Auf dem Weg zum Landhaus war es gerade nicht nothwendig D* zu paßiren, man konnte die Stadt seitwärts liegen lassen. Jedoch Albina bat, den kleinen Umweg nicht zu scheuen, indem sie das Verlangen äusserte: Guido’s würdigen Eltern sich als Tochter zu nähern, und Segen für sich und den Geliebten zu erbitten. Cornelia fand diesen Wunsch gerecht und bewilligte ihr ihn freudig. Glücklich erreichten sie D*, allein als sie über den volkreichen Markt fuhren, nöthigte ein hochbepackter Fuhrmanns Wagen den Kutscher auszuweichen. Er verfuhr dabei nicht vorsichtig genug und unsere Reisenden wurden umgeworfen. Man hofte, mit dem bloßen Schreck ohne Beschädigung davon gekommen zu seyn, und Theodor wollte bei dem Wagen und Gepäck zurück bleiben, bis derselbe wieder in der Höhe und alles in Ordnung seyn würde. Cornelia und Albina eilten nun zu Fuß nach Volkmars Wohnung. Sie fanden die Thüre geöffnet und schlichen durch den Hof in den Garten, der sich am Haus befand, weil es sie bedünkte: als hörten sie von daher einige Kinderstimmen. So war es; William und Fany tummelten sich mit mehreren kleinen Gespielen im Gras herum. Aurelia saß dabei und strickte. Welch ein Jubel, als sie Albinen erblickten! die Kinder flogen auf sie zu, umklammerten sie fest und konnten nicht Worte genug finden, ihre Freude, sie wieder zu haben, auszudrücken. Auch Aurelien beglückte das Wiedersehen der geliebten Freundin unendlich. Albina, überwältigt von den Empfindungen ihres liebenden Herzens, sank auf ihre Kniee, umfaßte die beiden Kleinen und rief: „o meine Kinder! nun bin ich durch die Liebe eures Vaters wirklich eure Mutter! — doch kann ich euch mehr lieben als bisher?“ — „gute Mutter! mich recht lieb haben und Fany auch, nimmer fortgehen, wir wollen recht brav seyn!“ so plauderte William und fiel Albinen immer aufs Neue um den Hals; auch Fany küßte und streichelte ihr unaufhörlich Hand und Wangen.

Die laute Freude war bis in die Gemächer des Hauses gedrungen, auch dem Baron und seiner Gattin wurde sie bemerkbar und sie folgten ihren Tönen. Ohne von Albinen gesehen zu werden, näherten sie sich schon ihr, als sie jene bedeutungsvollen Worte sprach — „meine Tochter!“ rief innig erfreut und gerührt die Baronin. Albina blickte auf und fiel mit den Worten: „meine verehrte Mutter!“ ihr in die Arme; dann nahm sie der beiden Eltern Hand und sagte: „segnen, o segnen Sie den Bund zweier Herzen, welche sich längst angehörten, die aber ein sonderbares Geschick so lang von einander entfernt hielt; wir haben uns gefunden und wollen nun vereint in der Erfüllung kindlicher Pflichten gegen die geliebten Eltern wetteifern.“ — „Welch einen heissen Wunsch hat uns dadurch die Vorsicht erfüllt!“ erwiederte Volkmar. „Sey uns willkommen und gesegnet als Tochter, du edles theures Mädchen!“

„Du weinst Großmütterchen!“ sagte William und küßte schmeichelnd die Hand der Baronin, welche Cornelien umarmend sich die Augen trocknete. „O Kind! das sind süße Thränen!“ erwiederte diese. „Ich bin eine glückliche Mutter! denn indem sie sich zu Albinen wandte: höre und freue dich mit mir; Eugenie hat mich während der Zeit deiner Abwesenheit besucht und ich habe sie jetzt ganz deiner Freundschaft würdig gefunden. Du würdest sie kaum mehr kennen. Ihr ganzes Wesen hat eine Weichheit, eine Anmuth gewonnen, welche sie wirklich liebenswürdig macht. Ihr Gatte, von dem sie mit inniger Liebe spricht und welcher ohne Zweifel diese Veränderung bewirkte, rechtfertigt meine, gleich anfangs von ihm gefaßte Meinung; er muß ein treflicher Mann seyn!“ „Ist sie denn schon wieder abgereißt?“ fragte Albina. „Ja — nein“ — antwortete die Baronin zögernd und blickte verlegen auf Aurelien. „Ich denke, versezte diese, wir wollen unsern theuern Freundinnen nichts vorenthalten. Sie sollen es ja doch erfahren und Theodor ist nicht zugegen.“ „Nun denn,“ sagte die Baronin, „Eugenia ist nicht alleine gekommen — aber ihre Begleitung ist euch nicht fremd und verdient den herzlichsten Empfang zum Ersaz vieler ausgestandener Leiden und zum Lohn vieler Tugenden“ — „Antonie!“ rief Albina. „Ja sie ist es!“ erwiederte Jene; und Mutter und Tochter geriethen in die freudigste Bewegung. „Gott sey gelobt!“ rief Erstere, nun kann ich manches begangene Unrecht wieder gut machen! und ihren und Theodors Wünschen steht nichts mehr im Weg, da er jetzt im Besitz eines bedeutenden Vermögens ist. Eben trat dieser von Langenheim geführt ein; blaß im Gesicht, den linken Arm in einer Binde. „Mein Gott was ist geschehen, was fehlt dir?“ riefen alle ängstlich. „Ich habe mich beim Aufheben des Wagens so beschädigt, daß ich zu einem Chirurg gehen und mich verbinden lassen mußte“ antwortete Theodor. „Ja,“ sagte Langenheim, „es ist keine Kleinigkeit! er brachte den Arm in eine Klemme und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm der Knochen abgedrückt worden. Ein fremder junger Mann hat ihn von diesem Unglück gerettet. Den Wanderbündel auf dem Rücken gieng er vorbei und hörte Theodor dem Kutscher zuruffen: „halt mein Arm“ schnell warf er das Ränzchen ab, stieß jenen, der sehr ungeschickt zu Werk gieng unwillig weg und hob mit Gewandtheit und Stärke den Wagen vollends in die Höhe: denn so viele Neugierige sich auch versammelt hatten, so leisteten doch Wenige hülfreiche Hand; und ich war zu schwach dazu.“ „Du bist sehr angegriffen lieber Theodor! sagte die Baronin mütterlich sorgend, komm doch gleich mit herauf und lege dich nieder; ich will Thee machen lassen und dich treulich pflegen.“ Sie giengen und als Albina äusserte: „in diesem Zustand müsse man ihm die Nachricht von Antoniens Rückkehr behutsam vortragen;“ versprach Langenheim dieß zu übernehmen und folgte jenem schnell nach. Die Andern aber fuhren bald darauf nach dem Landhaus. Therese empfieng sie an der Thüre und wollte sie bestimmen im Gartenzimmer abzutretten; jedoch Albina rief: „Mütterchen! ich weis Alles, Antonia ist oben, laß mich, laß mich zu ihr!“ Sie eilten nun hinauf und Antoniens schwächlicher Gesundheitszustand unterlag der Freude des Wiedersehens. Sie wurde ohnmächtig. Doch die Bemühungen der Freundschaft brachten sie wieder zum Bewußtseyn ihres Glücks: denn Albinens Entzücken und Corneliens mütterliche Liebkosungen verlöschten auch die kleinste Spur trüber Erinnerungen in ihrer Seele. Sie gab sich ganz den seeligsten Hoffnungen für die Zukunft hin. „Warum ist aber Theodor nicht mit gekommen?“ frug sie etwas befremdet. Albina fiel schnell ein: „er blieb in der Stadt, und ihm ist das Glück, dich wiederzusehen, noch unbekannt.“ „Aber, wann wird er es erfahren und ich ihn an dies liebende Herz drücken?“ erwiederte Antonie mit sehnsüchtigem Verlangen. „Bald, bald“ antwortete Eugenia beschwichtigend, welche durch Aurelien von Theodors Unfall unterrichtet, wieder neuen Nachtheil für ihre Freundin befürchtete, wenn sie es unvorbereitet erführe. Auch war es spät geworden und mit Eugenien einverstanden, erklärte Therese für nothwendig: „daß die Reisenden wegen Ermüdung und Antonia wegen den Einfluß der gehabten Gemüthsbewegung auf ihren Körper, sich bald zu Bett begeben und die wechselseitigen Mittheilungen auf den folgenden Tag verschieben sollten.“ Man trennte sich also um die Ruhe zu suchen. Doch Albinen verscheuchte den Schlaf die Begierde: von Antonien mehr zu wissen und das Verlangen sich mit Theresen und Eugenien recht auszusprechen: denn sie fand Leztere wirklich ungemein zu ihrem Vortheil verändert und fühlte sich durch die neugeknüpften schwesterlichen Bande liebend zu ihr hingezogen. Beide Freundinnen waren bereit, Albinens Wunsch zu erfüllen und sie benützten noch einige Stunden der stillen Nacht, zu einer traulichen Unterhaltung. Albina folgte in derselben dem Drang ihres Herzens und schilderte sein reines und inniges Glück den aufrichtig theilnehmenden Freundinnen; und dann gewährte Eugenia ihre Bitte und erzählte ihr, wie sie mit Antonien zusammen gekommen sey, auf folgende Weise:

Auf der Universität F* wo Eugeniens Gatte als Profeßor lebte war, noch nicht lang von einem edlen unverheiratheten Einwohner der Stadt ein Spital gestiftet worden, welcher ausser andern treflichen Einrichtungen, auch den Vorzug hatte, daß einige Gemächer des Hauses und ein Theil des großen Fonds ganz allein zur Verpflegung solcher Kranken bestimmt war, welche fremd, ohne Verwandte, auch zuweilen ohne Geld, sich in einer doppelt hülflosen Lage befanden.

Jeder große und kleine Gastwirth hatte die Weisung: dergleichen Personen zu dem Vorsteher der Anstalt zu bringen, für welche dann nach Beschaffenheit der Umstände unentgeltlich, oder gegen eine geringe Vergütung auf das menschenfreundlichste und zweckmäsigste gesorgt wurde.

Nach einem Conzert, welches in einem Gasthof der Stadt während der winterlichen Jahrszeit wöchentlich statt fand, wurde von den Theilhabern derselben ein Soupée einmal veranstaltet und Eugenia und ihr Gatte befanden sich auch dabei. Der besorgte Wirth saß mit an der Tafel und bediente seine Gäste, wobei er die ihm nahe Sizenden immer zu unterhalten bemüht war. Eugenia war auch nicht weit von ihm entfernt und hörte: wie er eines kranken Mädchens erwähnte, welche am Mittag bei der öffentlichen Tafel in das Zimmer gekommen war und durch einen himmlischen Gesang die Anwesenden bezaubert habe: allein noch vor dem Schluß desselben ohnmächtig niedergesunken sey. Er beschrieb ihr Aeußeres und Eugenia wurde aufmerksam. Sie wünschte mehr von ihr zu erfahren und setzte das Gespräch mit der Frage fort: „was mag wohl die Ursache des schnellen Zufalls bei dem Mädchen gewesen seyn?“ „Lieber Gott“ antwortete Herr Braun, so hieß der Wirth, „die bittre Noth! das arme Kind war leicht bekleidet und zitterte vor Frost, als sie in das Zimmer kam. Hier war ziemlich dafür gesorgt, daß der schon sehr strenge Winter seine Gewalt nicht ausüben konnte und so mag der schnelle Uebergang von Kälte zur Hitze nachtheilig auf sie gewirkt haben: denn als sie auch wieder zu sich kam, befand sie sich so übel, daß ich sie in unser wohlthätiges Krankenhaus bringen lassen mußte.“ „Wissen sie ihren Namen?“ frug Eugenia. „Ja wohl, antwortete Herr Braun, ich mußte ihn bei dem Spitalpfleger vorweisen. Die Arme hat mir ihn mit schwacher zitternder Hand aufgeschrieben.“ Er suchte in beiden Westen-Taschen lange herum, endlich brachte er ein Zettelchen heraus und reichte es Eugenien hin.

Antonie Viscolina! rief diese und schlug die Hände zusammen, welche Entdeckung! fuhr sie gegen ihren Gatten, fort, der neben ihr saß; diese Antonie ist Theodors Geliebte, Albinens Freundin! und so unglüklich! ach Ferdinand! morgen mit dem Frühesten muß ich zu ihr, muß sie trösten und ihr helfen, wenn es in meiner Macht steht!“

Albina reichte hier Eugenien gerührt die Hand und jene fuhr fort: „Am folgenden Tag führte ich sogleich meinen Vorsatz aus und fand Antonien in einem bewußtlosen gefährlichen Zustand. Eine heftige Nervenkrankheit hatte sie ergriffen und in grausen Fieberphantasien beschäftigte sie sich unaufhörlich mit Theodor und mit dir theure Albina. In dieser Lage war nichts für sie zu thun, als fleißig Nachfrage zu halten: wie es mit ihr stehe und ob sie gut verpflegt würde; von lezterm konnte ich mich immer überzeugen, aber ihr Leben schwebte lange in Gefahr. Endlich erschienen wieder heitere Augenblicke und in einem solchen nahte ich mich ihr. Sie erkannte mich; jedoch bald trat wieder Fieberhitze ein und nun mischte sich auch mein Bild in ihre verwirrten Vorstellungen. Aber so oft sie zu sich kam, war ihre erste Frage nach mir. Indeßen vergingen mehrere Tage, bis ich etwas zusammenhängendes mit Antonien sprechen konnte. Doch als sie einmal aus einem lang andauernden sanften Schlummer erwachte und ich gerade an ihrem Bett saß: ergrif sie meine Hand, führte sie zu den Lippen und sagte schwach und leise: „süße Erscheinung aus meiner glücklichsten Lebensperiode, bist du ein Traum oder Wirklichkeit? —“ Ich suchte sie nun zu überzeugen, daß keine Täuschung ihrer Sinne vorwalte und daß ich von Herzen bereitwillig wäre, ihr nach Kräften beizustehen, wenn sie meine Hülfe nöthig hätte. „Ach ich bin sehr unglücklich!“ sagte sie und brach in heftiges Weinen aus; ich bat sie: ihre Genesung nicht durch Gemüthserschütterungen zu hindern und versprach ihr, sobald es der Arzt erlauben würde, sie in mein Haus zu nehmen. Diese Zusage schien sie sehr zu trösten und sie fragte täglich den Arzt: ob der ersehnte Tag noch nicht bald komme? In dieser Zeit versuchte sie einigemal mir von ihrem Schicksal zu erzählen: allein sie gerieth immer dabei in eine, ihrem schwachen Körper so nachtheilige Bewegung, daß ich es ihr bis zu ihrer vollkommenen Herstellung nicht mehr gestattete, ihr aber dagegen durch vorsichtige Mittheilung deßen, was ich von Eurem Befinden, und Begebnißen wußte, manche innig frohe Stunde schuf; auch zeigte ich ihr von ferne die Aussicht auf ein glückliches Wiedersehen, daß ich ihr bereiten wollte. Als ich sie endlich mit Beistimmung des Arztes zu mir nehmen durfte, als sie mein edler Gatte mit Güte und Wohlwollen aufnahm und behandelte und ich ihr jede Stärkung Bequemlichkeit und Erheiterung zu verschaffen suchte; da erhielt ihr Körper und Geist wieder so viel Kraft, daß sie meinen Rath befolgen und ihre Lebensgeschichte seit der Zeit ihrer Trennung von euch niederschreiben konnte; es schien mir dies weniger angreifend für sie zu seyn, als eine mündliche Erzählung. Eugenia stand auf nahm ein geschriebenes Heft aus einem Schrank und sagte: „in diesen Papieren erhielt ich die Urkunde des Werths eines Mädchen-Herzens, welches heldenmüthige Tugend zu ihrem Tempel erkohren hatte und das der Sitz der edelsten Gefühle ist. Durch diese erlangte Kenntniß von Antoniens Vorzügen, freute ich mich doppelt, daß es mir vergönnt war, ihr auf dem Lebensweg tröstend zu begegnen und denselben ebener für sie zu machen und ich und mein Gatte gelobten ihr treuen Beistand für die Zukunft.“

„O Ihr guten edlen Menschen! unterbrach sie hier Albina, Gott muß euch segnen für das, was Ihr an dem armen verlassenen Geschöpf gethan habt!“ —“