Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2 Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel, wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten, herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes. Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und Nervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. – Als sie in Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an, der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war Bertha höchst angenehm; den Neugierde war ein Hauptfehler des Mädchens, und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich darin befinden, genau untersuchen und durchblättern, und Dich damit recht angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß, denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern, dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster, vor welchem schöne Blumen in Töpfen standen, womit man Hildegarden bei ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht, und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte: und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte, verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe – ihrer Kammerjungfer – nach. Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eine Wäsche für ihre Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten, so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen – (sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) – und nach Gewohnheit noch eine Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen! Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft, Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke, die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre Neigung zur Naschhaftigkeit hatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen, ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit, die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr muthig widerstehen sollte.

»Ach nur sehen will ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, es ist Sünde!« sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachheriges vergrößertes Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl, wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge: »Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen, und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie, »du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben, sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche Töchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme, brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie, seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran, ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das schändlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe, allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen. Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen – sie fiel, als dies einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach. Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den, im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. –

Belohnte Gastfreundschaft.

Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig, daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß aus der Hand, und jagte ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt. Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;« versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie! Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern, allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte. Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt, bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth. Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde, so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich. Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, die ihr angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben geschildert ward. Bald erschien von Volkmar – so hieß Heinrichs Vater – ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt. Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, für den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha (wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete Brieftasche.

Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus. Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte, diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn: die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen, die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen, die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen, und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte. Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte, eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der erste, der es versuchte, und – siehe da – des Wassersspiegels Decke krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« – rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! – Wohl erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten, und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn, und nachher waren – wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern Umstände des Ereignisses gar bald vergessen. Späterhin aber dachte ich öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!« fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob abtrat.

Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied von ihnen.

Die plauderhafte Dienerin.

So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal ihre Hoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein, in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im Geiste ein – »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters, und endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen, und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem, von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief, sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch erfüllt wurde.

Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge, und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener. Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe, ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern, vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.