Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte sie und sah mit ihr in Guido’s Brief hinein. Bei manchen bedeutenden Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und sagte: „Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!“ auf diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu dem Brief. — Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. — Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln. Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.
Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das Landhaus zurück. — Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz erfüllte! Er unglücklich — sie voll Mitgefühl — beide frei — war es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr unwillkührlich aufdrang? — aber fest war ihr Entschluß, sich streng im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den Willen der Vorsehung auszurüsten.
Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe, alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit; aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht unheilbar verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht — werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft, deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz verlöscht haben? —
Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefühlen zu kämpfen und immer kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die Stadt, Guidos Wiedersehen bald fürchtend, bald hoffend. An einem Abend, als sie wieder in Langenheims Haus trat, überfiel sie ein heftiges Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum ließ sie Guidos Ankunft vermuthen. Sie war nicht vermögend gleich die Treppe hinaufzugehen und mußte ihre ganze Seelenstärke aufbiethen, um Fassung zu erringen. Endlich hielt sie sich für fähig Guido ruhig zu begrüßen. Die Thüre öffnete sich und er — etwas mager und bleich, demohngeachtet edel und schön, saß mit dem Rücken nach der Thüre gekehrt, einem Spiegel gegenüber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem Arm, führte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde Anmuth selbst das kleine Mädchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich zu ziehen. Ein dunkles Roth überflog Guidos blasse Wangen; auch Albina fühlte die ihrigen erglühen und war froh, sie an Fanys zartem Gesichtchen verbergen zu können. William wurde auf des Großvaters Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war ausser demselben beschäftigt für den geliebten Sohn und die theuern Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine Stunde verfloßen, daß Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natürlich Guidos Sohn und Tochter unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschäftigte sie sich unaufhörlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoßen sie erquickenden Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug und führte sie die Kleinen in den Gemächern des Hauses umher, wo irgend ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermüdet ein, und wurden sanft von ihr in die für sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte mit stillem Entzücken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens zärtlicher Sorge für seine Lieblinge und auf deren zutraulicher Annäherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren Nacken und schüttelte weinend das blonde Lockenköpfchen, wenn sie die Grosmutter oder die Wärterin zu sich nehmen wollte.
Eine unerklärbare Bangigkeit hielt indeß Albina von Guido entfernt und da auch dieser eine gewiße ehrerbietige Zurückhaltung beobachtete: so herrschte zwischen Beiden eine drückende Spannung. Herzlich froh war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Uebermaß der Empfindungen bewegte zu stürmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht länger unter ihren Freunden aushalten, sie mußte fort, um in der Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.
Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so interessant, so liebenswürdig und doch so kalt erschienen! und es dünkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan für ihr künftiges Betragen zu entwerfen. Sie beschloß mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwägen um ihm zu keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wärmsten Dankbarkeit bat, „sich ihrer Enkel an — und sie zu sich zu nehmen, ihre physische und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter und durch Aengstlichkeit unfähig zur Erfüllung jener Pflicht sey.“
Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie sich weigern könnte.
Als sie eben überlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu einer Einwilligung bestimmen könnte: wurde sie zu Cornelien geruffen, und fand — Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte mündlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz zuvor erhaltene Schreiben und diese fühlte sich verpflichtet durch das Andenken an den segensreichen Einfluß von Theresens großmüthiger Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie wie einen Eigenen vortrug zu erfüllen. Albina trat an ein Nebenfenster und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Stärke und Weisheit zu ihren neu übernommenen theuern Obliegenheiten.