Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brüder in dem Falkensee'schen Hause für die lezt genoßene Ehre abzustatten gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich nun, daß Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag erschien Walther wieder in der Wohnung des Majors, und zwar mit einer Stutzperücke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war, in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strümpfen und breiten Schuhen mit kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grüne Weste mit langen Schoßen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt, in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem Knopf. Auf der Straße hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Fräulein Emma. Die anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn führen, allein er bestund darauf, das Fräulein sprechen zu müssen; da öffnete sich die Wohnzimmerthüre, weil die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hörte, und Walther trat ohne viele Umstände ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen über die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrücklich, um sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wäre? und als sie es bejahte, äusserte er: der Künstler Walther habe ihn geschickt, um Emma die, bei ihm zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, daß er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofür er um Verzeihung bitten lasse. Das Mädchen staunte, eben so die anwesenden Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die Perücke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er sich der Familie näherte, rief Alles aus einem Munde. »Ach Walther, Walther ist es! wie drollig! Nein wer hätte dies gedacht!« Franz und die Schwestern brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stück an des verkleideten Anzug; selbst die Aeltern – der Vater kam zufällig dazu – konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der größte Spaß vorüber war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Töchtern desselben unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu dürfen; denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner sehr beschränkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schülerin annehmen. Beide Mädchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha von Emma immer im Zeichnen übertroffen wurde, so diese von ersterer stets in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten Noten, entzückte jeden, der es hörte; besondere ihren Lehrer, welcher es nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron bewußt war, und dies beglückte den wackern Jüngling sehr. – Falkensee hatte nämlich den Brüdern früherhin, durch seine Bekanntschaft mit obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts verschaft, und sie, da der Vater kein Vermögen besaß, von Zeit zu Zeit mit Geld unterstüzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben. Walther mißbrauchte überdies anfangs die Freiheit, die er ausser dem älterlichen Hause genoß, und gerieth durch böse Gesellen auf Abwege. Vorzüglich ergab er sich dem Spiel, und stürzte sich einst in eine verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wußte keinen Ausweg, als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letzterer lößte Walthers Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jüngling zu sich, und machte demselben so rührende Vorstellungen, daß er von Reue ganz zerknirscht, seinen Wohlthäter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurühren. Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Störung mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu können, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner Töchter eine günstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig benüzte, und der Erfolg veranlaßte dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:

»Wohlthun trägt Zinsen.«

pag. 163.

Die Wette.

Der wichtige Fund.

Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden. Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reiben ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie; der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden. Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein: »Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei unserm Schicksal verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu. »Allen Armen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aber etwas für Jene zu thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde, der so eben durch Franzens Aeußerung in mir seine Entstehung erhielt. Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so meine Lieben?« – Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« – »Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau, sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten, Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit zweckmäßig zu belohnen.

Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab: daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes gesittete Mädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden, daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls loben und danken!« – Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen, sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme Kinderchen ein, und fühlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen Tanze drehen.

Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, – kurz es war ein Festtag für sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt und eine milde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes, und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in die Seele zurück rief.

Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen, es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden, allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber konnte es lange, lange nicht verschmerzen.