„Liebe theure Mutter!“ rief Albina, indem sie in Theresens Zimmer flog und ihr um den Hals fiel, „theile meine Freude! der Großvater lebt und liebt uns; er will uns sehen, wir sollen zu ihm reisen, lies’, lies’ diesen Brief!“ mit diesen Worten zog sie obiges Schreiben aus dem Arbeitsbeutel und reichte es Langenheim hin, dessen Anwesenheit sie jezt erst gewahrte. Die Gatten durchlasen dasselbe miteinander und äusserten den aufrichtigsten Antheil über dies frohe Ereignis. —„Dies hat Guido herbeigeführt“ sagte Langenheim. „Ja, nun ist mir alles klar.“ — Albina schmiegte sich an Theresens Busen, und flüsterte: „Mein Herz hat mir dies auch schon gesagt, o! des edlen Mannes!“ — Nun aber trug die Stillbeglückte ihre und der Mutter Bitte den treuen Freunden vor: „daß, während ihrer Abwesenheit Therese ihre Stelle im Landhaus vertretten möchte!“ und sie wurde gewährt. Langenheim versprach, Theodor zu beruffen und so wurde denn die ganze Angelegenheit bald ins Reine gebracht. Der Tag der Abreise erschien und mit Rührung und Freude fuhren alle der Bekanntschaft mit dem Familien Oberhaupt entgegen. Der alte Hainau wünschte: Guido sollte bei dem Empfang der Verwandten gegenwärtig seyn; jedoch dieser suchte es abzulehnen und sah nur durch eine kleine Oefnung seiner Fenster-Gardine, als der Reisewagen vor Hainaus Wohnung hielt. Aber das Herz pochte ihm hörbar, als er seine heißgeliebte Albina erblickte. Er verfolgte sie im Geist, wie sie des guten Großvaters Segen empfangen und der Blick desselben mit sichtbaren Wohlgefallen auf der holden Gestalt ruhen würde. So war es auch, der alte Hainau war tief bewegt und suchte jedem der ihm vom Himmel Geschenkten seine innige Liebe zu beweisen: doch Albina erhielt den sichtbaren Vorzug. Sie mußte immer um ihn seyn und er nannte sie mit den süßesten Namen. Diese Begebenheit, und alle vorhergehenden hatten seine morsche irdische Hütte hart erschüttert; er fühlte sich so schwach und angegriffen, daß er das Bett nicht verlassen konnte. Albina bewieß ihm die zärtlichste Sorgfalt; auch Cornelia pflegte ihn mit kindlicher Liebe und Theodor erhielt von dem Großvater den Auftrag: seine Papiere zu ordnen. Wenn in dieser Zeit Albina beschäftigt war diesem eine Erfrischung zu bereiten und sie ihm darreichte, oder sonst etwas zu seiner Bequemlichkeit und Zufriedenheit vornahm und einrichtete: betrachtete sie der Greis oft lange mit lächelndem, liebevollem Blick und es schien ihr: als bekämpfe er ein aufwallendes Gefühl, als wünsche er ihr Etwas mitzutheilen. Doch wenn sie mit ihrer melodischen Stimme fragte: „Großväterchen hast du ein Anliegen?“ so drückte er ihr die Hand und schüttelte schweigend den Kopf. Nach einigen Tagen fühlte er sich wieder etwas gestärkter und wollte nun aufs Neue testiren. Er verlangt nach dem Stadtgerichtsrath Volkmar. Albinen durchzuckte bei dieser Aeusserung, bei diesem Namen ein süßer Schauer und Guido wollte sein begonnenes schönes Werk nun auch vollenden, überwand mit diesem Entschluß alle Bedenklichkeiten und trat wie er glaubte, ganz gefaßt in das Krankenzimmer. Jedoch als er Albinen daselbst in sorgsamer Beschäftigung um den theuern Großvater fand und als diese bei seinem Anblick die innere Bewegung nicht verbergen konnte: hielt er ihr schnelles Erbleichen für ein neues Zeichen ihrer Abneigung und fühlte sich unfähig, dies zu ertragen. Er sagte dem Kranken: daß er gekommen sey, ihn um die Erlaubnis zu bitten, sein Geschäft einem andern Collegen übertragen zu dürfen; und ehe jener Etwas darauf erwiedern konnte, empfahl er sich schnell, und gieng fort. Albina aber eilte durch eine Seitenthüre auf den Vorplatz. Unerwartet stand sie vor dem erschütterten Guido. „Edler Mann! sagte sie bewegt, ergrif seine Hand und sah ihn mit einem seelenvollen Blick in die dunkeln düstern Augen: vergönnen Sie doch diesem gepreßten Herzen, die Wohlthat, sich mit der Versicherung gegen Sie erleichtern zu dürfen: daß ich weiß, wer diese wichtigen Ereigniße hier bewürkte; gestatten Sie mir den Trost, Ihnen danken zu dürfen!“ die lezten Worte erstickten hervorbrechende Thränen. Verwirrt stammelte Guido: „Sie irren — ich weis nicht, was Sie damit sagen wollen.“ Indem rief die Mutter ängstlich zur Thür heraus: ob der Asseßor nicht mehr einzuholen sey, der Großvater wolle ihn durchaus sprechen.

Guido kehrte mit Albinen ins Zimmer zurück. Der Kranke richtete sich in seinem Bette kräftig auf, streckte beide Hände den Kommenden entgegen und sagte: „Hat mir doch Gott vor meinem Ende noch einen heissen Wunsch erfüllt! So wie ich da mein Goldtöchterchen erblickte, dachte ich in meinem Herzen: Wenn doch mein wackerer Asseßor Gefallen an ihr finden könnte. Dem biedern Mann, dem ich es allein verdanke, daß ich ruhig sterben kann, wünschte ich den Lohn dafür in einer guten tugendhaften Gattin und meine Albina kann gewiß einen Mann beglücken; wie meinen Sie liebe Tochter?“ mit dieser Frage wandte er sich an Cornelien. „Guido ist auch mir, wie uns allen so achtungswerth, daß ich mich seines Glückes, in welcher Gestalt er auch erscheine, immer herzlich und dankbar erfreuen werde“ erwiederte diese. Albinen vergiengen beinahe die Sinnen; sie zitterte und sank endlich still der Mutter weinend im Arm. Guido stand mit gefaltenen Händen am Fuß des Krankenbettes und sah finster zur Erde. Der Alte schüttelte wehmüthig den Kopf. „Habe ich geirrt, fieng er an, so verzeiht mir! ich meinte es gut. Ihr schnelles Entfernen Volkmar, Albinens Betroffenheit bei Ihrem Erscheinen fiel mir auf, ich äusserte gegen die Mutter mein Befremden und erfuhr: daß ihr euch nicht unbekannt seyd. Nun wollte ich Licht haben, fuhr er fort und verlangte sehnlich Ihre Rückkehr mein Freund! Bei euerm Eintritt war mir alten Mann als müßte ich ein vereintes Päärchen in euch erblicken, allein ich sehe wohl, ich war zu voreilig. — Noch einmal verzeiht mir!“ „Ach! wenn Sie sich nicht geirrt hätten!“ rief Guido in heftiger Bewegung; „aber es ist unmöglich,“ fuhr er fort! bog sich zu dem Kranken über das Bett hin und sagte im schmerzlichsten Ton halb leise: „ich bin sehr, sehr unglücklich! Albina fühlt keine Liebe für mich, ja ich fürchte, sie haßt mich.“ „Großer Gott!“ rief sie und fuhr empor, „wer sagt dies! welch ein Argwohn!“ und mit weicher Stimme, mit unaussprechlicher Liebe im Blick sezte sie hinzu: „hatte Guido denn durchaus keine Ahnung von den Gefühlen, die seit Jahren mit süßer Gewalt mein Inneres beherrschen und welche ich nur mit der äussersten Anstrengung verbergen konnte?“ „Ist es möglich! fiel Guido ein, mir wäre der Himmel auf Erden längst schon offen gestanden und unseelige Zweifelsucht hätte mein Auge verschloßen! Albina, du liebst mich!“ Er breitete im höchsten Entzücken beide Arme aus und sie sank mit einem innigem: „Ja“ an seine Brust.

„O meine Albina! Mutter meiner Kinder!“ sagte Guido mit unendlicher Zärtlichkeit. „Dich, dich nur liebte ich seit dem ersten Augenblick in dem ich dich erblickte. Jedes Gefühl für Andere deines Geschlechts war Täuschung und Wahn. Du allein warst das Ideal meiner Wünsche und mit furchtbarem Schmerz gab ich dich verlohren!“ Nach einer heissen Umarmung, in welcher beide die Wonne einer lang verborgenen reinen Liebe fühlten, empfieng das überglückliche Paar knieend den Segen des vergnügten Großvaters, der liebenden Mutter. Lächelnd bemerkte Hainau dann: daß heute mit dem Herrn Rath kein wichtiges Geschäft abzumachen seyn würde und verschob die Verfertigung des Testaments auf den andern Tag. Sie mußten sich nun alle um sein Bett herumsetzen und ihm Viel und Mancherlei aus ihrer Lebensgeschichte mittheilen. Cornelia fühlte, daß ihre Erfahrungen nur schmerzlich das Herz des Greises berühren würden und sprach am Wenigsten. Desto mehr mußte Albina erzählen, wozu sie ein höchst angenehmes Talent besaß. Auch entzündete sich an der heiligen Gluth inniger Dankbarkeit gegen Gott und gute Menschen, welche eine der vielen treflichen Eigenschaften ihrer schönen Seele war, das Feuer der Darstellung bei der Mittheilung der glücklichen Ereigniße ihres Lebens. Oft unterbrach sie Guido mit den feurigsten Aeußerungen seiner Verehrung, besonders als sie seiner Kinder und der Belohnung erwähnte, welche sie in ihrem sichtlichen Gedeihen an Geist und Körper und in ihrer innigen Anhänglichkeit an sie, für ihre süße Sorge erhielt. Es war nun aber der Augenblick erschienen, wo auch der Vater derselben durch die Ergüße der dankbarsten Zärtlichkeit sie von seiner Anerkennung ihrer treuen mütterlichen Erziehung zu überzeugen strebte. „Durch mein ganzes Leben will ich dir meine Albina! diese edelmüthige, uneigennützige Liebe zu vergelten suchen,“ rief er aus und drückte sie innig an seine Brust.

„Warst du nicht auch großmüthig besorgt, mir die Zuneigung meines theuern Großvaters zu bewirken, sagte Albina, zu einer Zeit, wo du noch für eine Undankbare zu handeln glaubtest! du hast Alles abgetragen, was du mir auch vielleicht schuldig zu seyn glaubtest.“ — Als Theodor, welcher abwesend war, zurückkehrte, sah und hörte was unterdessen vorgefallen war: begrüßte er herzlich theilnehmend Guido als seinen Bruder. Aber sein trauriges Geschick fiel ihm bei dem Anblick des hohen Glücks der Liebenden mit neuer Schwere auf das Herz. Sie vermieden auch mit zarter Schonung so viel als möglich in seiner Gegenwart jede laute Aeusserung desselben.

O die reine Menschenliebe, wie unser großer Meister sie lehrt, spricht sich nicht allein in inniger Theilnahme, in thätigem Beistand aus, sie zeigt sich auch bei manchen Fällen in einem tiefen Schweigen, in einem sorgfältigen Verbergen unserer Vorzüge, oder unserer Freuden, wenn es die Ruhe Anderer erfordert. —


Guido konnte nun als anerkannter Enkel des Testirenden das amtliche Geschäft dabei nicht mehr vollziehen. Es wurde am folgenden Tag einer seiner Collegen berufen und mit diesem war Hainau mehrere Stunden allein, um denselben seinen lezten Willen zu dicktiren. Als er nach seinem Tod eröffnet wurde, ergab es sich daraus, daß die Enkel nach Abzug der Legate, zu Haupterben seines großen Vermögens bestimmt waren, daß die Mutter jährlich die Zinße eines bedeutenden Capitals, und auch Langenheim ein beträchtliches Vermächtnis erhalten sollte. Des Letzteren hatte sich Hainau öfters Reuevoll gegen Guido erinnert und sich seines Glücks herzlich gefreut.

Bald darauf erlöschte sanft der Lebensfunke des Greises, dessen letzten Tage alles früher begangene Unrecht austilgten und um seine Leiche stand trauernd die Liebe und die Dankbarkeit und segneten sein Andenken. Als er beerdigt war, trat Cornelia mit ihren Kindern die Rückreise an. So schwer die Liebenden von einander schieden, brachten sie doch willig der Pflicht und der Nothwendigkeit das Opfer und Albina versprach ihrem Guido bald mit William und Fany wieder zu kommen, um sich nicht mehr von ihm zu trennen.