Eine innige Umarmung beider Freundinnen gab der Vereinigung ihrer Herzen, welche früherhin unmöglich war, nun aber natürlich erfolgen mußte die erste heilige Weihe. Eugenia wurde dann von Albinen und Theresen gebetten, Antoniens Lebensgeschichte vorzulesen, denn auch der Leztern war noch manches darinnen unbekannt geblieben. Und sie begann also:
„In jener verhängnisvollen Nacht, wo ich mich mit blutendem Herzen von meinem Geliebten losrieß, eilte ich so schnell als es meine Kräfte erlaubten den Berg hinan, welcher hinter dem Landhaus, durch ein kleines Gehölz, zu dem Weinberg führte. Der Mond blickte freundlich durch die dunklen Tannen und Fichten und beleuchten meinen Thränenreichen Pfad, den ich jedoch mit aller Besonnenheit wandelte. Wohl bedenkend, daß, sobald meine Flucht entdeckt seyn würde, man Anstalten treffen könnte mich einzuholen, fand ich es für nöthig, mich unter Wegs auf einige Stunden zu verbergen. In jenem Weinberg befand sich ein Hüttchen und unter diesem war ein kleiner Keller gegraben. Darinnen hielt ich mich bis zu dem andern Abend versteckt.
Zur Stillung meines Hungers hatte ich etwas Brod mitgenommen, aber brennender Durst nöthigte mich, nun meinen Zufluchtsort zu verlassen. Dunkelheit begünstigte meine Wanderung und ich erreichte bald das nächste Dorf. Hier labte ich mich an einem Röhrbronnen und fühlte nun aber auch das Bedürfniß des Schlafes im höchsten Grad. Die Besorgniß, daß in diesem Ort leicht am vorigen Tag Nachforschungen wegen mir gehalten worden seyn konnten, verhinderten mich hier um ein Nachtquatier zu bitten; ich wankte weiter und weiter und kam endlich an ein Gartenhäuschen, das zu der Besitzung eines reichen Edelmanns gehörte, welcher aber das Gut nicht bewohnte. Ich versuchte die Thüre zu öffnen, es gelang mir und in dem ganz leeren Zimmer lagerte ich mich auf dem Erdboden, machte mein Wäschbündelgen zum Kopfkißen, meinen Mantel zur Decke und genoß auf diese Weise einige Stunden, einen durch die höchste Erschöpfung sogleich herbeigeführten sanften Schlummer. Gestärkt erwachte ich, war froh, unentdeckt geblieben zu seyn und pilgerte nun eben so getrost durch schöne Obst Alleen, Gemüßfelder, üppige Wiesen und kühle Wälder, als durch sandige Einöden und magere Steppen. Ich umgieng die Städte, paßirte aber noch manche Dörfer und erhielt theils durch gutmüthige Einwohner, theils von der freigebigen Mutter Natur, hin und wieder Nahrung und Obdach. Meine kleine Baarschaft war aber dennoch aufgezehrt, noch ehe ich die Hälfte meiner Reise zurückgelegt hatte. Ich wollte nemlich nach Italien in mein Vaterland zurückkehren und befand mich jezt in der Schweiz an der Grenze von Schwaben. Meine vorige Lebensart wieder zu ergreifen, oder — noch schrecklicher — Almosen zu verlangen, beides war mir unmöglich. Ich wollte nun von den Kenntnißen und Fertigkeiten Gebrauch machen, in welchen mich meine geliebte unvergeßliche Albina unterrichtet hatte, durch sie in einem soliden Haus Unterkunft suchen und wagte mich deshalb in eine Stadt. Allein in derselben war, wie es wohl seyn soll, eine wohl organisirte Polizey. Mein Aufenthalt in einer kleinen Herberge wurde angezeigt, ich vorgefordert und als ich keinen Paß, keinen Attest vorzeigen konnte, mir angedeutet: daß ich nicht daselbst gedultet werden könnte: sondern mich ungesäumt aus der Stadt begeben müsse. „Großer Gott! ich werde für eine Landstreicherin gehalten und kann es Niemand verargen; wie unglücklich bin ich!“ So jammerte ich, als ich mich ausserhalb der Stadt befand. Ich saß auf einer steinernen Ruhebank und weinte heftig. Eine mitleidige Bauernfrau kehrte eben mit ihrem Korb ausgeleerter Milchkrüge auf ihr Dorf zurück, erblickte mich und blieb mit theilnehmender Miene bei mir stehen. „Ach gute Frau! sagte ich, Sie sieht in mir ein ganz verlaßenes, heimathloses Mädchen! weis sie Niemand in ihrem Dorf, der mich aufnehmen würde? ich wollte ja gern mein bischen Brod mit jeder, auch noch so schweren Arbeit zu verdienen suchen.“ „Hör sie Jungfer sagte das Weib und betrachtete mich vom Kopf bis zum Fuß, zu schweren Arbeiten ist sie nicht gemacht; vielleicht kann sie aber mit der Näh- und Striknadel umgehen: ich habe viele Kinder, muß mein Feld und mein Vieh besorgen, da reicht mir oft die Zeit nicht hin, Kleider und Wäsche auszubeßern und zu verfertigen; geh’ sie mit mir; wir wollens ein paar Tag mit einander probiren. Aber da, ihr dünnes Vorhängchen, das ihr Gesichtchen ganz verbirgt und ihren seidenen Schlumber lege sie ab: denn meine Nachbarsleute würden große Augen machen, wenn so eine vornehme Mamsel zu mir ins Haus käme. Die Lumpen da, helfen ihr nicht für den Hunger, ich aber kann dafür helfen und also muß sie meinen Willen thun.“ „Herzlich gern gute Frau! sagte ich, nahm geschwind Mantel und Schleier ab und wickelte beides in mein Wäschbündelchen. „So, gefällt sie mir beßer“ äusserte Jene billigend, und nun wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen!“ „Gott vergelte ihr den menschenfreundlichen Entschluß! erwiederte ich, es soll sie nicht gereuen!“ „gut, wir wollen sehen“ antwortete die Bäuerin und eilig schritten wir beide dem nah gelegenen Dorfe zu. Unterwegs ruhten oft die Blicke der Frau auf mir, aber keine neugierige Frage kam über ihre Lippen: denn sie war Eine von jenen seltenen unverdorbenen Seelen, welche auch Andern Gutes zutrauen und edle Handlungen mit Hoffnung auf Gottes Beistand ohne vieles Forschen und Klügeln ausüben. Ich aber erzählte ihr unaufgefordert Mancherlei von meinem Vaterland von meinen Eltern, wie ich diese frühzeitig verlohr und gezwungen war, meinen Unterhalt durch Singen und Leiern zu verdienen; auch von der kürzern Vergangenheit theilte ich ihr so viel mit, als mir nöthig schien, um ihr Zutrauen zu erhöhen und zu befestigen. Natürlich verschwieg ich dabei, was meine Freunde und meine innigen Verhältniße zu ihnen betraf. „Armes Kind! Sie hat schon viel erfahren!“ sagte beklagend die Landfrau, und sezte hinzu; „verzag sie nur nicht, vor der Hand bleibt sie bei mir, wo es ihr gewiß nicht schlimm gehen wird, und dann wird ihr Gott schon weiter helfen!“ Wir kamen endlich in Gerdrudens ländliche Wohnung. Im reinlichen Stübchen wimmelte es von Kindern; das Aelteste ein Mädchen von 12 Jahren trug ein Schwesterchen, das wenig Wochen alt war auf ihren Armen und die andern sprangen der Mutter entgegen. Voll kindischer Ungeduld nach dem Mitgebrachten aus der Stadt bemerkten sie die Fremde nicht, die mitgekommen war, nur Marie die älteste grüßte mich freundlich kopfnickend.
Die Frau packte Semmel und Birn aus und gab jedem davon. „Ich bin auch recht unachtsam,“ sagte sie zu mir, „daß ich ihr unter Wegs nichts von diesen Sachen angeboten habe; sie wird hungrig seyn; nun da nehme sie auch ihren Theil, oder ist ihr mein schwarzes kräftiges Brod und ein Glas Buttermilch lieber?“ — Ich wählte das Lezte und genoß es mit herzlichem Dank. „Nun Kinder gebt der Jungfer ein Patschhändchen“ sagte Gertrud, als diese, ihr Brod und Obst verzehrend sich um mich versammelten, und mich anstaunten; „sie wird einige Zeit bei uns bleiben,“ fuhr die Mutter fort, „und eure Kleidungsstücke wieder herstellen, welche ihr muthwillig zerrißen habt.“ „das ist gut, sagte Konrad der älteste bauspackigte Knabe, lief fort und brachte ein Jäckchen das schadschaft war; ein Anderer brachte Strümpfe und die jüngern Mädchen, wollten die Schürzen, welche sie um hatten, gleich losmachen, weil auch hie und da kleine Ausbeßerungen daran nothwendig waren. „Seyd doch gescheud, sagte Marie. Wie kann denn die Jungfer alles zugleich machen, auch muß sie ja erst ausruhen, sie wird wohl müde seyn. „Du hast recht Mädchen!“ sagte die Mutter, „doch was wissen die einfältigen Dinger, die Jungfer wird es ihnen zu gut halten.“ Nun kam auch der Mann vom Feld zurück. Er sah mich mit großen Augen an, aber Gertrud nahm ihm beim Ermel und führte ihn hinaus. Als sie wieder herein kamen sagte er freundlich zu mir: „Nun kann ich sie erst ordentlicher Weise begrüßen liebe Jungfer, weil ich von meiner Frau gehört habe — na es ist gut, daß Gertrud sie mit sich genommen hat, ich zähle sie zu meinen Kindern, betrachte sie mich als Vater!“ — Ich drückte ihm herzlich die durch Arbeit schwülenvolle Hand und gelobte im Stillen die Gutmüthigkeit der wackern Leute mit treuer Ergebenheit zu vergelten. Mein geringer Vorrath von Wäsche und Kleidung hatte durch die Fußreise, (ich war schon 3 Wochen unter Wegs) ziemlich gelitten. Gertrud bemerkte es und einige Tage nachher brachte sie mit etwas verlegener Freundlichkeit ein Päckchen und legte es vor mich auf dem Tisch hin. „Das ist wohl auch etwas zum ausbeßern?“ frug ich. „Nein,“ erwiederte die Frau „was darinnen ist gehört ihr. Ich möchte sie eben gar zu gerne, Tochter und du nennen, und da meine ich, wenn sie meine Kleidung trüge, gieng es mir leichter vom Mund weg, doch muß sie mir es nicht übel nehmen.“ „Ach Gott! sagte ich und ergrif Gertrudens beide Hände, wie gut ist sie, wie gut! gleich liebe Mutter soll sie mich nach ihrem Wunsch umgekleidet sehen, und immer mit ihrer dankbaren Tochter zufrieden seyn.“ Ich gieng nun in mein Kämmerchen und als ich das Geschenk genauer untersuchte, fand sich ein vollständiger Anzug eines Land-Mädchens von Canton Appenzell welchem auch etwas Wäsche beigelegt war. Mit herzlicher Bereitwilligkeit vertauschte ich meine Kleidung mit dieser, flocht mein Haar in zwei Zöpfe: und trat vor Gertrud mit der Frage hin: „gefall’ ich ihr nun liebe Mutter?“ „Freilich, freilich“ sagte diese mit großer Zufriedenheit, packte mich an beiden Schuldern und drehte mich vor und rückwärts. „Ey Töchterchen, wie hübsch läßt dir die Tracht!“ fieng sie wieder an und rief, „Marie, Konrad, Lise kommt, seht, nun ist Antonie eure Schwester geworden.“ Die Kinder sprangen mit Lachen und Jubel um mich herum und freuten sich herzlich darüber. Bald fand ich mich in die ländlichen Beschäftigungen und stand Mutter Gertrud redlich bei, wußte mich auch in ihre und ihres Mannes Launen gut zu fügen und wurde dafür von Beiden herzlich geliebt. Was mir die Zuneigung der Eltern in noch höherem Grade gewann, war meine Sorge für die Kinder; ich pflegte und wartete die Jüngern und lehrte die Aelteren. Sie hingen aber auch alle mit sehr großer Liebe an mir und lernten mit so viel Freude und Eifer, daß in kurzer Zeit Marie und Konrad fertig lesen, so ziemlich schreiben und auch ein bischen rechnen konnten. Erstere unterrichtete ich noch überdies im Nähen und Stricken, worinn sie bald bedeutende Fortschritte machte. Ich war mit meinem Loos ganz zufrieden, ich konnte wirken und nützen, befand mich im Kreiße gutmüthiger, redlicher Menschen und die ländliche Abgeschiedenheit und Stille sagte meiner verschwiegenen Trauer um verlohrenes Glück vollkommen zu: denn oft erschienen mir die Bilder meiner entfernten Lieben und ich begrüßte sie mit schmerzlicher Rührung. Wenn der Mond die volle Scheibe den Erdbewohnern zeigte, suchte ich am Abend ein Stündchen zu einem einsamen Spaziergang zu gewinnen und gedachte mit Thränen der Trennungs-Stunde, wo auch Lunens freundlicher Schimmer mein Schlafgemach erhellte und mich auf meiner Flucht begleitete.
So waren mehrere Monate ruhig dahin geschwunden. Der Frühling grüßte die Erde wieder! da kam einst Vater Jakob von der Stadt nach Hause und sagte, (indem er Hut und Stock den dienstfertigen Kleinen hinreichte und den beßern Rock mit der Hausjacke vertauschte.) „Kinder! nun wirds lebendig in unserm Dorfe werden. Das, schon so viele Jahre leerstehende Schloß dort üben auf dem Berg hat eine adelige Herrschaft gekauft und will Jahr aus Jahr ein hier haußen. — Ich weis nicht, warum mir dies nicht in den Sinn will! ich kenne die Menschen nicht, und es ist mir doch ordentlich bange vor ihnen.“ „Hast wieder Mucken im Kopf Alter!“ sagte Gertrud und klopfte ihm freundlich auf die Schulter. „Sey nicht wunderlich Jakob, die Leute werden uns nichts in den Weg legen, wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen.“ und der Mann setzte bedeutend hinzu: „Na wir wollen sehen“ und gieng damit zur Thüre hinaus. Ich saß am Fenster, nähete und theilte (mir selbst unerklärlich) Jakobs bange Bersorgniße. Gertrud bemerkte daß ich tief aufseufzte. „Auch du kraußt die Stirne“ sagte sie schmälend. „Ihr seyd nicht klug. Es ist ja nicht anders als würde künftig das Nest dort von argen Burggeistern bewohnt.“ „Werdet nicht böse Mutter!“ erwiederte ich; „mir war die ruhige Stille, in der wir bisher lebten, so lieb! ich bin so zufrieden unter euch und sehnte mich nach keinem fremden Menschen, daher denke ich mit Besorgnis an eine mögliche Aenderung der Dinge“ „Ey so erwartet es erst, was die Zeit bringen wird und quält euch nicht im Voraus“ erwiederte Gertrud. Bald darauf kam wirklich ein vierspänniger Reisewagen, ihm folgten mehrere Küchen-Wägen, auch einige Reuter. Diese, den bequemeren Fußpfad einlenkend, welcher an Jakobs Hüttchen vorbei, sich nach und nach dem Berg hinauf schlängelte, sprengten an den niedern Fenstern vorüber. Eben saß ich wieder an meinem gewöhnlichen Platz bei dem geöffneten Fenster und nähete emsig; aber schon waren die Reuter verschwunden, als ich den Hufschlag der Pferde hörte und auf blickte. Allein im Nu wandte der Eine wieder um und ritt langsam an das Fenster hin, bückte sich herab und frug: „ob dies der rechte Weg zu jenem Schloß hinauf zu kommen sey?“ da ich nichts vermuthet hatte, erschrack ich so heftig, daß ich kaum ein „Ja“ hervorzubringen im Stande war und schnell entfernte ich mich vom Fenster und aus dem Zimmer: denn der Reuter stieg ab und machte sich etwas am Steigbügel zu schaffen. Eine unaussprechliche Bangigkeit fühlte ich nach diesem Ereignis den ganzen Tag über; ja es traten mir sogar Thränen in die Augen, als Jakob bei dem Abendeßen mit der Hand die faltige Stirne rieb und seufzend sagte: „Nun sind sie da die vornehmen Plagegeister!“ „Wie kannst du sie so nennen, du weißt ja nicht, wie sie seyn werden.“! entgegnete unzufrieden Gertrud, „O, ich weis jezt genug, versezte der Mann; ich habe nachgeforscht und erfahren, daß es recht hochmüthige, viel verlangende Menschen sind, welche glauben, unser Einer wäre nur um ihrentwillen da.“ Gertrud sah ernst vor sich hin. Jakob fuhr fort: „die Familie besteht aus einem alten Herrn, seiner Schwester, die sonst am Hof gelebt hat, aus zwei eitlen Töchtern und drei jungen Barons die immer noch einige ihres Gelichters bei sich haben, wo dann die liebe von Gott geschenkte Zeit, mit Jagen, Fechten und Reiten verthan wird. O, das wird eine herrliche Wirthschaft werden!“ „das ist freilich nicht tröstend“ sagte die Mutter, „Tonchen Tonchen! da darfst du dich hübsch verborgen halten. —“ Dies war auch mein fester Entschluß; Ohngeachtet deßen entwarf mir meine rege Phantasie ein so schreckliches Gemählde der Zukunft, daß ich die ganze Nacht schlaflos zubrachte. Am Fenster ließ ich mich nun nicht mehr sehen, denn Thomas der goldgelockte 4 jährige Knabe konnte nicht aufhören, von den schönen Reutern auf den herrlichen Pferden mit den prächtigen Reitzeuch zu erzählen, welche immer und immer an unserer Wohnung vorbei einen. Mit einem fortdauernden ängstlichen Arbeiten den gewöhnlichen heitern Muth und erschrack oft vor meinem Schatten, indem ich im Geist einen der Schloßbewohner sah. Diese streiften viel in der Gegend umher. Die Fräuleins wollten ihr Burgleben ganz nach dem in Rittergeschichten geschilderten und oft gelesenen einrichten; hatten sich altdeutsche Kleidung verfertigen lassen, hatten Rocken und Spindeln angeschafft und wollten wenigstens bei den Dorfsbewohnern und bei den seltenen Besuchen aus der Stadt Aufsehen dadurch erregen. Dazu gehörte nun auch, daß sie also aufgepuzt häufig lustwandelten und mit erkünstelter Leutseligkeit die Landleute und ihre Kinder ansprachen. Sie kamen auch in Jakobs Hütte, wollten sich mit Gertrud über ökonomische Gegenstände unterhalten und die Kenntniße der Kinder prüfen: allein in jenem Gespräch mußten sie sich eilfertig zurückziehen, da die gescheute Landfrau, die unwissenden Stadtfräuleins mit ihren prahlerischen Schein-Wissen in die Enge trieb. Bei den Kindern fanden sie auch mehr, als sie erwartet hatten und sie konnten über deren Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen ihr Staunen nicht verbergen, da in dem Ort keine Schule, sondern diese eine Stunde weit entfernt war, wohin in der Regel die Eltern ziemlich saumseelig ihre Kinder schickten.
Da nannte mich Konrad, wie mir nachher die Mutter erzählte, mit den herzlichsten Ausdrücken, als ihre Lehrmeisterin. „Ey so zeigt sie uns doch! wer ist sie denn?“ fragten die Fräuleins; und so eben trat ich in die Stube; wollte aber eilig durch eine andere Thüre wieder hinaus: allein die Kinder riefen fröhlich: „da ist sie, da ist sie!“ hiengen sich an mich zogen mich mit den Worten zu den Damen „Komm nur komm nur, wir haben eben von dir gesprochen.“ Ich begrüßte jene, welche mich aber kaum eines Danks würdigten, sondern heimlich mit einander flüsterten und uns schnell verließen. Gertrud schüttelte den Kopf als sie weg waren, und sagte: „das sind sonderbare Leute, bald möchte ich Jakob Recht geben!—“
Ein paar Tage nachher kam Gertrud, die Hacke über der Schulter langsam und nachdenkend vom Feld nach Haus gegangen. Jakob stand mit seiner Pfeiffe unter der Thüre, und ich war im Vorplatz mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Die Kinder sprangen der Mutter entgegen, sie schien sie aber gar nicht zu bemerken. „Gertrud! wie kommst du mir vor! rief ihr der Mann entgegen. Du hast ja für nichts Augen und Ohren!“ Sie war nun ins Haus getretten, lehnte schweigend die Hacke in einen Winkel und gieng auf die Stube zu. Jakob hielt sie auf. „Und nicht einmal einen guten Abend biethest du uns!“ sagte er. „Ey, was hast du denn?“ „Ach!“ erwiederte Gertrud und trocknete sich mit der Schürze die Augen. „Ich habe etwas Betrübendes erfahren und weiß nicht recht wie ich es dir und Antonien erzählen soll, ohne daß ihr auch traurig werdet, doch kommt herein.“ Ich ließ alles stehn und liegen und eilte den Gatten nach ins Stübcben. Hier begann nun Gertrud: „Ihr wißt, ich gieng in den Kraut-Acker dort am Hügel, wo die Garten-Laube der gnädigen Herrschaft anstößt, und hackte das Erdreich auf. Da hörte ich in meiner Nähe sprechen, und konnte der Neugierde nicht widerstehen, sondern begab mich hinter einen breitästigen Apfel-Baum, dessen dichtes Laub mich verbarg und lauschte. Soll ich es Glück oder Unglück nennen, daß es sich so fügte — kurz ich hörte, wie die gnädigen Fräuleins mit gar spöttischen und boshaften Worten und Gebehrden von uns und vorzüglich von dir arme Antonie sprachen. Das Herz im Leibe that mir weh, denn sie nahmen unsere unbescholtene kleine Hütte unbeschreiblich mit, verschonten weder den Vater, noch mich, ja selbst die Kinder nicht und am schlimmsten verfuhren sie mit Antonien. Es war der pure Neid der aus ihnen sprach, das hab ich gleich neulich gemerkt, wie sie bei uns waren und dich mein Goldkind erblickten. Nun aber hörte ich auch wie sich die Herren Barons eifrig um dich annahmen und da war mir wahrhaftig der vorige Tadel noch lieber, als das Lob von diesen, es klang mir gar zu gefährlich. Sie rühmten dich gewaltig, nannten dich die Krone des Dorfs, bedauerten, dich nur ein einzigesmal gesehen zu haben und versicherten: es in Zukunft schon klüger anzufangen. Ihr Vater sagte drohend: nehmt euch in acht ihr lockern Vögel, daß ihr nicht an der Leimruthe hängen bleibt und das alte Fräulein verbat sich streng mit kreischender Stimme alle Gemeinschaft mit der Bauern-Familie. Dann verließen sie die Laube und ich hatte alle Arbeits-Lust verlohren; mir fielen Eure bangen Ahnungen aufs Herz und ich dachte mir allerlei Mittel und Wege, um die Unannehmlichkeiten, welche ich mir jezt auch als möglich denke, zu verhüten.“ „Nun, was hab ich denn gesagt, erwiederte Jacob finster, da habt ihr die Bescherung. Wie kann ich unsere arme Taube da, vor den Raubvögeln genug sichern und wenn ich als ihr Beschützer fest auftretten will, werde ich nicht ihre Rache gegen mich und meine Familie reitzen?“ Ich gieng verzweifelnd im Zimmer auf und ab und rang die Hände. „Guter Vater! sagte ich endlich, schickt mich fort! nur auf diese Weise können wir alle dem drohenden Unheil begegnen.“ „Ach Gott! versezte Gertrud, wie ungerne würde ich dich missen, giebt es denn kein anderes Rettungsmittel?—“
Indem wir so miteinander überlegten, traten die jungen Herrn vom Schloß in die Stube. Ich sank zitternd auf einen kleinen Schemel. Gertrud stellte sich gleich einem Schild vor mich hin und sprach mir leise Trost ein, und der eine Sohn der Herrschaft fragte im barschen Ton nach verkäuflichem Haber. Jacob wußte die Absicht ihres Erscheinens, war gereizt und antwortete in eben so kurzen und rauhen Ausdrücken. Ich rafte mich auf und wollte mit Gertrud aus dem Zimmer gehen, die jungen Herren vertraten uns den Weg, Jacob aber packte zwei von ihnen und führte sie ziemlich unsanft zur Thüre hinaus. Was weiter vorgieng, weis ich nicht. Die Angst hatte mir das Bewußtseyn geraubt und als ich wieder zu mir kam, stand Gertrud weinend an meinem Bett. „Ach du lieber Himmel!“ sagte sie; „ich dachte, du wärest gestorben und habe für deine Seele herzlich gebetet. Nun Gottlob, daß du nur lebst!“ — „Wie geht es denn?“ frug ich ängstlich. „Der Vater hat eben zu rasch und unbesonnen gehandelt,“ antwortete sie, „es wird kein gutes Ende nehmen. Er ist jezt auf dem Schloß und beschwert sich bei dem Alten.“ Jacob kam erzürnt zurück, warf sich in seinen Sorgenstuhl und sagte: „elende, erbärmliche Menschen! Weil in ihnen kein ehrlicher Blutstropfen ist, so trauen sie andern Leuten auch nur Schlechtes zu, und glauben das Recht zu haben unser Einem immer nur als Mittel zu ihren gottlosen Zwecken gebrauchen zu dürfen! — und die hämischen Frauenbilder! — habe ich denn nicht des Satans Freude aus ihren Augen lachen sehen, als ich mich mit dem Vater herumzankte und er mir drohte: mein Vergehen, an seinen hochgebohrnen und niedrigdenkenden Söhnen bitter zu rächen? „Ey, meinetwegen!“ fuhr er fort, sprang zornig auf und rannte wild im Zimmer auf und ab; „meinetwegen! thut was ihr wollt! jagt mich von Haus und Hof — da drinnen, er schlug mit geballter Faust vor die Brust — bleibts dennoch ruhiger, als in dem Sündenpfuhl eurer armen Seelen! —“ Jacobs Heftigkeit ließ Gertruden und mich alles befürchten und es wollte uns durchaus nicht gelingen, ihn zu besänftigen. Endlich als er mich so ganz trostlos weinen sah und klagen hörte: daß ich die Ursache des Jammers wäre! faßte er etwas ruhiger meine Hand und sagte: „du hast ja all’ dies nicht herbeigeführt armes Kind! und bist unter uns am übelsten daran; kannst auch nicht bei uns bleiben. Aber wohin? —“ „Zu meiner Schwester!“ fiel Gertrud entschloßen ein. „Heute ists schon zu spät, aber morgen Jacob, morgen mache dich mit Antonien auf den Weg nach Waldsee. Du wirst gut aufgenommen werden, versicherte sie mir. Es sind wackere Leute; auch sind sie vermögend. Mein Schwager ist ein geschickter Schuhmacher und verdient sich des Jahrs über ein hübsches Sümmchen.“ „Gut, das ist ein gescheuter Einfall,“ sagte der Mann und ich dankte den beiden Gatten herzlich für ihre elterliche Sorgfalt.
Allein in derselben Nacht weckte mich Gertrud mit dem Verlangen: daß ich Feuer machen und Thee bereiten sollte; der gestrige Verdruß habe dem Vater eine Unpäßlichkeit zugezogen. Ich fand ihn wirklich bedeutend krank. Der Knecht wurde in die Stadt nach dem Arzt geschickt und mehrere Tage verstrichen unter bangen Besorgnißen. An meine Abreise in Jacobs Begleitung war nun sobald nicht zu denken, denn er war von der Krankheit sehr mitgenommen und ohne jene war diese nicht zu wagen: also sah ich sie mit geheimer Angst im Herzen auf lange verschoben. Gertrud vermehrte dieselbe, wenn sie öfters bei ihrer Rückkehr von der Stadt erzählte, wie die jungen Herrens schon am frühen Morgen herumschwärmten und einer von ihnen ganz besonders sie im Aug zu haben schien; ja sie einmal immer von fern, bis in einige Straßen der Stadt begleitet habe. Bald darauf kam sie mit der Nachricht zurück: das vielleicht jezt der Himmel für mich gesorgt habe. Denn in einem vornehmen Haus, wohin sie täglich Milch trug, sey unter den Dienstboten die Rede von einer Kammerjungfer gewesen, welche die Herrschaft suche. Die Köchin, die uns (wie ich mich wohl erinnerte) an der Kirmes besucht, und mich damals gesehen hatte erinnerte sich nun meiner. Gertrud versprach, mich davon zu benachrichtigen und am folgenden Tag wurde sie von der gnädigen Frau selbst beauftragt, mich zu ihr zu schicken. In meiner Lage mußte mir jeder Ort der Entfernung, wenn sie nur halb zu genehmigen war, erwünscht seyn und ich machte mich also sogleich auf den Weg nach der Stadt. Ich fand in der Frau von Steinfels eine liebe freundliche Dame, und unsere Unterhandlungen waren schnell und zu meiner Zufriedenheit beendigt. Mit herzlicher Trauer nahm ich von meinen redlichen Landleuten und ihren guten Kindern Abschied. Auch sie waren alle tief betrübt doch tröstete sie der Gedanke, mich jezt in Sicherheit zu wissen. Meine Fertigkeiten in häuslichen und weiblichen Arbeiten, welche ich ganz allein den theuern Vorsteherinnen des Instituts zu N* verdanke, erwarben mir bald die Gunst meiner neuen Herrschaft, und ich hatte nicht Ursache über Etwas Klage zu führen: desto schmerzlicher war es mir, als ich nach ein paar Monaten abermals eine Störung meines Glückes gewahr werden mußte. Eben war ich im Begriff meine gnädige Frau ins Theater anzukleiden, als sich die Thür öffnete und ein junger Mann mit den Worten: „guten Abend liebe Mutter!“ eintrat. „Ey guten Abend Richard! erwiederte diese, hast du endlich auch wieder einmal an das nach Hause kommen gedacht! was machen die neuen Bewohner der alten Ritterburg?“ nun erst betrachtete ich den Angekommenen und erkannte in ihm einen der Barons, welche meinen friedlichen ländlichen Aufenthalt so grausam getrübt hatten. Ich zitterte daß mir die Stecknadeln, mit denen ich den Anzug der Dame vollenden wollte, eine nach der andern entfielen. „Wie ist sie denn so ungeschickt?“ schmälte diese und ich nahm mich zusammen, so gut ich konnte.