Georg rückte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis vom Gesicht. „Du bist ein recht läppischer Junge!“ sagte der Alte zürnend, „meinte man denn nicht, es wäre ein Verbrechen, daß du dein Liebes hast!“ „Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die Mutter zu mir und gewiß unsere Wahl billigen.“ „Armer Schelm! dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewählt; —“

Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer große Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch gestellt und die Anzahl der Stühle, welche man einstweilen herumsezte, so wie die der Kaffeetassen, ließen auf eine starke Gesellschaft, welche kommen würde schließen. Bald erschienen auch einige Vettern und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte vorher seine Mutter in die anstoßende Kammer geführt und ich hörte sie stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten noch die Worte: „Ich werde thun, was mir gut däucht;“ wahrscheinlich war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als eine arme weitläuftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme gesucht und gefunden habe — drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz herum, biß sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich: den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Küche nach, ergrif meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: „Antonie, wollten Sie nicht den schönen Herbsttag benützen und die Umgebungen des Städtchens auf einem Spaziergang kennen lernen?“ Ich verstund ihn, doch sagte ich: „warum? Ihre Eltern könnten es nicht gerne sehen.“ „Ach!“ sezte er ängstlich hinzu: „Unser Besuch und das, was er mit sich bringt, paßt durchaus nicht für Sie.“ „Guter Georg!“ erwiederte ich „seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.“ Wir hörten die Stubenthüre knarren und er entfernte sich schnell. Wohl fühlte ich bald, daß er recht voraus gesagt hatte. Lächerliche Höflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaßung charackterisirte den versammelten Zirkel und Rosinchen — ach wie beklagte ich den armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmüthiges, herrschsüchtiges Mädchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annäherung, mit verächtlicher, hämischer Zurücksetzung und der Bräutigam wurde von der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt. Sobald ich konnte, flüchtete ich mich in mein Kämmerchen. Es war im Erdgeschoß und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses. Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stück Kuchen hinein. „Was soll das:“ fragte ich. „Nehmen Sie doch!“ bat er „und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich stärken, mein trauriges Schicksal, das ich heute mehr als jemals fühle, gedultig zu ertragen.“ „Getrost Freund!“ sagte ich ermuthigend zu ihm: „der Vater im Himmel verläßt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut!“ Er drückte mir seufzend die Hand und gieng.

Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im Geheim die Augen. Die Eltern schmälten mit ihm und ich bemerkte, wie ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend. Ich hütete mich wohl, eine Veranlaßung zu irgend einem Argwohn zu geben, hielt mich beständig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so gefällig als möglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen aus meinem Kämmerchen in die Stube gehen wollte, hörte ich einen gewaltigen Lärm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg sprach heftig und laut. Ich hörte ihn sagen, als ich zitternd stehen blieb: „Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr könnt mich durchaus nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt.“ Die Mutter kreischte. „Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berückt, darum ist jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte — jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft; ich enterbe dich, ganz enterb’ ich dich und sie muß mir heute noch aus dem Haus.“ „Das ist das beste Mittel“ fiel der Alte ein. Georg erwiederte nun sanfter und bittend: „Laßt es doch dem armen Mädchen nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch nicht; aber was kann sie und ich dafür, daß Rosina durch Vergleiche mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe diese und jene nicht und damit hat es ein Ende.“ Ich hörte ihn der Thüre sich nähern und eilte in meine Kammer zurück. Bald darauf kam die Mutter und kündigte mir mit trockenen Worten an: daß ich eine andere Unterkunft suchen möchte, da sie mich nicht länger behalten könnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thüre hinter sich zu, daß alles zitterte. „Großer Gott!“ sagte ich zu mir selbst. Bin ich denn nicht ein wahrer Unglücksvogel der wo er sich zeigt, das Glück anderer stört! Indeßen so wenig ich wußte, wohin ich mich jezt wenden und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmöglich, einen Augenblick länger als es seyn mußte, in diesem Haus zu verweilen. Ich packte mein Wanderbündelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort. Georg war ausgegangen. Als ich um die Straßen-Ecke herumbog, kam er mir entgegen. „Wie Antonie?“ frug er erstaunt — „was soll das heißen?“ — „Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, daß ich Ihr Haus verlaße.“ Georg glühte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen, wieder mit ihm zurückzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem Schicksal zu überlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeßern. „Antonie kann nicht wollen, daß ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven machen soll, versetzte er.“ „Das nicht, antwortete ich, aber sanfter Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel belohnt den guten Sohn.“ Seine Augen füllten Thränen. Er sagte: „wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern sie mir dieselbe liebe Antonie und gewähren Sie mir in der Annahme eines kleinen Angedenkens meine lezte Bitte.“ Mit diesen Worten zog er einen Beutel aus der Tasche, drückte mir denselben in die Hand und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.


Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstädtchen oder auf einem Dorf mir die Erlaubniß, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu können. Mich zog die Sehnsucht wieder rückwärts dem Lande zu, wo die Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine Hoffnung schwand nach und nach gänzlich.

Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Blätter von den Bäumen, weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fuß oder strömender Regen durchnäßte mich schauernd; und immer hatte ich noch keine bleibende Stätte. Lüstern blickte ich nach den rauchenden Schlöten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch die Straßen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerüche bereiteter Speißen begierig ein, wenn ich an Garküchen und Gasthöfen vorbei schlich, ohne mich zu sättigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermögen nicht zu sehr zu schmählern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen: denn mit jedem Tag wurde es kälter und meine Noth größer.

Höchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach recht unwohl fühlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krämer, Taschenspieler, Seiltänzer u. s. w. versammelt: schüchtern, bat ich die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genöthiget, meinen Platz auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein Näpfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf, deßen Anwandlung ich fühlte, widerstehen. Es schien mir gerathener: unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang die Oberherrschaft über die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder erwachte — Gott wer schildert meinen Schrecken! — war das Zimmer leer und mein ganzes Bündelchen mit Geld und Wäsche — war weg.

„So muß ich denn den Bettelstab ergreifen!“ rief ich laut jammernd und lief händeringend umher. Die Wirthsleute — harte Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger von einer Vergütung etwas hören und verweigerten mir sogar ein kleines Frühstück, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer Kirche vorüber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost träufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der Entfernung war die glänzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: „nach der langen stürmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne;“ und den Biblischen Spruch: „des Herrn Hülfe ist nahe denen, die ihn fürchten.“ Psalm 84. v. 10.

Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie stärkte er mein Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verließ voll Hoffnung die Kirche. — Der Mittag nahte, der Hunger quälte mich fürchterlich: da entschloß ich mich, wie wohl mit schweren Herzen das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst befreit hatte. Ich suchte einen der größten Gasthöfe auf, und nahte mich schüchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge einmal in die Höhe hob: erblickte ich unter den Gästen, ganz am End des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge hatten meinen Körper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. — Ich wurde in die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche Hülfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslöschlichen Zügen in mein Inneres gegraben.