Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Gründe von der Stadt zurück. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo von einem ungestörten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu Folge wagte Albina es zuzusagen.
Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft für Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So wohl sein innerer Werth, als auch seine begüterte Lage gaben seinem ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich erfreuende Gestalt. Sie sah für ihre geliebte Albina nur Glück, reines Glück darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger Theilnahme vor, daß diese, innig gerührt in Thränen ausbrach. Sie ergrif Theresens Hand drückte sie an ihr Herz und sagte: „theure Mutter! wie traurig ist es mir, deine gütige Sorge für mich und die reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu müssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewiß voraussehen: daß mich wichtige Gründe bestimmen müssen, die Wünsche so guter Menschen nicht zu erfüllen. So ist es auch und ich halte es für unerläßliche Pflicht, dir diese Gründe mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter, sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds mich ehrenden Antrag auszuschlagen!
Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist für mich ein so ehrwürdiger und heiliger Gegenstand, daß ich ihm öfters mein stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen war die Ueberzeugung: daß ein Mädchen mit ihrer Hand auch ein ganz ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwählten hingeben müße. Das Gelübde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und geheimste Verletzung derselben dünkt mir eine große Sünde! auch führt der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten, selbst in den glücklichsten Verhältnißen mit sich: als daß nicht die höchste Liebe dazu erforderlich wäre, um alles so zu ertragen wie es seyn soll; und kann ein glückliches Ehebündniß ohne eine der festesten Grundsäulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste Geheimnis in einer, wenn auch unterdrückten ältern Neigung? Selten, ach selten sind die Fälle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der Liebe genügend für das Glück beider Gatten seyn könnte und häufig geht das gegenseitig reine und beglückende Verhältnis da verlohren, wo man leichtsinnig über jene Puncte fühlt und denkt!“ —
Albina hielt inne. „Mit wahrem Vergnügen höre ich meiner für Tugend und Pflicht so beredten Albina zu,“ sagte Therese, indem sie dieselbe zärtlich umfaßte: „und preiße den Mann unendlich glücklich, welcher die ganze Fülle der Liebe dieses reichen schönen Herzens besitzt! daß es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr für ihn sprechen. Meine Sorge muß nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als möglich bekannt zu machen.“ „Wie wirst du mich dadurch verpflichten liebe Mutter!“ erwiederte Albina, „denn gewiß, ich achte ihn sehr! aber lieben? — nein theure mütterliche Freundin! lieben kann ich nur Einen und dies ist — Guido!“ Sie verbarg bei diesen Worten ihr glühendes Gesicht an Theresens Busen. — Erstaunt und zögernd antwortete diese: „Guido — Guido?“ — „Du hast wohl diesen Namen nicht erwartet?“ versezte Albina, indem sie sich empor richtete, „Niemand — hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens ahnen, nicht wahr?“ Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst zur Erde nieder. „Du bist ungehalten Mütterchen,“ klagte Albina, „du nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem Glück Anderer opfern — ists nicht so?“ „Ich kann es nicht läugnen,“ versezte Therese, „es schmerzt mich, daß meine Albine ein Gebild ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine Gefühle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem schlägt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein Opfer gar nicht; Edmund würde alles aufbiethen, um deine Lebenstage zu verschönern, indeß du, in einer immer noch beschränkten Lage mit dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kämpfest. Mädchen, Mädchen! was hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet?“ „Die großen Eigenschaften Guido’s, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei keinem männlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; überhaupt die magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht aussprechen läßt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter!“ fuhr sie fort, faßte Theresens beide Hände und sah ihr bittend ins Auge: „sey nicht grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie zu heirathen! Ich könnte Edmund nicht beglücken, wie er es verdient; es wäre mir unmöglich, Guido’s Bild aus meiner Seele zu bannen; ich würde Vergleiche anstellen, ich würde mich elend und schuldig fühlen — ich kann nicht anders handeln! o laß mir mein geringeres Glück! laß mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthätig zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage, verstärkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche. Ja ich will meinen Entschluß selbst vor dem Allwissenden verantworten: denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel nützliches wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand als dir theuere Mutter vertraue!“ —
Therese umarmte Albina und sagte: „nach deiner schönen Eigenthümlichkeit, wäre es höchst unrecht, dich zu einer andern Denk- und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott segne dich!“
Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glücklich entdeckte nun auch Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach, die Sache so zu leiten, daß kein Wiedersehen Edmunds mehr statt finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte für Edmund milden Trost zu legen. Sie schrieb:
Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft mit einem Mädchen aussöhnen, dem es sein Geschick versagt, die ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefühlen zu erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die wärmsten Wünsche für Ihr künftiges Glück hegt und sich stets mit dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.
Albina.