Antheil! und mein Theodor,“ fuhr sie fort, indem sie ihren Arm um ihn schlang, „wird aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn ich ihm später von Ihrem Schicksal erzählen werde.“ Georg hatte sich gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens unmöglich Verschloßenheit entgegen setzen und mußte sich, wenn auch mit einiger Verlezung seines Gefühls, ihres Glücks und des Zufalls freuen, welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine große Störung desselben abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzählte: daß er nach Antoniens Entfernung noch viele harte Kämpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte; jedoch Rosinchen führte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie sich mit einem Unterofficier, eines im Städtchen einquatierten Truppen Detachement, in ein Liebesverständniß eingelassen hatte. Nun mußten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der Vergangenheit ein wenig zu vergeßen, auch um anderer Vortheile willen, habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein Weg zur glücklichen Stunde in diese Stadt geführt hatte. Von dem Dank und den herzlichsten Wünschen der Liebenden begleitet, sezte er bald darauf seine Reise weiter fort.


Eugenia hatte nun ihr schönes Werk vollendet und glaubte der glücklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, daß sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deßen zärtlichen Briefen sie ihre Belohnung für die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschäfte auf das Landhaus zurück und Eugenia entschloß sich, sie dahin zu begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen Effecten einzupacken.

Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gespräche verkürzt. In gebildeten und tieffühlenden Gemüthern giebt es der Berührungspuncte so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen eröffnen.

Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen über die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung; und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: über den großen Einfluß, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: „Zu der Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmöglich dem Drang widerstehen: dir einen Beweiß meines unbegränzten Vertrauens zu geben und zugleich mir den Genuß einer Mittheilung zu verschaffen, den ich mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust weiß ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben werden würde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen öffnen, das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und — ohne es zu wollen, sich dieselben zu eigen machen weiß. Ich würde unzufrieden abreisen, hätte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und süßeres in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthüllung der Herzen. Nur dann, wenn du alles von mir weißt, nur dann sind wir ganz vereinigt und bleiben es in jeder Entfernung für dieseits und jenseits.“ Albina umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie würde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wäre: doch jezt möchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu erfahren, befriedigen.