Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges Gefühl, Albina fühlte sich sehr zu ihr hingezogen und führte sie mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen öfters in die Tiefe ihres schönen Gemüthes ein. Doch über Guido’s Bild war in Albinens Herzen ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte; allein Aureliens spähendes Auge für alles was der Freundin wichtig war erblickte durch den verhüllenden Flor dennoch die wohlbekannten Züge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergießungen ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen überrascht, sich aber augenblicklich und stille zurückgezogen; und suchte nun bescheiden, auf unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthätigen Erheiterungen der geliebten mütterlichen Freundin zu benützen. Das heißt: sie gab öfters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich über den Heißgeliebten aussprechen zu müssen, wobei diese immer so glücklich schien. Aurelia wußte dann so geschickt durch Fragen Albinen immer mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, daß dieselbe oft am Ende im Stillen staunend zu sich selbst sagen mußte „wie kam es, wie war es dir möglich so viel von Guido zu sprechen?“ — Auch auf jenem Weg nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wünschte so herzlich mehr davon zu hören, daß Albina nicht ausweichen konnte, sie mußte ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der Liebe röthete dabei immer höher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter aus ihrem Auge und auf William und Fany übertrug sie in vielen heissen Küßen die Aeußerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng, befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder einen Genuß bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen freien Aufblick, um ihre Freundin im Erguß ihrer Empfindungen nicht zu stören. Indeßen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deßen Gesicht ihr bekannte Züge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so hieß der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens, in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.

Ach, sein Anblick und diese Erläuterung führte die Vergangenheit ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthätern so nannte sie mit inniger Rührung die braven Gärtnersleute. In Edmunds Auge glänzte bei dieser Unterhaltung eine Thräne; Er drückte Albinens Hand und sagte. „Haben Sie Dank für diese Frage; edle Albina! sie läßt mich in ein schönes Menschenherz blicken. —“ Albina schlug den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer nicht loslassend; „Gärtner Paul ist mit all’ den Seinigen gesund und heiter und sie würden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn könnten, die sie warlich nicht vergeßen haben!“ Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen, doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten Töchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben bei Edmund bewürkt hatte und sie suchte dem Gespräch eine muntere Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, daß Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein großes Vermögen — ganz unähnlich den kargen Eltern — zu schönen Zwecken verwende, auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe. Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und vortheilhaften Schilderungen des Gärtner Paul’s bekannt; doch des hübschen Gärtnermädchens — wie er sich ausdrückte und dadurch eine Rosengluth auf Albinens Wangen jagte — hatte er sich noch sehr gut erinnern können, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe. Bei diesen Worten trat er ihr näher und küßte ehrerbietig die weiche runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte mit möglichster Unbefangenheit in den gewöhnlichen Unterhaltungston einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenständen, Pläzchen und Ergebnißen zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es überraschte ihn öfters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher dann Albina desto mehr Ruhe und Kälte, entgegenzusetzen strebte. Sie konnte es nicht läugnen an Edmund viele große Charakterzüge bemerkt zu haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.

Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen: allein schon war eine Woche vorüber und er fand noch immer so viel Sehenswerthes, oder so viele Hinderniße diese und jene Merkwürdigkeit zu beschauen: daß er seine Abreise von Tag zu Tag verzögerte. Er kam sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versäumte auch nicht nach ihr zu fragen; aber sein sehnsüchtiges Verlangen wurde nie befriedigt. Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte; jedoch, wie hätte ein so edles Mädchen-Herz wie das ihrige gewißenlos mit der Ruhe eines braven Mannes spielen können! Sollte sie seinen Gefühlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen empörte sich ihr reines Gemüth. Sie beschloß also ihn zu vermeiden.

Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare Veränderung. Das sonst harmlose, Geschöpf schlich jezt traurig umher, seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.

Edmund hatte, ganz ohne es zu wollen und zu wissen von dem unbewachten Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng mit sich zu Rath, welche Maaßregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefühle deutlich bewußt: so ließ sich keine vorübergehende Neigung in diesem tiefen Gemüth vermuthen, doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein öfteres Wiedersehen zu verhüten; dann, hoffte Albina, würde Aurelia bald ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloßen die mütterliche Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete Edmund die gewöhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des Langenheimischen Hauses Besuch ab. Daß der Gang zum Landhaus der Wichtigste für ihn war, läßt sich denken.

Albina saß eben im Kreise ihrer Pflegetöchter und gab ihnen in weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Größern saßen an Stickrahmen, die Kleinen nähten und strickten. Albina lehrte mit dem süßen Wohllaut ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehülfin und stand bald dieser, bald jener Schülerin bei. William und Fany saßen zu den Füßen Albinens. Ersterer baute Häuserchen von Karten, Fany reichte ihm dieselben zu und machte frohlockend Mütterchen aufmerksam, wenn es dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thürmen.

Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der Magd, welche gerade unten beschäftigt war, bei der Frage nach Albinen der Saal bezeichnet, wo er sie finden würde und er hielt sich vor der Thüre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu weiden.

Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der Schülerinen vorzeigend, als er die Thüre öffnete und eintrat. Sie erschrack so sehr, daß sie das Strickzeug fallen ließ und sich geschwind zu den Kindern hinunter bückte, um Edmund die glühende Röthe ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina seine Anwesenheit so unschädlich als möglich zu machen; sie führte ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles, was einiges Intereße für ihn haben konnte: doch konnte sie nicht verhindern, daß Edmund überall die Spuren ihrer Einrichtung, ihres Waltens gewahr wurde und daß er in der sich fröhlich und unaufhörlich äussernden innigen Zärtlichkeit aller Zöglinge eine neue Bestättigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch erfüllt und war in dem Saal zurükgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu heftig als daß sie es hätte wagen können, Edmund sich zu nähern. Sie wollte sich sammeln, um beim Abschied gefaßt zu erscheinen. Ach! sie däuchte sich so unglücklich! die ersten Gefühle der Liebe erregte in ihr ein Mann, welcher sie ganz zu übersehen schien und Albina, ihre geliebte Albina mit glühender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur Schreckbilder und der, Andern freundlich blühende Garten der Liebe, der sich zum erstenmal ihr öffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fuß bei jedem Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen stand sie am Fenster und zerblätterte gedankenvoll eine blühende Aster als Albina — ohne Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, daß sie, nicht mehr ihrer mächtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drückte sie diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: daß sie nicht alleine wären und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige Störung sie jetzt ersetzen müsse, ihr nach in den Garten zu kommen.

In der Unterredung mit ihr fand Albina, daß die Liebe schon tiefe Wurzeln in Aureliens Herz gefaßt hatte, fand sie aber auch fest entschloßen, schweigend zu dulden und Albinens Glück ihre Gefühle zu opfern. Daß dies nicht der Fall seyn könnte, belehrte sie die Versicherung der letztern: „daß sie durchaus keine Neigung für Edmund fühle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen müße“ doch in dem ersten Entschluß: „ihre Empfindung vor Jedermann und vorzüglich vor ihm zu verbergen“ bestärkte sie Albinens Beifall, welcher hohe Begriffe von der weiblichen Würde hegte, und streng bei sich und ihren Zöglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte religiöse Tröstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der dafür empfänglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fügte sich mit wehmüthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einfluß Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds für sie beide zu verhüten.