Richard schien mich nicht zu bemerken und unterhielt sich ganz unbefangen mit der Mutter. Es vergiengen mehrere Tage und ich empfand nichts von seiner Anwesenheit im Haus, was meine Angst vermehrt hätte. Sie minderte sich nach und nach durch die Hoffnung, daß Richard wahrscheinlich nur die Vettern immer begleitet, doch ihre Plane und Absichten nicht getheilt habe. Allein bald wurde ich leider vom Gegentheil überzeugt. An einem Abend, wo ich alleine im Haus zu seyn glaubte, da meine Herrschaft mit dem Sohn sich in einer Gesellschaft befand, stand auf einmal Lezterer vor mir, klagte, daß er nicht wohl sey und ersuchte mich, ihm Thee zu machen. Ich mußte sein Verlangen erfüllen und als ich ihm denselben brachte, sagte er: „ob ich schon wisse, das der wackere Jakob in einem kostspieligen Prozeß mit der Schloßherrschaft über ein Stückchen Land, das an deren Besitzungen angränzt, verwickelt worden wäre, der ihn leicht um sein Vermögen würde bringen können?“ Ich erschrack heftig, und Zorn und Verlegenheit, verbreiteten eine heiße Gluth in meinem Gesicht. Richard ergriff meine Hand und sagte theilnehmend: „Gewiß, ich kann das Verfahren meiner Oheims und meiner Vettern durchaus nicht billigen; ich war lange Zeuge davon und erfuhr jeden ihrer Plane; daher hielt ich es auch für rathsam, Ihnen liebes Kind, in dem Hause meiner Mutter einen sichern Zufluchtsort zu verschaffen. Mir haben Sie es zu verdanken, wenn es Ihnen bei uns wohlgefällt.“ Ich wußte nicht, sollte ich mich über diese Mittheilungen freuen oder ängstigen. Daß Richard ohne alle Neben-Absicht so gehandelt habe — dieses Edelmuths schien er mir nicht fähig. Ich suchte auszuweichen, erwiederte einige höfliche Worte und schloß mich dann in mein Kämmerchen ein, wo ich Gott an flehte, mich aus dem gefährlichen Standpunct, worauf ich mich meiner Meinung nach befand, zu schützen.
Richard ließ wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu machen, sich mir zu nähern: allein diese von ihm ergriffene Maaßregel, konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschläfern und bald bemerkte ich, wie nach und nach seine erkünstelte Kälte sich in zunehmende Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und da ich ihm jede Möglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so suchte er den schriftlichen Weg der Erklärung; jedoch seinen Brief, den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die Post bestellen sollte zu geben wußte, legte ich in seiner Abwesenheit uneröffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm bedeutete: daß ich ein zweites Schreiben unverzüglich seinen würdigen Eltern übergeben würde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn ich bemerkte, mit welcher innigen Zärtlichkeit sie den Sohn liebten, behandelten, und für ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeßen aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern zu beleidigen und bemühte sich daher in ihren Augen viel solider zu erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes für mich und ich kannte keine größere Sorge, als mir die Gunst meiner gütigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich um ihn bekümmerte, desto mehr schien eine unglückliche Leidenschaft für mich ihn aufzuregen. Er bewieß mir, nachdem sich sein Zorn gelegt hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten und bei einer großen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng er zu mir an den Theetisch, wo ich beschäftigt war und sagte zu mir: „Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglücklich geworden, wollen sie mehr von ihnen hören, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.“ Ich war einen Augenblick unentschloßen. Dankbarkeit und Sorge um meine Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich erwiederte: „In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich — kann es nicht! —“ Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war überschrieben: „der edlen Antonie zu wohlthätigen Zwecken.“ Wieder ein neuer Kampf! Mit diesem Gold es waren 2 Ducaten — konnte ich meiner Sehnsucht: mich gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genüge leisten und doch schien es mir gefährlich, mich Richard zu verpflichten. Nach reiflicher Ueberlegung entschied ich — und er fand auch dies Geld am Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er fürchterlich gereizt und kaum fähig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich nur sahe zurückzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbißenen Grimm bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? — ich vertraute also fest auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. „Antonie!“ rief er stark und heftig. Ich wandte mich um und sagte: „Herr Baron! es ist sehr unedel ein Mädchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine Ehre.“ Er fieng nun an, mir Vorwürfe über mein Betragen zu machen, seine leidenschaftlichen Empfindungen für mich zu schildern und mir zu versichern: daß ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern würde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit übertretten und seiner Leidenschaft den Zügel lassen. Wir waren indessen an einen Teich gekommen und entschloßen schwor ich bei allem was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er nicht wieder die gehörige Herrschaft über sich gewinnen und mich ruhig anhören wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das äusserste Ende des Ufers. Er zog mich ängstlich zurück und versprach mir schuldige Mäßigung.
Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich ließ die verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und gegen ein armes verlaßenes Geschöpf in Begleitung aller Qualen der zu späten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines Jünglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf mit Verführung und Leidenschaft herrlich wie der Phönix aus der Asche hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt in unbeschreibliche Rührung auflößte. Richard gieng lange still, und mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und als ich weich wurde und Thränen über meine Wangen träufelten: da nahm er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die feuchten Augen; umfaßte mich endlich und küßte mich ehrerbiethig auf die Stirne. —
„Antonie!“ sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: „du hast mein Herz zerrißen: denn ich liebe dich! warlich! ich muß dich lieben und — kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich für die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verführern auf jener Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu ängstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewußtseyn: eine Seele gerettet zu haben! —“ Er drückte meine Hand an sein Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar große Thränen perlten ihm über das Gesicht. Auch ich mußte weinen, doch durchdrang mich ein unaussprechlich beseeligendes Gefühl. Gerührt dankte ich Richard für seine tröstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nähere Nachrichten von Jacobs Schicksal, das mich tief bekümmerte. Ich erfuhr, daß dieser in jenem Prozeß, durch einen ränkevollen Advocaten, der sich von der Gegenparthey bestechen ließ, den größten Theil seines Vermögens verlohren hatte und genöthigt wurde sein Gütchen zu verpfänden, daß dieß endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf verlassen habe, wo er einst glücklich war und an einem andern Ort sich mit seiner Familie durch Taglohn den ärmlichen Unterhalt verdiene. Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard versprach mir, die Armen nach Kräften zu unterstützen, da er beschämt sich gestehen mußte: daß auch er einen kleinen Antheil an dem Unglück derselben habe.
Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Würde, aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine Neigung zu bekämpfen suchte. Dieß schmerzte mich und ich faßte den Entschluß, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern. Doch wohin? das war die große Frage. Einen andern Dienst zu suchen, dünkte mir eine unverdiente Kränkung für meine jezige Herrschaft zu seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Veränderung meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte. Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn ich wußte aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals, nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte ich mich den Verwandten der Familie nähern, welche durch mich unglücklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe gieng, erschien auf einmal Gertrud und äusserte: daß sie und Jacob nicht länger hätten den Wunsch unterdrücken können, wieder einmal etwas näheres von mir zu hören und mir für die reichlichen Geschenke, die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerührt erkannte ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; eröffnete ihr aber zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da mich gewiße Verhältnisse dazu nöthigten. Gertrud verwies mich abermals an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte, versicherte sie mich herzlich: daß Niemand den geringsten Groll gegen mich empfinde, daß sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre Verwandten darüber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen. Statt der Antwort kündigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen, schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die Gründe, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wären nahe Verwandte von mir und wünschten mich unverzüglich bei sich zu haben. Ungern wurde mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet hielt. Dann schied ich mit Rührung von den Edlen, die mich so liebreich so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.
Mit Georg, so hieß jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken einen überaus großen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und fühlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphäre in der ich mich befand, lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten, bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Kreiß liebender und geliebter Freunde, öffnete sich mein Herz und Sinn allen den eigenthümlichen Vorzügen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so der wohlhabende bürgerliche Mittelstand, dessen tadelnswürdige Seite in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoßin trat. Ich wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer Grad Gutmüthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas ähnlich. Uebrigens stieß ich immer auf Spuren von Beschränktheit des Geistes, auf kleinliche Ansichten und Neigungen und überall war die Uebermacht eingebildeter Vorzüge sichtbar. Unter solchen Verhältnißen war mir meine Existenz drückend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg: jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich doppelt durch alle möglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit, mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergüten: denn ich begrief sehr gut, daß ich hier bald lästig werden könnte.
Von den ebengenannten Fehlern schien indeßen Georg ganz frei zu seyn. Er hatte für seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes Gefühl und überhaupt einen so rechtlichen Charackter: daß ich ihm die verdiente Werthschätzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei kleine Gefälligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu machen. Ich konnte es deutlich merken, daß er es schmerzlich fühlte, wenn irgend eine unzarte Erwähnung meiner gemachten Erfahrungen von Seite seiner Eltern mir wehe that und überhaupt rügte er, zwar bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn, Hochmuth und Rohheit verrieth.
In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage, den ich bei ihnen verlebte:
Brigitta erzählte bei Tisch, daß Georg versprochen sey; ich äusserte meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene sich zu entfernen. „Du bleibst!“ sagte der Vater heftig. „Was soll das heißen? schämst du dich deiner Braut?“ „Das hat er nicht Ursache,“ fiel Brigitta ein. „Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleißiges, Mädchen, ist recht hübsch und hat überdies viel blanke Thaler.“