Edmund nahm aus Theresens sanfter Hand den gebrochenen Stab seiner schönsten Hoffnungen mit männlicher Kraft und reiste schnell ab. Von ihm hatte Langenheim erfahren was Guido schon früher erkundet aber verschwiegen hatte; daß nemlich der alte Hainau noch lebe, jedoch ganz in der Gewalt jener bekannten nichtswürdigen Familie sey. Dieser Zusatz bestimmte Langenheim, Cornelien und ihren Kindern jene ihm unnütz scheinende Entdeckung nicht mitzutheilen.


Mit einem wohldurchdachten Plan war Guido in E* angekommen. Grade Hainaus Wohnung gegenüber miethete er sich bei einem wackern Bürger ein und trat seine Stelle an. Da er den Secretair Haßlieb, welcher so lange ungestraft die gewissenlosesten Handlungen unter einer heuchlerischen Larve verübt hatte, durch getreue Schilderungen genau kannte: so wurde es ihm nicht schwer, jenen auch in amtlichen Verhältnißen bei manchen heimlichen Vergehungen auf die Spur zu kommen, welche Erfahrungen er sorgfältig sammelte und zu gelegener Zeit aufbewahrte. Dann ging seine zweite Sorge dahin, sich dem alten Hainau bemerkbar zu machen. Durch seinen Hauswirth erhielt er in gleichgültig scheinender Unterhaltung manche Winke darüber, welche er weise benützte. So erfuhr er z. B. daß Hainau ein leidenschaftlicher Jagd- und Hunde-Liebhaber war und das leztere noch sey. Er besaß eine ganze Kuppel dieser Thiere, welche oft einen gräulichen Lärm im Hause verursachten, aber von ihrem Herrn häufig am Fenster geliebkoßt wurden, auch alle mit glänzenden mössingen Halsbändern geziert waren welche mit den Anfangsbuchstaben des Eigenthümers Namen prangten. Guido gab sich nun auch gleich für einen Freund der Jagd aus, strebte einen ausgezeichnet schönen Hühnerhund zu bekommen und wanderte in Begleitung desselben, mit Flinte und Waidtasche alle Abende aus seiner Wohnung und zum Thor hinaus. Hainau unfähig mehr zu irgend einem Geschäft, vertrieb sich die meisten Stunden des Tags damit, daß er in einem Lehnstuhl am offenen Fenster saß, alles beobachtete was sich auf der Straße und in der Nachbarschaft zutrug und dicke Rauchwolken aus seiner türkischen Tobackspfeife, die an einem ungeheuer langen Rohr befestigt war, in die Luft bließ: denn seine zweite Leidenschaft war das Tobackrauchen, aus besonders seltenen und kostbaren Pfeiffen.

Guido hatte bald seine Absicht erreicht. Der Jäger mit seinem schön gefleckten Tyras zog Hainau’s ganzes Interesse auf sich, zumal da das würdevolle und anziehende Aeußere des wohlgebildeten jungen Mannes und seine verbindliche Art zu grüßen ihm ausnehmend gefiel. Als er aber nun gar nach einigen Tagen in der Hand seines jungen Nachbars einen meerschaumenen Pfeiffenkopf von noch nie gesehener Größe und Schönheit erblickte: da vergaß der erstaunte Greis den höflichen „guten Morgen“ von jenem zu erwiedern, ergrif die nahe bei ihm stehende Klingel und schellte heftig.

Ein Diener kam. „Thomas lauf geschwind da hinüber zu dem Herrn — hörst du? da in dem Haus des Meister Gerards, verstehst du mich? und sage — hm hm! — was will ich sagen — frage — nein bitte den neuen Herrn Rath, der da üben wohnt: er möchte als Nachbar seine Frühpfeife bei mir rauchen und ein Frühstück mit mir einnehmen. Hörst du? lauf geschwind!“ Der Bediente folgte dem Befehl. Ein zweiter Klingelzug rief die Magd, welche „schnell ein paar Tassen Chocolate zu bereiten“ beauftragt wurde. Daß Guido augenblicklich erschien läßt sich denken und Hainau zürnte mit dem Thürmer, als die Glocke seinen angenehmen Besuch von ihm weg zur Session rief: denn er hatte sich unbeschreiblich gut mit ihm unterhalten, ihn auch für Morgen zum Mittag-Eßen gebetten, da heute, einer nothwendigen Arbeit wegen, Guido sein Anerbiethen ausschlagen mußte.

Der alte Mann konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher sein neuer Freund erscheinen würde, er gieng nicht vom Fenster hinweg und als Guido aus seinem Haus trat, eilte er, so schnell, als es mit seinen kranken Füßen gehen wollte, bis zur Treppe ihm entgegen; nahm ihn am Arm und führte ihn triumphirend in das Zimmer. Auch die zahlreiche Hunde-Gesellschaft rannte auf ihn zu und bewillkommte ihn mit gewaltigen Geklöffe; einige sprangen an ihm in die Höhe, als wollten sie recht ihre Freude bezeugen. „Ey, still doch!“ rief der Alte abwehrend. „Bst Pedrillo, ruhig Cinthio, Caro, Jason! was ist das für ein Lärm; wollt ihr ordentlich seyn?“ er drohte mit seinem Krückenstock und sagte zu Guido: „Verzeihen sie das ungestümme Betragen der unartigen Hunde! allein es ist als ob sie mein Vergnügen, Sie theurer Freund, bei mir zu sehen mit mir theilten, auch haben die lieben Thiere gar ein scharfes Erinerungsvermögen und wahre Dankbarkeit — wissen Sie wohl, Sie haben es gestern mit der Raçe da verdorben (im guten Sinne nemlich) denn Sie haben ihnen geschmeichelt und sie mit mürbem Brod gefüttert.“ Dabei sah Hainau Guido recht wohlgefällig an und klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Das Mahl würzte dem Greiß Guidos Unterhaltung über seine Lieblingsgegenstände und es schien, als wären sie für jenen unerschöpflich; immer wußte er eine neue Ansicht, einen neuen Vortheil denselben abzugewinnen, und seine, in dieser Hinsicht gemachten Erfahrungen trug er mit einer Darstellungsgabe vor, welche Hainau entzückte und mit jugendlichem Feuer stimmte er in Guidos Aeußerungen ein, oder erhob sie mit preißenden Worten. Er mußte versprechen in jener Woche noch einmal zu kommen und hier machte ihm der Alte den Vorschlag sich ganz bei ihm einzuquartiren. Dies schlug Guido aus; denn er wollte langsam, aber desto sicherer bei der Sache zu Werk gehen. Die Woche zweimal bei ihm zu eßen: dazu machte er sich verbindlich; allein schon dies war dem mißtrauischen Secretair höchst ärgerlich. Er wurde durch Guido überzeugt, daß, außer ihm, doch noch jemand fähig wäre, Hainaus Zuneigung zu gewinnen und dies war ihm unerträglich. Mit heuchlerischer Besorgniß warnte er seinen Gönner: sich dem Fremden doch nicht zu sehr anzuvertrauen, denn er wollte manches Nachtheiliges von ihm gehört haben. Der schwache Greis wurde anfangs bedenklich, aber als Guido das nächstemal wiederkam, und mit seiner gewöhnlichen Herzlichkeit des alten Mannes Neigungen huldigte, auch ehrlich und freimüthig wie immer ihm ins Auge blickte: da schwand aller Verdacht aus Hainaus Seele und er erklärte Haßlieb fest: Guido könne nicht täuschen und ihm würde nichts vermögen seinen angenehmen Umgang aufzugeben. Der Bösewicht sah daß von dieser Seite nichts zu machen sey und versuchte nun von einer andern Guido zu schaden.

Ein Prozeß eines unredlichen Vormunds gegen eine betheiligte Mündel war bei dem Stadtgericht anhängig. Guido hatte sich überzeugt, daß das Recht auf Seiten der Leztern war und vertheidigte mit Feuer die Forderungen der Unterdrückten. Dieß schien dem ränkevollen Haßlieb die unvermeidliche Klippe an welcher Guidos Ruf und Glück scheitern würde. Er machte mit dem Vormund gemeinschaftliche Sache, beide erkauften falsche Zeugen und diese mußten in der Stadt vorzüglich bei den Mitgliedern des Raths das Gerücht verbreiten: „Guido sey in einem Einverständnis mit dem Mädchen: seine täglichen Jagdpromenaden dienten ihm zu geheimen Zusammenkünften mit ihr und die kostbare Tobackspfeife welche er besäße, wäre ein Geschenk der Liebe und der Dankbarkeit für seine Verwendung.“ Der vorher überall geachtete Guido wurde nun wirklich hie und da mit zweifelhaften Augen betrachtet, und so viel Freunde er in seinem Collegium hatte; kannten sie ihn doch zu kurze Zeit, um nicht auch mißtrauisch zu werden. Guido bemerkte bald eine Aenderung ihres Betragens gegen ihn und konnte es sich lange nicht erklären.

Auch Hainau erfuhr die Geschichte und eines Mittags traf ihn Guido sehr übler Laune. Als er sich theilnehmend nach der Ursache erkundigte, sagte dieser: lieber Herr! wem wird es nicht weh thun, wenn er sich getäuscht findet und zwar so bitter wie ich! Sie wollen wissen wie? Gut, ja, es soll heraus was mich herzlich verdrießt, und somit erzählte er Guido, was die Leute von ihm sagten. Nun fiel diesem die Binde von den Augen. Er schüttelte Hainau die Hand, versicherte ihm seine Unschuld und versprach ihm in den nächsten Tagen Aufklärung über Alles. Am folgenden Tag hinderte ihn eine Unpäßlichkeit in die Session zu gehen. Dieser Umstand wurde benüzt, ihm eine schriftliche Aufforderung zuzuschicken (weil man eine gewiße Scheu fühlte, ihn mündlich zu ersuchen) sein Votum in der bewußten Sache abzugeben, da er nicht ganz unpartheiisch zu seyn schiene. Mit einem Blick durchschaute er das ganze Gewebe der Bosheit und sobald es seine Gesundheit erlaubte, trat er als Kläger vor Gericht, und verlangte den Grund zu obigem Benehmen gegen ihn. Man mußte sein Begehren erfüllen und dann nannte er Haßlieb seinen Verläumder. Als Genugthuung forderte er die Untersuchung aller der Belege schlechter Handlungen jenes Elenden, welche er in seiner Gegenwart vorlegte. Haßlieb wurde überwiesen und konnte der gerechten Strafe nicht entgehen, denn eine Entdeckung führte immer wieder zu vielen Andern und die Zahl und Größe seiner Vergehungen zogen ihm nicht nur Dienstentsezung, sondern auch schnelle Landesverweisung zu.

Guido suchte in dieser Zeit eine Zusammenkunft Hainau’s mit Haßlieb dadurch zu vermeiden, daß er jenen auf schonende Weise so bald als möglich alles mittheilte, was nothwendig war, ihn selbst bei dem besorgten Greis zu rechtfertigen und den Bösewicht zu entlarven. Es schien ihm um so nothwendiger, da sich unter jenen Acten auch eine unbesonnene Hindeutung des Secretairs auf ein vorhandenes Testament des alten Hainaus befand. Guido verlangte es zu sehen, und Haßlieb war darinnen als Haupterbe des ganzen großen Vermögens eingesezt. Des alten Mannes Erstaunen gieng in Wehmuth und lauten Jammer über, als Guido auch Haßlieb’s frühere Handlungsweise schilderte, welche auf seine Verwandten Verderben bringend gewirkt hatte, als er die dadurch entstandenen Folgen in den Schicksalen desselben auseinander sezte und mit Begeisterung von Hainau’s Enkeln sprach. Tiefgebeugt, ja völlig zerknirscht stand der sonst stolze Mann vor Guido, wie vor seinem Richter und fragte mit hohler Stimme: Wie kann, wie soll ich mein großes Unrecht gut machen? dann hob er das zitternde Greisenhaupt in die Höhe, der Reue Thränen flossen über die eingefallenen Wangen und mit flehenden Worten beschwor er den Geist seines Sohnes: ihm zu verzeihen.

Guido erschütterte der Zustand des armen Greises sehr; er sorgte mit kindlichem Eifer, daß der traurige Vorgang keine nachtheiligen Folgen für ihn haben sollte und gelobte ihm: alles für seine Ruhe zu thun. Hainau forderte selbst fürs Erste sogleich sein Testament ihm zu verschaffen, welches Guido auf der Stelle holte, und auf Hainaus Geheiß zerriß. Dann bat ihn dieser, sich an sein Bett zu sezen und ihn von seinen Verwandten zu erzählen. Die Liebe und Freundschaft führte in Guidos Hand den Pinsel, auch Cornelien gedachte er ehrenvoll und erregte dadurch bei dem Greis den lebhaften Wunsch: recht bald die geliebten Enkel und ihre Mutter bei sich zu sehen. Er ließ sich Schreibmaterialien bringen und schrieb mit ungewisser Hand selbst einen kurzen Brief, in welchem er sie eilig zu sich berief, um die lezten Tage seines irdischen Daseyns mit ihnen zu verleben. Er wollte durchaus die Veranlassung zu diesem Schreiben der Wahrheit gemäß ihnen mittheilen, allein Guido bat so ängstlich dringend, seiner nicht zu erwähnen, daß ihm Hainau, um ihn zu beruhigen, sein Wort gab, ihn nicht zu nennen, sondern im Allgemeinen eine sonderbare Verkettung der Umstände als Grund anzugeben.