In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens allumfassender treuer Fürsorge war segensreich für ihr körperliches und geistiges Gedeihen. Aber die mütterliche Erzieherin war auch so gewissenhaft, daß sie nur durch die äusserste Nothwendigkeit gedrungen ihre Pfleglinge verließ, daher auch selten, und nur mit ihnen in die Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina verwieß ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darüber klagen wollte. Die kältere Vernunft gebot ihr sogar dies spärliche Zusammenkommen zu wünschen: denn ach! in Guido’s Nähe war ihr so weh, so beglommen! — Eine düstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner Seele und verlezte ihr Gefühl in dem Grad, als seine übrigen großen Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglücklicher Gatte, zweifelte durchaus an ihrem Vermögen, ihn trösten und erheitern zu können und hielt sich mit wunden Herzen so weit als möglich von ihm zurück. Allein in Guido war die alte Leidenschaft für Albinen mit aller Stärke wiedergekehrt; doch in ihrem schüchternen ja beinah ängstlichen Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde, so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen hülflosen Geschöpfen und so vergrößerten Beide die Scheidewand immer mehr, die anfangs leicht zu übersteigen gewesen wäre. Die Eltern und Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmüthiger Gefälligkeit gieng er auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln ein unnützes Glied. Wortarm, in sich versunken saß er oft in den bunten Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeußeres den Damen und Mädchen wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trübe Stimmung ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram in seinem Blick daß es tief, tief ihr Gemüth verwundete, und sie die Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten, durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter Geist, sein tiefes Gefühl, sprach diesen wohlthätig an, und in der Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse. Doch wurden von Guido nur Jene berührt, welche die Welt und die Menschheit im Allgemeinen betrafen; indeß Langenheim von seinem eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzählte. In einem solchen Gespräch erhielt Guido Aufschluß über Familien-Verhältniße, welche sich in seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten Direcktor Hainau’s wurde erwähnt; Langenheim schilderte seinen Reichthum und beklagte, daß seine rechtmäßigen Anverwandten, Albina und Theodor keinen Genuß davon erhalten konnten. Guido beschloß nach dieser Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts mehr zu unternehmen wäre.

Aus der Antwort ergab es sich, daß der alte Hainau wirklich noch am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des verabscheuungswürdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein Entschluß gefaßt!

An einem Morgen beim Frühstück, als den Tag zuvor wieder zärtliche Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingeführt hatte und sie höchst befriediget zurückgekommen waren, konnte die Baronin nicht aufhören, das glückliche Geschick ihrer Enkel zu preißen welches ihnen Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft mit der Hand über seine faltige Stirne und sagte: „Wenn doch nur mein Guido Herr über die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und dadurch fähig werden könnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung könnte ihm durchaus nicht entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer eben so vorzüglichen Gattin und Mutter werden würde!“ „Ich weis wen Sie meinen liebe Mutter!“ sagte Guido ernst; „aber nein — es ist nichts — es kann nicht seyn,“ sezte er tief seufzend hinzu; „und wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon!“ Er stand auf, rückte den Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den Eltern seinen Plan mit: ein thätiges Leben zu beginnen und sich um eine Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt sey. „Und warum denn gerade nach E*?“ fragte der Vater. „Ich habe einen Freund dort,“ erwiederte Guido, „welcher mir eine sehr vortheilhafte Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E* mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht zu einer mir wünschenswerthen Anstellung und ich denke, Thätigkeit ist das kräftigste Mittel gegen meine trübe Stimmung, die auch leider ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir! und laßt den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er Euch wiedersehen! —“ Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein Gesuch wurde begünstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine Abreise.

Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht nicht genug verbergen zu können, bestimmte ihn, einen Tag zum Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu wählen wo er wußte, daß Albinen ein unabänderliches Geschäfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kämpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefühl als Vater innig ausdrücken und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es däuchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er es getroffen zu haben; aber erschöpft und mit verweinten Augen warf er sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwürfen für das Glück der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und süße Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen näherte er sich am andern Tag dem Landhaus, denn es war doch möglich Albinen zu treffen. Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerührt drückte er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief für Albinen und eilte so schnell als möglich wieder fort. Albina war mit seinem Entschluß, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hören und gelobte sich selbst: von diesem, gleich einem ärmlichen Reisepfennig durchs Leben, in den künftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein auch darauf sollte sie Verzicht leisten müssen! dies war hart! und sie wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurückkunft aus der Stadt hörte, Guido habe Abschied genommen und den Brief für sie zurückgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

„Also wählte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu finden!“ sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter Stolz empörte sich in ihr gegen diese Vernachläßigung. Sie hielt lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und war ungewiß, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. „Guido Guido!“ rief sie, „du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehört hat und — noch immer dein ist,“ sezte sie wehmüthig leise hinzu, und ein wohlthätiger Thränenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie löste das Siegel, las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende bittere Thräne verlöschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts wohlthuendes für ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an das liebende weiche Herz Albinens anschlug. „Also auch nicht einmal Freundschaft, nein nur dankbare Höflichkeit giebt mir Guido für die heisse Liebe, die ich für ihn fühle!“ klagte Albina und legte die glühende Stirne in die hohle Hand. „Aber weis er es denn, daß ich ihn liebe? fuhr sie fort, o! hätte er ahnen können, was in mir vorgieng, wenn ich seinen Kummer über die Vergangenheit, oder seine Freude über seine Kinder sah! wäre er Zeuge von meinen jezigen Leiden — dies große Herz, das die ganze Menschheit umfäßt mit reicher Liebe, würde auch für mich freundlich tröstenden Gefühlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch“ — und dabei preßte sie fest beide Hände an das blutende Herz — „er bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust! guter Gott!“ seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank nieder, „guter Gott! laß einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Stärke bei der Erziehung seiner Kinder, sein Glück und das ihrige zu begründen!“ —

Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido’s Brief zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in einer Spannung des Gemüths geschrieben dünken, ja sie fand Ausdrücke, welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als vorhin. „Wie — sagte sie, sollte er Gefühle mir verbergen wollen, welche die höchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen würden und sollte dieses Streben jene Kälte erzeugt haben? nicht doch Albina! täusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern ist etwas fürchterliches! Gott bewahre dich dafür!“ Sie versank in tiefes Nachdenken; endlich — wie daraus erwacht — stand sie rasch auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: „es sey, wie es wolle! ich gehöre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlägt!“ mit diesen Worten verließ sie die Laube und kehrte in das Haus zurück. William hüpfte ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hießen vollends jeden Nachklang schmerzlicher Gefühle schweigen. — War sie vorher schon eine treue mütterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar nicht genügen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen gab, der erhöhte Albinens Glück, das in diesem wunderschönen Kinderpaar aufblühte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren großen klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen die Rosen der Gesundheit glühten und in all deren Bewegungen Freude und Leben war.

Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nähern und dann schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schöne Grundlage der weichen Herzen für den Saamen herrlicher Tugenden zu benützen, und Wohlthätigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und ähnliche Eigenschaften trieben frühzeitig süße Früchte. William trug, kam während der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit irgend Etwas einen Genuß verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mußte sich, den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der kleine Mädchen Kreiß, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und dem sie mit viel umfaßender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten gegen Guido’s Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn glaubte: theilte nach Kräften, mit Albinen die Sorge für die Kleinen mit einer Anhänglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu thun genöthigt war; doch diente dies ganze Verhältnis zur gegenseitigen Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle Vorsteherin verstand es so zu leiten, daß jedem Familien-Glied Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit William und Fany allein befand, sprach sie in schöner Begeisterung zu ihnen von dem Vater und in einer für sie faßlichen Weise legte sie ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es mit ihnen heranwachse und unvergänglich in ihnen wohne und herrsche! — Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina erröthete und suchte ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmöglich einen Wunsch ihres geliebten Enkels unerfüllt zu lassen, sie äusserten: daß sie sich mit einem kleinern Gemälde begnügen wollten und sagten jenes William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Händchen und Albina mußte das Portrait über sein Bettchen hängen; wo sie dann oft, den Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thränenvollen Augen und mit unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte, oder wenn sonst sie ein Geschäft in dieses Zimmer allein führte. Erwähnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens heissen Dank für das tröstende Angedenken. Die verstärkten körperlichen Kräfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen, machte, daß Albina nun öfters den Wunsch der Groseltern erfüllen und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterließ dann nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem schönen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschöpf war aus der Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frühzeitig jeden Vorzug einer treflich gebildeten Jungfrau erworben und hätte ihren Kenntnissen und Fertigkeiten nach, schon länger die Schule, worinnen sie erzogen wurde verlassen können; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon mehreremale seine Töchter besucht hatte und immer höchst befriedigt hinweggereißt war) mit dem Wunsch, daß sie nun ihren bisherigen Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurückkehren möchten. Sie mußten sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe für den Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als daß sie sich hätten wiederspenstig zeigen sollen; indeßen fühlten sie tief das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete, sich von Albinen loszureißen und beschloß, ins Mittel zu tretten, indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch eine Zeitlang zurückzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmüthigen Schwester! wie fühlte sie sich so glücklich mit Albinen noch länger vereinigt leben zu können!