Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward, und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie, noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu fördern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war, so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben, und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie allein zu treffen. – Einmal sah sie Bertha – ihrer Meinung nach – im Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her, und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein Geheimnis! – Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« –

Emma (denn sie war die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das, was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf, trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.« Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen, stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde, wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.

Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.

Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller Hausgenoßen war unbeschreiblich. – Emma und Bertha wichen nicht von dem Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem, durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden, denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen; und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen sie jezt nur eine Seele zu seyn. – Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug zu geben. – Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung, und hob das schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig werden konnte: ob Emma oder Bertha.

Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte. Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war. Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus. Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause, welchen vor der Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand, durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließen es sich nicht nehmen, jedes aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter, als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen, jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen, und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mädchen staunte über die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen, und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich befanden.

Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren, aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.

Das Genesungsfest.

Mehrere Monate gehörten dazu, bis Frau v. Falkensee sich völlig erholte. Unterdessen war die glückliche Veränderung mit Tellheims vorgegangen, und durch die Töchter veranlaßt, traten die Mütter ebenfalls in ein freundschaftliches Verhältnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth, die Freundin einer so vorzüglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden, diese und jene schmerzte es nur, daß der Genuß des persönlichen Umgangs bald für sie verloren ging, weil die Verhältnisse der Ersteren, wie schon gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.

Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten sie noch ein schönes Fest, welches sie Wollmanns thätiger Theilnahme hauptsächlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besaß für alles Gute und Schöne ein reges Gefühl, und dieser Sinn sprach sich bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer glücklichen Ehe lebend, gehörte er und seine würdige Gattin zu Falkensee's Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glück, wie ehedem im Unglück auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen. Seine Freude über ihre ihm gelungene Herstellung, so wie über die der Majorin war innig und aufrichtig, und sie drängte ihn, auch öffentlich dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten ärztlichen Besuche, welche er bei Frau v. Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling – Emma – bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier, in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan, und versprach mit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen zu befriedigen. Herr v. Falkensee wurde natürlich auch mit in den Rath gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann bot seine Wohnung zur Ausführung ihres Unternehmens an, und er und seine Gattin sorgten unermüdet thätig für alle Erfordernisse dazu. An dem dazu bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft. Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf die, einiger Söhne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt gemacht. – Als Alles gehörig vorbereitet war, und die jungen Leute sich schon länger entfernt hatten, führte der Hauswirth die Väter und Mütter in einen geräumigen Saal, welcher sehr zweckmäßig in ein Schauspielhaus umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang in die Höhe; und Emma stand da in wunderlieblicher, mädchenhafter Schüchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich die gehörige Faßung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne Anstoß folgende Strophen:

Ihr lieben Herrn und Damen!